Auf dem Weg in eine neue Zeit: So probt die PS-Branche in Los Angeles die Zukunft

Die PS-Branche erfindet sich neu. Nirgendwo wird das deutlicher als auf der Autoshow in Los Angeles. Nachdem die Industriegiganten noch vor acht Wochen auf dem Pariser Salon die Tristesse gepflegt und Trübsal geblasen haben, geben sie sich in Hollywood wieder optimistisch und vor allem zukunftsfest. Denn die Stars der Messe sind Studien, die bei Design und Technik einen riesigen Sprung machen und trotzdem bald in Serie gehen.

Der ungekrönte Schönheitskönig ist dabei der Audi e-tron GT. Nachdem das erste Elektroauto im Zeichen der Ringe ein ebenso beliebiges wie behäbiges SUV geworden ist, gibt er den verführerischen Gran Turismo, der Ende 2020 auf die Straße kommen soll. Und als wären die faszinierenden Formen nicht schon interessant genug, lockt er mit nicht minder spektakulärem Fahrleistungen. Angetrieben von zwei Motoren mit zusammen 590 PS und befeuert von mehr als 90 kWh Akkupower für über 400 Kilometer Reichweite, schafft er es in 3,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h und wird erst bei 240 km/h abgeregelt.

Während der e-tron GT nur eine Nische bedient und deshalb auch von Audi Sport verantwortet wird, stehen in Los Angeles noch zwei andere wegweisende Showcars mit mehr Breitenwirkung: BMW zeigt mit dem iNext zum ersten Mal vor großem Publikum, wie ein elektrischer und autonomer Geländewagen für die Luxusklasse daher kommen könnte und lässt so den brandneuen X7 nebendran schon zur Premiere verdammt alt aussehen. Und das Start-Up Revian macht sich mit dem R1T daran, das größte und traditionellste Segment des US-Marktes umzukrempeln – mit einem elektrischen Pick-Up im Format des Millionsellers, mit über 600 Kilometern Reichweite und dem Versprechen, bis 2020 tatsächlich in Serie zu gehen.

Der Verlierer in diesem Spiel ist ein Auto, das sonst für gewöhnlich der Star jeder Show ist: Der Porsche 911. Er geht in Los Angeles in die achte Genertation und kommt bei uns im Frühjahr in den Handel. Doch anders als die serienreifen Showcars zeugt er nicht vom Aufbruch in eine neue Zeit, sondern versucht es noch einmal mit Evolution statt Revolution. Das gilt fürs Design genau wie für die Technik: Denn sehr zur Freude der Porsche-Puristen und sehr zur Sorge derer, die ein wenig weiter nach vorne blicken, bleibt es bei den bekannten und nur im Detail optimierten Boxer-Motoren mit zunächst 450 PS im Carrera S. Dabei ist der Plug-In-Hybrid schon vorbereitet und hätte dem Auto zumindest für die Messe gut zu Gesicht hat gestanden.

Aber allein mit der Aussicht auf einen Steckdosenanschluss wirkt der Porsche unter den konventionellen Neuheiten noch am progessivsten. Denn Mercedes hat beim Facelift für den AMG GT nur ein paar neue Bildschirme und Display-Tasten im Innenraum, neue Scheinwerfer sowie das nachgeschärfte Sondermodell GT-R pro zu bieten, hat aber vier Jahre nach dem Start die Finger von den Motoren gelassen. Der Gladiator auf Basis des Jeep Wrangler ist als erster Pick-Up in über 70 Jahren Jeep-Geschichte eher ein Eingeständnis völlig verschlafener Produktplanung als eine Innovation und der neue M340i bei BMW als einziger Sechszylinder im Line-Up der neuen Limousine trotz seiner 374 PS nicht viel mehr wert als eine Fußnote in der Messeberichterstattung. Selbst der neue Kia Soul als coole Kiste aus Korea macht da mehr her – erst recht mit der Zusage, dass er nach Europa nur noch als Elektroauto kommt.

Die beiden mit Abstand ungewöhnlichsten Antworten auf die aktuellen Fragen der PS-Branche sieht man allerdings bei Mazda und bei Volvo. Die Japaner schwimmen mal wieder komplett gegen den Strom, wollen nichts wissen von Elektroantrieb und autonomen Fahren und setzten beim neuen Mazda3 neben einem revolutionären Benziner mit der Kompressionszündung des Diesels bei Schräg- und Stufenheck vor allem auf die vielleicht verführerischsten Formen in diesem Segment. Und die Schweden emanzipieren sich gleich ganz vom Blech: Zum allerersten Mal auf einer Automesse haben sie einen Stand, auf dem gar kein Auto zu sehen ist.



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