Schweden-Happen: Mit dem XC40 wagt sich jetzt auch Volvo auf Stelzen in die Stadt

Volvo XC60

Volvo XC60

Es reißt einfach nicht ab. Denn kaum eine Woche vergeht, in der nicht wieder irgendein Hersteller einen kleinen Geländewagen ins Rampenlicht rollt. Nachdem es zuletzt die Volumenmarken wissen wollten und Autos wie den Kia Stonic, den VW T-Roc oder den Citroen C3 Aircross in den Großstadtdschungel geschickt haben, schlägt jetzt das Pendel zurück und es gibt mal wieder was Neues für die Besserverdiener. Denn Volvo zieht nun das Tuch vom XC40, mit dem die Schweden erstmals gegen Autos wie den Mercedes GLA, den BMW X1 oder den Audi Q2 ins Rennen ziehen wollen. In den Handel kommt er zwar erst Anfang nächsten Jahres, doch bestellen kann man den kleinen Schwedenhappen schon jetzt – zu Preisen ab 31.350 Euro.

Für die Rückkehr in die Kompaktklasse nutzt Volvo die neue CMA- Plattform, die der Mutterkonzern Geely vor allem für seine neue Export-Marke Lynk & Co entwickelt hat. Darauf stellen die Schweden einen kleinen Geländewagen, der nur auf den ersten Blick aussieht wie ein zu heiß gewaschener XC60. Nicht umsonst ist er 25 Zentimeter kürzer und hat 17 Zentimeter weniger Radstand. Spätestens auf den zweiten Blick erkennt man dann allerdings ein paar neue Sicken und Kanten wie die riesige Hohlkehle unten in den Türen, die den 4,43 Meter langen Wagen jünger und dynamischer aussehen lassen. Genau wie die für Volvo fast schon gewagten Farben, die man mit einem weißen oder schwarzen Dach noch kontrastieren kann.

Volvo XC60

Volvo XC60

Dazu gibt es einen Innenraum, bei dem Volvo wie üblich bewusst andere Wege geht – selbst wenn es diesmal nicht für ein Bleikristall-Imitat auf dem unkonventionellen Startknopf reicht. Aber genau wie bei XC90 und XC60 ist der neuerdings etwas zum Fahrer geneigte Touchscreen senkrecht montiert und wie bei den großen Geschwistern sind zum Beispiel die Lüfterdüsen eine sehenswerte Seltenheit.

Bei der Ausstattung wir gekleckert und nicht geklotzt – zumindest, wenn man genügend Kreuze macht: Dann kann der Volvo bis Tempo 130 teilautonom fahren, er bremst für Fußgänger oder Querverkehr, und erkennt nicht nur, wenn der Fahrer die Spur verlässt, sondern wenn er komplett von der Fahrbahn abkommen sollte. Außerdem strahle die Scheinwerfer hinter der Signatur von Thors-Hammer auf Wunsch mit LED-Technik, natürlich kann man alle gängigen Smartphones integrieren und kabellos laden, beim Rangieren hilft die 360-Grad-Kamera und wie bislang nur bei Skoda gibt es sogar einen eingebauten Mülleimer in der Mittelkonsole.

Unter der Haube starten die Schweden zunächst mit je einem Benziner und Diesel, die allerdings beide erst für Preise jenseits von 45 000 Euro zu haben sind. Die Vierzylinder haben jeweils 2,0 Liter Hubraum und kommen mit achtgang-Automatik und Allradantrieb. Dabei leistet der Benziner stolze 247 PS und kommt damit auf 230 km/h und für den Diesel nennen die Schweden 190 PS und 210 km/h. Erst nach der Markteinführung folgt der T3 mit einem 156 PS starken Dreizylinder, Handschaltung und Frontantrieb, mit dem der Preis dann gleich um ein Drittel auf jene 31.350 Euro fällt, mit denen die Schweden mächtig Bewegung in das dicht besetzte Segment bringen wollen. Und auch für all jene, die über Normwerte von 7,3 Litern für den Vierzylinder-Benziner und 5,1 Litern für den Diesel stöhnen, hat Volvo einen Trost. Unter den Motoren für die weitere Modellplanung ist auch ein Hybrid.

Volvo XC60

Volvo XC60

Volvo profitiert nicht nur bei der Plattformentwicklung von seinen chinesischen Eigentümern und dem frischen Wind, den deren Marke Lynk&Co gebracht hat. Sondern der neue Geist befruchtet auch den Vertrieb der Schweden. Nicht umsonst haben sie die Bordelektronik des XC40 so programmiert, dass man den Wagen im Freundeskreis „sharen“ und auch Fremden Zugang gewähren kann wie bei einem Zimmer für AirBnB. Und nicht ohne Grund legen sie zum Start des XC40 auch ihr „Care by Volvo“-Programm auf, mit dem man Autos nicht mehr kaufen muss, sondern ähnlich wie ein Smartphone abonnieren kann. Dann gibt’s das Auto ganz ohne Preisverhandlungen und regionale Unterschiede für eine fixe Monatsrate – und selbst das Tanken oder Waschen übernehmen die Schweden.


Alter Schwede! Mit dem XC60 will Volvo der Konkurrenz wieder zeigen, wo Thors Hammer hängt

Normalerweise gibt es im Automobilgeschäft eine klare Nord-Süd-Verteilung: Je teurer die Autos sind, desto weiter im Süden sind die Hersteller zu Hause. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel: Ausgerechnet im Boomsegment der kompakten Geländewagen für Besserverdiener hat der Norden die Nase vorn. Denn nicht der Audi Q5, der BMW X3 oder der Mercedes GLC führen die Statistik an, sondern der Volvo XC60. Kein Wunder also, dass die Schweden in die Vollen gehen, wenn sie den Bestseller nach stolzen acht Jahren jetzt erneuern und am 22. Juli zu Preisen ab 48 050 Euro die zweite Generation in den Handel bringen.

Weil das Beste für den Bestseller gerade gut genug ist, bedienen sie sich für die Neuauflage bei nichts geringerem als ihrem Flaggschiff XC90. Auch der XC60 steht deshalb auf der so genannten SPA-Plattform, die außen knackige Proportionen und innen so viel Platz bietet, dass es bei 4,69 Metern Länge auch in der zweiten Reihe für reichlich Beinfreiheit und dahinter für stolze 505 Liter Kofferraum reicht, die sich auf 1 432 Liter erweitern lassen. Er übernimmt die nur dezent mit ein paar Sicken verfeinerte Designlinie und Details wie das von Thors Hammer inspirierte Tagfahrlicht. Und er bietet ein genauso cooles, cleanes und ungeheuer gemütliches Interieur wie sein großer Bruder.

Das von einer hellen, großen Schwinge aus Holz und Aluminium getragene Cockpit wird deshalb auch im XC60 dominiert von animierten Instrumenten und einem großen, senkrecht stehenden Touchscreen. Die wenigen Schalter, die diesen Bildschirm überdauern, werden dafür umso liebevoller inszeniert – wie zum Beispiel die metallene Walze für die Wahl der Fahrmodi oder der wie ein Ring gefasste Würfel, mit dem man den Motor anlässt. Selbst der Schlüssel ist ein kleines Kunstwerk für sich.

Die Motoren kennt man ebenfalls aus den 90er-Modellen – zumal Volvo erst einmal weit oben einsteigt und nur die starken Triebwerke samt Allrad und Automatik anbietet. Zwar malt Firmenchef Hakan Samuelsson die Zukunft des Diesels schwärzer als die meisten Konkurrenten oder spricht seine Skepsis zumindest deutlicher aus. Und nicht umsonst gibt es den XC60 vom Start weg auch als T8 mit Plug-In-Hybrid, einer Systemleistung von 407 PS, einer elektrischen Reichweite von 45 Kilometern und einem theoretischen Normverbrauch von 2,1 Litern.

Doch ist Volvo nach wie vor der Premium-Hersteller mit dem höchsten Diesel-Anteil, braucht die Selbstzünder zwingend zum Erreichen der CO2-Vorgaben und wird deshalb auch den XC60 vor allem wieder als Ölbrenner verkaufen. Und das ist auch gut so. Zumindest wenn man den D4 links liegen lässt und gleich in den D5 einsteigt. Der holt aus den 2,0 Litern Hubraum nämlich nicht nur 235 statt 190 PS und hat mit 480 das um 80 Nm höhere Drehmoment. Sondern er nutzt obendrein eine Art Druckluftspeicher in den niederen Gängen als Schrittmacher für den Turbo und kommt so spürbar schneller aus dem Quark: Für den Sprint von 0 auf 100 km/h braucht er deshalb 7,2 Sekunden und wenn man sich am kernigen Klang nicht stört, kann man mit immerhin 220 Sachen über die linke Spur brennen.

Wer die Lust am Diesel aus gegebenem Anlass verloren hat, der kann zwischen zwei Benzinern mit ebenfalls 2,0 Litern Hubraum wählen: Dem 254 PS starken T5 oder dem T6, der es auf 320 PS bringt. Damit schafft man den Spurt von 0 auf 100 dann zwar im besten Fall in 5,9 Sekunden und kommt bei Vollgas auf bis zu 230 km/h. Aber dafür gönnen sich die Triebwerke mit 7,2 oder 7,7 Litern schon auf dem Prüfstand ein Drittel mehr als die Diesel, die mit 5,1 oder 5,5 Litern in der Liste stehen.

Zwar sieht der XC60 bei aller Ähnlichkeit ein bisschen schnittiger aus als sein großer Bruder, man wähnt sich im statt auf dem Sitz, greift etwas engagierter zum Lenkrad und statt von „relaxed Confidence“ als Leitline für das Fahrgefühl sprechen die Schweden jetzt von „inspired Confidence“ . Doch so richtig dynamisch fühlt sich der XC60 selbst im schärfsten Fahrmodus nicht an. Zu weich ist die Luftfeder, zu stark wankt und rollt der Aufbau beim Lastwechsel, und zu soft ist die Lenkung, als dass man damit durch die Kurven räubern möchte. Zart statt hart, so mag es das Nordlicht und überlässt die Adrenalindusche lieber den deutschen Südländern. Genau wie den Vortritt bei Vollgas, wo selbst der schnellste Volvo nicht die bei BMW & Co zumindest für die stärkeren Modelle gesetzten 250 km/h erreicht .

Statt sich ins Lenkrad zu verbeißen, die Kurven zu kratzen und mit der Lichthupe zum Terroristen zu werden, lässt man es deshalb viel lieber ganz locker und entspannt angehen, kuschelt sich in die vielleicht bequemsten Sitze im Segment, lässt sich in ein dank des aktiven Lenkeingriffs bei drohenden Kollisionen noch enger geknüpftes Sicherheitsnetz fallen und kommt in dieser Wohlfühloase auf Rädern irgendwann zu einer erhellenden Erkenntnis: Wer länger fährt, kann auch länger genießen.

Schöner und schlauer, cooler und besser connected, geräumiger und gemütlicher – natürlich macht der Volvo XC60 beim Generationswechsel einen gewaltigen Sprung. Doch leider gilt das zumindest bis zur Verfügbarkeit der Basismotorisierungen auch für den Preis. Deshalb ist es ein schöner Trost, dass alte XC60 noch längst nicht zum alten Eisen gehört. Nachdem der Wagen im letzten Jahr sein bestes Jahr hatte und noch einmal auf knapp 15 000 Zulassungen kam, hat Volvo die Produktion über den Anlauf des Nachfolgers hinaus bis in den August verlängert.