Pickup-Evergreen Ford F-150: Western von gestern

Dickes Ding: Der F-150 ist ein Koloss aus Stahl, neben dem normale Autos plötzlich klein und schmächtig wirken.

John Wayne hatte sein Pferd, die Waltons einen Planwagen – und der moderne Amerikaner fährt einen Ford F-150. Denn nicht Kleinwagen, Elektroautos oder SUV, sondern Pickups sind die meistverkauften Autos in den USA. Und keiner der Pritschenwagen ist so erfolgreich wie der Ford F-150.  Mit der F-Serie nämlich dominiert die Marke dieses Marktsegment seit mittlerweile fast drei Jahrzehnten unangefochten. Allein in den ersten zehn Monaten dieses Jahres hat Ford 468.699 Modelle der F-Serie verkauft und damit den Spitzenplatz in der Statistik locker verteidigt. Das hat in Amerika bereits eine gewisse Tradition: Die F-Serie wird seit 1948 ununterbrochen gebaut, mittlerweile in der zwölften Generation. Auf den Plätzen der US-Autocharts folgen übrigens der Chevrolet Silverado und der Dodge Ram.

Leichter laden: Auf der Pritsche des Pickups könnte man fast einen Smart parken. Da muss sich beim Einkaufen keiner mehr beschränken.

Mit der europäischen Vorstellung von einem Allerweltsauto hat der F-150 allerdings nicht viel gemein. Zwar kostet das Standardmodell nicht einmal 24.000 Dollar und damit kaum mehr als ein VW Golf hierzulande. Doch gibt es dafür mehr Auto, als man jemals brauchen wird: Ein F-150 stellt gängige Pkw locker in den Schatten – schon allein der Größe wegen. Der Pickup ist 6,36 Meter lang, zwei Meter breit und über 1,90 Meter hoch – ein Auto, hinter dem sich auch locker ein VW Bus verbergen lassen würde. Das Design des Ford ist wuchtig, es setzt mit einem riesigen Kühlergrill aus glänzendem Chrom auf den ewigen Charme des Glitters und die bis zu 20 Zoll großen Räder tun ein übriges, um den Wagen nahezu unverwüstlich erscheinen zu lassen.

Schöner wohnen: Wer einen F-150 hat, braucht eigentlich kein Wohnzimmer mehr.

Natürlich gibt es die F-Serie auch mit handvernähtem Leder und fein poliertem Wurzelholz, mit allerlei Unterhaltungselektronik, als Sportmodell mit tief ausgeschnittenen Sitzen und roten Sicherheitsgurten oder im Harley-Davidson Trimm. Das Basismodell des F-150 jedoch ist wie so viele billige US-Autos innen eher grau und trist – aber immerhin hat man in der größten der angebotenen Kabinen reichlich Platz: Für jede Sitzreihe gibt es eigene Türen und im Innenraum locken vorn zwei Sitze, die jedes Wohnzimmer schmücken würden. Dazu gibt es genügend Getränkehalter für ein kleines Flaschenlager, eine Mittelkonsole mit mehr Stauraum als eine europäische Abstellkammer, eine Klimaanlage, die selbst die Sahara auf arktisches Niveau kühlen oder den Sommer nach Alaska bringen könnte und rundum Platz ohne Ende. Nur auf der Rückbank muss man sich ein wenig einschränken, weil die Lehne etwas steil steht. Dafür hat man weiter hinten Platz wieder reichlich Stauraum: Die Ladefläche würde auch als Parkplatz für einen Smart taugen, und mit bald fünf Tonnen Anhängelast können die Amerikaner mit dem F-150 sogar eines der üblichen Leichtbauhäuser an den Haken nehmen.

Kleines Kraftpaket: Mit 3,5 LItern Hubraum wirkt der F-150 fast ein wenig schnalbrüstig. Aber nur in der Theorie. In der Praxis können 365 PS und 570 Nm sehr wohl überzeugen.Unter der Haube steckt in der Regel ein Motor, der in Deutschland sportlich orientierten Fahrern und Tankwarten gleichermaßen den Glanz in die Augen treibt. Sechs- oder Achtzylinder-Benziner werden für den F-150 angeboten. Die Palette reicht bis zu Aggregaten mit 6,2 Liter Hubraum und 411 PS. Und darüber hinaus bieten diverse Tuningfirmen zahlreiche weitere Möglichkeiten, um das Auto noch schneller, stärker und brachialer zum machen.

Allerdings lernt auch der Ford-Pickup jetzt das Sparen – zumindest ein bisschen. Was in Wolfsburg Blue Motion heißt, das nennt der Amerikaner „Ecoboost“. Allerdings liegt die Betonung auf dem zweiten Teil des Kunstwortes. Denn Knauserkniffe wie eine Start-Stopp-Automatik oder ein regeneratives Bremssystem sucht man im F-150 vergebens. Stattdessen gibt es einen auf 3,5 Liter zurechtgestutzten Sechszylindermotor, der seinen Hubraumverlust mit Direkteinspritzung und Doppelturbo kompensiert. Die Leistung liegt bei 365 PS, das maximale Drehmoment bei 570 Nm; im Verbund mit einer sechsstufigen Automatik bringt die Maschine den Pritschenwagen so flott in Fahrt, dass einem am Steuer fast de Luft wegbleibt: Wenn 2,5 Tonnen in nur 8,3 Sekunden auf 100 km/h gewuchtet werden, schlackern selbst Sportwagenfahrer mit den Ohren. Und dass bei 161 km/h schon wieder Schluss ist, stört in den USA niemanden: Schneller als 75 Meilen oder 121 Kilometer pro Stunde darf zum Beispiel in Kalifornien ohnehin nicht gefahren werden.

Abgefahren: Am Strand von San Diego macht man mit dem F-150 eine gute Figur, in Sankt Augustin sähe das sicher anders aus.

Außerdem geht es im Pickup ums Reisen, nicht ums Rasen. Während das butterweiche, aber gar nicht mal so unbestimmte Fahrwerk die Insassen mit Blattfedern auch über die schlechtesten Straßen schaukelt und einem der zuschaltbare Allradantrieb samt aufwändigem Kontrolldisplay im iPad-großen Cockpit über alle Hindernisse hinweg hilft, gleitet der F-150 gelassen über den Highway. Der Drehzahlmesser fällt in Tiefen, die man sonst nur vom Diesel kennt, und der limitierende Faktor ist allein Fahrer. Denn auch wenn der F-150 die Normwerte von 15 Litern im Stadt- und 11 Litern im Autobahnverkehr in der Praxis nicht ganz schafft, kommt er mit einem überraschend vernünftigen Alltagswert von etwa zwölf Litern sehr weit mit einer Tankfüllung. Immerhin beträgt das Fassungsvermögen des Benzintanks 160 Liter, eine Menge, die für mehr als 1300 Kilometer Fahrt reicht. Das kommt an bei den Kunden, denn Amerika ist ein großes, weites Land.


Infiniti QX56: Nilpferd mit Edel-Innereien

Platz da, jetzt komm ich: Wo der Infiniti QX56 auftaucht, wird für alle anderen der Raum eng.

War da was? Klimasorgen, Rohstoffmangel, Absatzängste? All das haben die Nissan-Manager offenbar schon verdrängt. Während in Europa nach kleineren Pkw-Konzepten gesucht wird, dreht der luxuriöser Ableger Infiniti in den USA ordentlich auf und schickt dort mit der zweiten Generation des QX56 den vielleicht größten, auf jeden Fall aber imposantesten Geländewagen der Jetztzeit ins Rennen. 5,30 Meter lang, 2,7 Tonnen schwer und so feudal wie eine Flughafenlounge auf Rädern tritt er an gegen glamouröse Dickschiffe wie Cadillac Escalade, Mercedes GL oder Range Rover.

Für das Schaulaufen des Dickschiffs hat Infiniti nicht nur ein protziges Format, sondern auch einen attraktiven Preis gewählt, der mit umgerechnet 43.000 Euro ein Drittel unter einem vergleichbaren Mercedes GL liegt. Außerdem legen die Japaner auch beim Design alle Zurückhaltung ab: Sind die kleineren Modelle EX und FX noch vergleichsweise filigran und wohlproportioniert, ist der QX so dezent wie ein Rapper im Sonntagsstaat. Vielen Amerikanern gefällt das schwülstige Design mit dem großen Chromflächen im Kühlergrill, der aufgeblasenen Motorhaube, den verspielten Rückleuchten und den albernen Kiemen an der Flanke offenbar tatsächlich. Für Europäer dagegen sind die Proportionen so unausgewogen und die Stilmischung so kunterbunt, das der QX56 auf sie wirkt wie ein Nilpferd mit Edel-Innereien.

Nicht nur für Landeier: Auch in Manhattan fühlt man sich im Infiniti QX56 gut aufgehoben.

Denn sobald man die Tür öffnet, auf den Fahrersitz klettert und weit, weit über den Dingen thront, ist man mit dem Auto fast schon wieder versöhnt. Denn nicht nur das Platzangebot in allen drei Sitzreihen ist gewaltig, sondern auch das Ambiente kann sich sehen lassen. Die Sitze weich, das Leder samten, die Lacke glänzend, die Kunststoffe hochwertig und die Hölzer täuschend echt – viel schöner sieht auch ein Mercedes GL nicht aus.

Außerdem gibt es zumindest bei keinem der europäischen Wettbewerber so viele elektrische Helfer: Der Fahrersitz ist zehnfach, der Beifahrersitz achtfach elektrisch verstellbar, die Kofferraumklappe schwingt wie von Geisterhand auf, die Rücksitze verschwinden auf Knopfdruck im Ladeboden, das Lenkrad surrt fernbedient in die richtige Position. Und außerdem: Welches andere Auto bietet neun Becher- und vier Flaschenhalter und allein in der Mittelkonsole zwischen den Vordersitzen so viel Stauraum, dass man darin den Proviant für eine Woche lagern kann.

Ebenfalls buchstäblich großes Kino ist der Monitor des Navigationssystems. Auf dem sieht man die Landkarten nicht nur im Stil von Google Earth, sondern beim Rangieren auch eine aus dem Bild von vier Kameras zusammengesetzte Vogelperspektive. Damit verliert das gewaltige Format des Riesen selbst in engen Parklücken seinen Schrecken.

Nach alter Väter Sitte: Der V8 hat stolze 5,6 Liter Hubraum. Aber die Direkteinspritzung hilft beim Sparen: Obwohl er 25 Prozent mehr Leistung hat, verbraucht der Achtzylinder 10 Prozent weniger. Aber 14,7 Liter sind ja immer noch genug.

Nach der Formel „großes Auto, großer Motor“ montiert Infiniti im QX56 den neuen V8-Direkteinspritzer. Mit der Souveränität und der Gelassenheit eines alten Sumo-Champions schöpft er aus 5,6 Litern Hubraum 400 PS und 560 Nm. Damit schnurrt man vollkommen unaufgeregt über den Highway und lernt schnell, dass das Abenteuer nur einen Gasstoß weit entfernt ist. Denn der reicht trotz 2,7 Tonnen Leergewicht und einer Stirnfläche Marke Scheunentor für quietschende Reifen und die virtuelle Faust im Bauch, wenn sich der Koloss aufbäumt und ihn die ganze Macht der acht Zylinder nach vorne schleudert, als gerate ein Berg ins Rutschen. 0 auf 100 macht das Dickschiff in 7,3 Sekunden, und mehr als 200 km/h wären mit den entsprechenden Reifen sicher locker drin. Allerdings: Die vielen großen Zylinder wollen auch ordentlich gespült werden. Schon nach der laxen US-Norm schluckt der Riese 14,7 Liter je 100 Kilometer.

Im Grunde ist der Infiniti QX56 ist ein sanfter Riese für lange, gerade Highways. Aber auch in engen Kurven schlägt er sich überraschend gut, und wer einmal den pockennarbigen Broadway herunter gefahren ist, lernt 22 Zoll-Räder, viel Bodenfreiheit und eine sanfte Federung selbst in New York zu schätzen. Für richtigen Fahrspaß fehlen aber variable Dämpfer und ein wenig mehr Biss der Bremsen.

So faszinierend das Auto partiell auch wirkt: In Dallas oder Denver mag es angehen, in Dortmund oder Düsseldorf aber hat das Trumm nichts verloren. Das weiß auch Infiniti und hat deshalb entschieden, den QX56 hierzulande gar nicht erst anzubieten.