Wolfsburg Rettungswagen: Mit Riesenkräften soll der Atlas den VW-Karren in Amerika aus dem Dreck ziehen

Der Santa Monica Pier ist mit Bedacht als Bühne für die Premiere gewählt, und es mangelt ihm nicht an Symbolkraft. Denn VW hat seinen neuen Midsize-Geländewagen nicht irgendwo in Los Angeles präsentiert. Sondern der gebeutelte Großkonzern hat die überfällige Antwort auf Dauerbrenner wie den Ford Explorer oder den Chevrolet Traverse ausgerechnet dort enthüllt, wo die legendäre Route 66 endet und sich seit hunderten von Jahren die Sehnsüchte nach einem besseren Leben im goldenen Westen bündeln. Und wenn sich eine Automarke in den USA nach einem besseren Leben sehnt, dann ist das VW. Schließlich war Amerika aufgrund einer verfehlten, aus Wolfsburg an den lokalen Bedürfnissen vorbei geplanten Modellpolitik schon vor dem Dieselgate die größte Baustelle in der VW-Welt und der Ärger um die manipulierten Selbstzünder hat die Stimmung nicht eben verbessert.

So wird der Geländegänger, der größer ist als ein Touareg aber weniger kostet als ein Tiguan, zum Rettungswagen, der den verfahrenen VW-Karren aus dem Dreck ziehen soll. Dass man dafür riesige Kräfte braucht, weiß auch VW und bringt das schon im Namen zum Ausdruck – nicht umsonst bedienen sich die Niedersachsen der griechischen Mythologie und haben den Hoffnungsträger wie einen der Titanen auf „Atlas“ getauft.

Zum ersten Mal konkret nach den Vorgaben aus Amerika entwickelt und gemeinsam mit dem Passat im US-Werk Chattanooga gebaut, soll der 5,04 Meter lange Koloss die Mütter der Mittelschicht ködern, die der Marke spätestens nach dem zweiten Kind bislang den Rücken kehren mussten. Diese Soccer-Mums locken die Niedersachsen nicht nur mit einem gegenüber den vielen Studien noch einmal bulligeren und rustikaleren Design, sondern vor allem mit jeder Menge Platz: Schließlich ist er diesseits von Caddy & Co der erste Siebensitzer im VW-Programm. Dafür haben die Niedersachsen die Plattform des Modularen Querbaukastens bis an ihre Grenzen gestreckt und so einen wahren Riesen auf die Räder gestellt: Mit 5,04 Metern ist das B-SUV noch ein gutes Stück größer als der Touareg, die Achsen stehen knapp drei Meter auseinander und schon ohne Spiegel misst er in der Breite volle zwei Meter.

Der Vorteil dieses Formats ist ein Platzangebot, wie es das in einem Pkw von VW bislang noch nicht gegeben hat: Vorn sitzt man so gut wie in Touareg oder Passat, wenn die verschiebbare zweite Reihe um etwa 20 Zentimeter nach hinten gleitet, kann man auch im Fond die Beine übereinanderschlagen, und selbst die dritte Reihe bieten mehr als nur zwei notdürftige Sitzgelegenheiten. Die beiden Klappsessel sind dank der riesigen Türausschnitte und dem mit einer Hand bedienbaren Mechanismus der vorderen Sitze nicht nur ungewöhnlich gut erreichbar, sondern taugen tatsächlich auch für Erwachsene.

Anders als der US-Passat ist der Atlas trotz des Kampfpreises kein Billigheimer: Statt die abgelegte Technik aus Wolfsburg aufzutragen, ist er bei der Ausstattung auf der höhe der Zeit: Es gibt – zumindest in den gehobenen Varianten – neben Lack und Leder auch das Virtual Cockpit, den aktuellen Stand der Infotainment-Technologie, LED-Scheinwerfer und ein ziemlich üppiges Paket an Assistenzsystemen.

Nur bei den Motoren ist die Auswahl eher mäßig. Nachdem sich Diesel im Augenblick von selbst verbieten, gibt es den Atlas erstmal nur mit einem 238 PS starken 2-Liter-Turbo oder dem betagten 3,6-Liter-V6-Sauger, der auf 280 PS kommt und bei maximal 360 Nm und einer betont soften Achtgang-Automatik zum soliden Highway-Cruiser wird. Obwohl der Wagen wohl eher durch die Suburbs kreuzen wird, hat VW ihn auch für Matsch und Modder ausgelegt, bietet ihn zumindest optional auch mit Allrad an und nutzt dann auch die vom Tiguan bekannten Fahrprofile. Schließlich wollen auch die Soccer-Mums mal zum Barbecue oder zu den Boyscouts.

Endlich mal ein VW von Format, mit Platz in Hülle und Fülle und das auch noch zu einem volkstümlichen Preis, der in Amerika wohl bei etwa 30 000 Dollar beginnen wird. Was dem Wagen jenseits des Atlantiks eine gute Ausgangsposition verschafft, macht es ihm bei uns umso schwerer. Denn der Atlas ist so groß, dass er in den Augen der Niedersachen die heimischen Straßen sprengen würde. Während sich zum Beispiel die Russen oder die Kunden in den Golf-Staaten auf eine Export-Variante freuen dürfen und in China auf der gleichen Basis mit etwas mehr Bling-Bling sogar ein eigenes Modell aufgelegt wird, schauen wir deshalb in die Röhre und müssen uns mit der für 2017 versprochenen Langversion des Tiguan begnügen. Allerdings darf man an dieser Begründung getrost seine Zweifel hegen. Viel eher könnte die Entscheidung auch daran liegen, dass ein Touareg zum Tiguan-Preis das europäische Gefüge der Modelle und Marken ein bisschen zu sehr ins Wanken bringen würde und zum Beispiel er neue Skoda Kodiaq plötzlich einen harten Konkurrenten aus den eigenen Reihen hätte.