Auf der Sonnenseite des Lebens: Im offenen Continental GT ist es Schluss mit der vornehmen Blässe im Oberhaus

Wer einen Bentley fährt, der hat es auf die Sonnenseite des Lebens geschafft – egal wie gut oder schlecht das Wetter ist. Doch zumindest in den letzten Monaten musste man dabei auf die passende Bräune verzichten. Denn weil sich der Generationswechsel beim Continental GT ein wenig gezogen hat, ließ das Cabrio noch auf sich warten. Aber jetzt machen die Briten Schluss mit der vornehmen Blässe im Oberhaus und bringen im Juni für mehr als 20  000 Euro Aufpreis auch wieder eine offene Version ihres Gran Tourismo in den Handel.

Der trägt ein ganz traditionelles Verdeck, das mit einem Stoffdach in etwa so viel gemein hat wie ein Nerzmantel mit einem Trenchcoat. Nicht nur, weil es zu den größten und teuersten Dächern gehört, die die Cabrio-Welt zu bieten hat und es deshalb Elektromotoren braucht, mit denen man wahrscheinlich auch einen Kleinwagen antrieben könnte, wenn man dieses riesige Zelt selbst bei Tempo 50 binnen 19 Sekunden zusammenfalten und hinter der Rückbank ablegen möchte. Sondern auch, weil es so gut isoliert ist, dass man unter der Haube in seiner eigenen Welt fährt. Kein Mucks dringt dann von draußen nach drinnen, kein Mief und erst recht kein Luftzug und Bentley ist zurecht stolz darauf, dass es im neuen Cabrio bei geschlossenem Dach genauso leise zugeht, wie im alten Coupé.

Das ist zwar alles schön und gut aber natürlich nicht der Sinn der Sache, sondern ein Cabrio fährt man gefälligst unter freiem Himmel. Sobald man also in der überladenen Mittelkonsole den passenden Knopf gefunden hat, lässt man das Verdeck lautlos nach hinten gleiten und aalt sich unter der Sonne. Allerdings fühlt man sich dabei mehr als in jedem anderen Cabrio wie auf dem Präsentierteller: Denn der Continental ist so protzig und prächtig, dass er alle Blicke fängt. Nur gut, dass der Wagen innen so edel ausgeschlagen ist und das ganze Kunsthandwerk genau wie das in der Mittelkonsole rotierende Display mit Touchscreen und Analoguhren wenigstens ein bisschen der Aufmerksamkeit von in den Insassen ablenkt.

Setzt sich der Koloss dann in Bewegung, ist das Fahrerlebnis zwar noch intensiver, weil man die Geschwindigkeit jetzt mit allen Sinnen spüren kann und tatsächlich sogar ein bisschen was vom flüsterleisen Zwölfzylinder hört. Doch bocksteif und bärenstark gibt es beim Fahren sonst keinen Unterschied – weder bei der Verwindung, noch bei der Beschleunigung. Nicht einmal bei der Höchstgeschwindigkeit.

Schließlich schüttelt der 6,0 Liter große Zwölfzylinder ganz nonchalant 635 PS und bis zu 900 Nm aus dem Ärmel – da ist einem jede Anstrengung fremd. Egal, ob das Cabrio nun zwei Zentner mehr wiegt oder nicht. Denn der Doppelturbo leistet Erstaunliches. Wuchtet er doch die Fuhre in imposanten 3,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h und danach ungerührt und weitgehend ungehört weiter bis 333 km/h. Selbst der McLaren Senna ist als waschechter Rennwagen mit Straßenzulassung kaum schneller.

Aber anders als früher ist der Bentley kein Hochgeschwindigkeitszug mehr und nur auf der geraden schnell. Sondern all seinem Gewicht zum Trotz geht er, wie es sich für einen Supersportwagen gehört, auch erstaunlich schnell ums Eck. Wozu haben ihm die Ingenieure schließlich zum voll variablen Allradantrieb und der von wolkenweich nach bretthart schaltbaren Luftfederung auch noch einen Wankausgleich mit 48-Volt-Technologie eingebaut. Extrem schnelle Elektromotoren variieren die Stabilisatoren damit so, dass sich der Wagen kaum mehr in die Kurven neigt und entsprechend schneller um die Kurve kommt.

Und wo einem im Coupé dabei das Gespür für die Welt da draußen schnell abhanden kommt, ist man Cabrio ein wenig näher im Hier und Heute. Zwar behindern Luxus, Lack und Leder hier den Blick auf das wahre Leben hier noch mehr. Und auch das Cabrio ist bei aller Leistung so leise ist und bettet die Passagier so weich auf Wolken, dass man mit jedem Kilometer weiter der Realität entrückt. 120, 180 oder 240 – wie schnell man fährt, fühlt man da schon längst nicht mehr, so mühelos ist der Continental unterwegs. Doch auch der neue, noch feinfühligere Nackenföhn und das irgendwie ziemlich popelige Windschott können die Realität nicht ganz wegwehen, so dass einen spätestens der Wind der schnellen Fahrt in die Wirklichkeit zurück bläst.

Leistungsstark und leidenschaftlich, lustvoll und luxuriös, stark, schnell, sportlich, opulent und offenherzig – so wird der Continental GT als Cabrio zu einer der attraktivsten Sonnenbänke der Saison und hat sogar eine Art eingebauten Lichtschutzfaktor: Wer sich nach einem allzu langen Sonnenbad nach der vornehmen Blässe zurücksehnt, dem empfiehlt sich ein Blick in die Preisliste: Bei einem Grundpreis 228 480 Euro weicht einem die Farbe nämlich schnell wieder aus dem Gesicht.