Ciento Once: Ein Traum von einem Supersportwagen

Mercedes-C111-Epigone: Ciento Once heißt das Auto, dass die Tuningfirma GWA aus San Antonio plant.

Den kenn’ ich doch? Genau, irgendwo hat man dieses Auto schon einmal gesehen. Das Gefühl stimmt – und auch wieder nicht, denn der silberfarbige Sportwagen mit dem Mercedes-Stern am Bug ist derzeit noch eine Vision – und zwar die eines Remakes des legendären Mercedes-Experimentalautos C 111 aus dem Jahr 1969.

Damals enthüllten die Schwaben einen orangefarbenen Keil mit Flügeltüren, der die Autowelt auf Anhieb faszinierte. Wegen seines Designs, mehr noch aber wegen der Antriebstechnik, denn im Heck des originalen C 111 steckte ein Dreischeiben-Wankelmotor mit mit 258 PS. In einer zweiten Version des Konzept-Sportwagens verbaute Mercedes gar einen Vierscheiben-Wankelmotor mit 350 PS Leistung, der bis zu 300 km/h schnell war. 1976 schließlich wurde eines der insgesamt zwölf produzierten C 111-Modelle mit einem Fünfzylinder-Turbodiesel ausgerüstet, um auf dem Hochgeschwindigkeitskurs im italienischen Nardo reihenweise Diesel-Weltrekorde aufzustellen. Eine Serienfertigung jedoch erlebte das Modell C 111 nie.

Jetzt plant Arturo Alonos, Chef des texanischen Mercedes-Tuners GWA aus San Antonio genau dies. Er will quasi den C 111 reanimieren, oder zumindest dessen Formensprache. Der Name des künftigen Wagens, der derzeit nur als Projekt im Computer existiert, lautet Ciento Once – spanisch für einhundertelf.

Traum vom Fliegen: Wie das große Vorbild Mercedes C 111 soll auch der Ciento Once Flügeltüren bekommen.

Optisch ähnelt der Wagen mit Gitterrohrrahmen und Aluminiumkarosserie stark dem Original von 1969. Neu ist allerdings ein ausfahrbarer Spoiler am Heck – und die Technik. Für Vortrieb soll ein V12-Motor von Mercedes-AMG mit 408 PS sorgen, Komponenten wie die Bremsanlage oder das Fahrwerk stammen ebenfalls aus Modellen des Stuttgarter Herstellers. So jedenfalls der Plan. Im Innenraum herrscht der Stil der siebziger Jahre vor – mit einer spartanisch-sportlichen Einrichtung und einem lässigen Karo-Muster auf den Bezügen der Karbonsitze.

Ob das Auto je gebaut wird, ist völlig offen. Offenbar harrt Arturo Alonso nun erst einmal der Dinge und wartet, ob und wie viele Millionäre sich bei ihm melden mit dem dringenden Wunsch, ein Auto wie den Ciento Once zu besitzen. Der Wagen selbst dürfte ziemlich teuer werden. Und ob er wirklich einen Mercedes-Stern auf der Nase tragen würde, ist wohl auch fraglich. Denn wenn es um Markenrechte geht, kennen Autohersteller keine Ausnahmen.


Mercedes C 111: Ein Traumwagen als Technologierträger

Ein Auto wie aus einer anderen Welt: Der Mercedes C 111 auf der Teststrecke in Papenburg.

Sie sind nicht nur luxuriös und sportlich, sondern für Mercedes waren die Flügeltürer immer auch Technologieträger. Das gilt für den 300 SL mit Leichtbau-Karosserie und dem Benzin-Direkteinspritzer ebenso wie für den neuen SLS, der in zwei Jahren als erstes Elektroauto der Marke an den Start gehen soll. Und das gilt besonders für den C111, der es – zu seiner Zeit bedingt durch die Ölkrise – gar nicht über das Stadium als Technologieträger hinaus gebracht hat.

Ganz am Anfang allerdings sah es für den C111 gar nicht so schlecht aus. Zum ersten Mal gezeigt auf der IAA in Frankfurt 1969,  war das leuchtend orange lackierte Coupé aus der Feder von Bruno Sacco zunächst als Erprobungsträger für den Wankel-Motor gedacht. Je ein halbes Dutzend Exemplare mit einem 280 PS starken Dreischeiben-Motor und einem Vierscheiben-Wankel mit 350 PS wurden gebaut und erreichten bei Tests weit über 300 km/h. Das machte weltweit passionierte Schnellfahrer aufmerksam, und bei Mercedes, so berichten es zumindest Insider, wurde sogar über eine Kleinserie nachgedacht.

Doch dann kam die erste Ölkrise, und ein neuer Supersportwagen hätte einfach nicht in die Zeit gepasst. Also zogen die Schwaben die Konsequenzen und stampften die Idee vom neuen Flügeltürer wieder ein, bevor sie überhaupt größere Dimensionen angenommen hatte.

Für einen der Wankel-Prototypen hatten die Ingenieure jedoch noch Verwendung. Denn die Kunden verlangten immer lauter sparsame Motoren, und Mercedes hatte den Dieselmotor als einen Heilsbringer in dieser Situation auserkoren. Das Problem: Der aus dem Modell Strich-Acht bewährte Selbstzünder galt zwar als Musterbeispiel an Robustheit, er galt aber als extrem zäh. Der Plan war also, dem Dieselmotor in einem tollen Sportwagen ein dynamisches Image zu verpassen.

Macht hoch die Tür, das Tor macht weit: Wie der SL und der SLS war auch der C 111 ein Flügeltürer.

1976 zog daher in einem C111 der Wankelmotor aus – und ein drei Liter großer Fünfzylinder-Diesel aus dem 240D 3.0 hielt Einzug. Allerdings nicht als Saugdiesel mit bescheidenen 80 PS. Sondern mit Hilfe eines Turbos war die Leistung auf 190 PS geklettert. Die Mühe lohnte sich: Bei Rekordfahrten in Nardo stellten die Entwickler mehr als ein Dutzend Bestzeiten auf und schafften bei ihrer 60-stündigen Raserei ein Durchschnittstempo von 252 km/h. Damit waren alle Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Dieselmotors widerlegt und der Selbstzünder schaffte es anschließend bis in die S-Klasse. Der Rekordwagen selbst jedoch, dem im Jahr darauf noch ein silberner Stromlinienrenner mit 230 PS und einer Spitzengeschwindigkeit von mehr als 300 km/h folgte, fuhr von Nardo aus nahezu direkt ins Museum und pendelte dort zwischen Ausstellung und Aservaten-Kammer. Mehr als 30 Jahre lang wurde der C 111 nur noch geschoben und war irgendwann vollkommen eingerostet.

“So ein Auto kann man nicht einfach hin- und herschieben”, sagt Gert Straub aus dem Mercedes-Classic-Center in Fellbach. “Der muss aus eigener Kraft fahren, und zwar möglichst schnell.” Deshalb kam die orangefarbene Flunder im Jahr 2007 auf die Hebebühne und wurde binnen zwei Jahren so weit restauriert und repariert, dass er jetzt wieder um die Bestzeit fahren könnte.

Dass das Auto trotzdem verbastelt aussieht, liegt an seiner Entstehungsgeschichte. Die Karosserie war zwar nach den damaligen Idealen der Ästhetik und Aerodynamik durchgestylt, doch weil der C 111 nie eine Designstudie, sondern immer ein Technologieträger war, wurde der Innenraum aus dem Teileregal ausstaffiert. Schalter aus den Vorläufern von E- und S-Klasse, ein Holzlenkrad wie in einem alten SL, Instrumente aus der Versuchsabteilung und Schalensitze aus dem Rennsport. Dazu einige Laubsägearbeiten und meterweise schwarzes Klebeband – fertig war das wahrscheinlich schnellste Versuchslabor der siebziger Jahre.

Kurioses Kraftpaket: Statt des Wankelmotors bauten die Ingenieure einen Diesel ein - auch der war damals in einem Sportwagen ausgesprochen ungewöhnlich

Von diesem Reiz hat der Renner bis heute nichts verloren. Seit letztem Winter läuft der Diesel wieder, durfte bislang aber nur bei Oldtimer-Veranstaltungen promenieren. Jetzt allerdings war MOTOSOUND noch einmal auf jenem Terrain unterwegs, für das der C11 gebaut wurde – auf den Steilkurven einer Teststrecke. Zwar klebt schon nach den ersten Kilometern das Hemd am Rücken, so heiß wird es in der Kabine aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Doch der Diesel im Heck läuft immer ruhiger und kraftvoller, und Gert Straub lässt es krachen. Einen Tacho gibt es nicht im riesigen Armaturenbrett. Aber wenn stimmt, was die Entwickler vor mehr 30 Jahren ausgerechnet und neben das Lenkrad gepappt haben, dann reichen 4700 Touren im fünften Gang für 275 km/h – da muss sich selbst der neue CL 63 AMG, der hier ebenfalls seine Runden dreht, gewaltig anstrengen, wenn er an der Flunder aus dem Museum dran bleiben will.