König im Großstadt-Dschungel: Mit mehr Platz und mehr Premium will sich der Tiguan auf dem SUV-Thron halten

Er ist im wörtlichen wie im übertragenen Sinne so etwas wie der Golf fürs Grobe: Denn der VW Tiguan basiert nicht nur auf dem Wolfsburger Erfolgsmodell, sondern beherrscht auch das SUV-Segment so dominant wie der König der Kompaktklasse das seinige. 2,8 Millionen Exemplare in neun Jahren machen das meistverkaufte SUV der Republik neben Polo, Golf und Passat zwar zu einer tragenden Säule, freut sich Produktmanager Thomas Treptow. Doch für den Nachfolger, der Ende des Monats zu Preisen ab zunächst 30 025 Euro ausgeliefert wird, ist das auch eine schwere Bürde. Dabei hat es die zweite Generation doch ohnehin schon nicht leicht, nachdem sie die Zahl der Konkurrenten mittlerweile glatt verfünffacht hat. Damit sich der aktuelle König im Großstadt-Dschungel trotzdem auf dem SUV-Thron halten kann, zieht VW alle Register: Der Tiguan wird schicker, schlanker und sparsamer und bietet trotzdem spürbar mehr Platz. Er wird schlauer und sparsamer und macht beim Fahren auch noch mehr Spaß. Und sicherer ist er natürlich auch, prahlt Treptow.

Möglich wird all das – wie könnte es anders sein – durch den modularen Querbaukasten, der schon dem Golf bei seinem letzten Quantensprung geholfen hat. Zum ersten Mal bei einem SUV im VW-Konzern eingesetzt, sinkt mit ihm nicht nur das Gewicht um bis zu 50 Kilo, sondern vor allem verbessern sich die Proportionen: Die Länge wächst um sechs, der Radstand sogar um knapp acht Zentimeter, außerdem wird der Tiguan je drei Zentimeter flacher und breiter. Deshalb steht das Auto satter und sportlicher auf der Straße: War der Vorgänger die in Blech gepresste Biederkeit, wirkt der Neue tatsächlich ein bisschen so, als könne er ein bisschen den  Blutdruck steigern.

Aber von der neuen Architektur profitiert nicht nur die Form, sondern mit dem Format wächst vor allem der Innenraum. Auf den Sitzen hat man mehr Schulter- und vor allem im Fond spürbar mehr Kniefreiheit und der Kofferraum schluckt künftig eine Tasche mehr: 615 Liter passen bei voller Bestuhlung hinter die große Klappe (plus 50 Liter), und wenn man die um 18 Zentimeter verschiebbare Rückbank flach legt, gehen 1 655 Liter hinein – 145 Liter mehr als bisher. Damit bietet der Tiguan nicht nur das beste Verhältnis von Platzangebot und Verkehrsfläche in dieser Klasse, wie Produktmanager Treptow schwärmt. Sondern er macht auch zwei dicke Fragezeichen hinter Golf SportsVan und Golf Variant.

Dazu gibt es ein Interieur, das wie immer bei VW betont nüchtern und gleichermaßen nobel ist, mehr Assistenten denn je und natürlich die aktuellste Infotainment-Generation samt Smartphone-Integration, Online-Navigation und Rundum-Kamera. Und anders als den Golf kann man den Tiguan auch mit dem digitalen Kombiinstrument aus dem Passat bestellen. Nur die Plexiglasscheibe fürs Head-Up-Display will mit ihrem Nachrüst-Charme irgendwie nicht zum vornehmen Hightech-Ambiente passen.

Für den Antrieb stehen mittelfristig je vier Benziner und Diesel zur Wahl, die ein breiteres Leistungsspektrum abdecken und um bis zu 24 Prozent sparsamer werden: Los geht jetzt bei 115 PS und die Spitze markiert vorerst der Power-Diesel aus dem Passat, mit dem der Tiguan auf 240 PS kommt und auch auf der Überholspur den Ton angeben dürfte.

Tonangebend im Verkauf ist und bleibt jedoch der bisheriger Bestseller: Der 2,0-Liter-TDI mit 150 PS und bis zu 340 Nm, der mit Allrad und Doppelkupplung auf dem Prüfstand mit 5,6 Litern zufrieden ist, Er schafft den Sprint auf Tempo 100 in 9,3 Sekunden und kommt mit etwas Anlauf auf 200 km/h. Wem das zu träge ist oder wer oft auf der Autobahn fährt, dem empfiehlt sich als Kompromiss der starke Bruder mit 190 PS und 400 Nm. Der Motor knurrt zwar ein wenig lauter, steht dafür aber deutlich besser im Futter und macht entsprechend mehr Dampf. Nicht umsonst schafft er die 100 km/h  in 7,9 Sekunden und fährt immerhin 212 km/h schnell.

Wer diesen Elan geschickt zu nutzen versteht, der spürt sogar einen Unterschied bei den relativ gleichförmigen Fahrprogrammen, die über den gleichen Drehschalter gewechselt werden, mit dem man auch die Offroad-Eigenschaften dem jeweiligen Terrain anpasst. Nötig sind solche Spielereien aber eigentlich nicht. Die Fahrprogramme kann man sich sparen, weil die Lenkung in jedem Fall präzise ist und das Fahrwerk eine gute Balance zwischen Komfort und Härte findet. Und das Offroad-Setup wird hinfällig, wenn die Abenteuer des Alltags schon an der Bordsteinkante enden. Ganz so schlecht sind die Straßen im Dschungel der Großstadt schließlich auch nicht.

Mehr Platz für Kind und Kegel, sportlicher und sparsamer und mit elektronischen Extras für alle Eventualitäten vom Stau bis zur Schlammlawine gewappnet – so wird der  Tiguan in der zweiten Auflage zum perfekten Allrounder, der viele andere Golf-Varianten eigentlich überflüssig macht. Doch statt die Familie etwas einzudampfen, wird sie künftig sogar noch ausgeweitet. Denn der neue Tiguan markiert erst den Anfang einer ganzen SUV-Offensive und zieht noch mindestens drei Varianten nach sich: Für Großfamilien gibt es zumindest in den USA und China eine Version mit langem Radstand und dritter Sitzreihe, für Schöngeister ein Coupé und für all jene, denen das alte Format besser gepasst hat, bald noch einen kleinen Bruder.



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