Land Rover Defender „Bigfoot“: Auf großem Stollenfuß

Eisiger Exot: Von den Bigfoots gibt es bei Land Rover nur zwei Exemplare.

Es ist morgens halb neun, draußen ist es noch fast dunkel und David trägt ein breites Grinsen: Der Winter hat Finnland fest im Griff, die Bäume biegen sich unter der Schneelast, die Temperaturen klettern selbst mittags kaum über -10 Grad, und auf den Feldern rund um Hämeenlinna türmen sich die Schneewehen. „Genau die richtige Zeit für eine kleine Landpartie“, sagt David und lässt rasselnd den Diesel seines Land Rover Defender an. Dann, wenn unsereins kaum mehr einen Fuß vor die Tür und erst recht nicht auf ein Gaspedal setzten möchte, fährt der Brite am liebsten. Denn David sitzt nicht am Steuer irgendeines Land Rovers, sondern als Instruktor des Abenteuertrupps Land Rover Experience ist er Herr über die zwei einzigen Bigfoots aus dem Werksfuhrparkt des britischen Geländewagenherstellers. „Bigfoot“, der mit den großen Füßen – so nennen die Allrad-Abenteurer jene Spezialumbauten, bei denen die Geländewagen riesige Ballonreifen erhalten, damit ihnen der Winter nichts mehr anhaben kann. Jetzt braucht David zwar fast eine Leiter zum Einsteigen, doch dafür walzt sein Wagen alles nieder, was Frau Holle über Nacht in den Weg geworfen hat.

Das Prinzip des Bigfoots hat David von den Eskimos oder wenigstens von deren Nacheiferern in den Wintersportorten abgeschaut. Denn so wie deren Schneeschuhe vergrößern auch die dampfwalzenbreiten Reifen auf den 38 Zoll großen Felgen die so genannte Aufstandsfläche des Autos. Das verteilt den Druck und sorgt dafür, dass der Wagen nicht einsinkt. Außerdem wächst die Bodenfreiheit dadurch nahezu um das Dreifache. „Vorn unter dem Differential sind es normalerweise 110 Millimeter, jetzt sind es 278 mm.“

Der will nur spielen: Mit einem Auto wie diesem, kann einem der Winter nichts anhaben.

Wo normale Pneus durch den Schnee schneiden würden wie ein Messer durch weiche Butter, drückt der Bigfoot die weiße Watte schmatzend zusammen und bleibt immer oben auf. Je mehr Luft David aus den Reifen lässt, desto weiter gehen die Gummis in die Breite, und desto höher schwebt der Defender über den Schnee. Mit der Lenkpräzision ist es dann zwar nicht mehr so weit her, und für die Kurven braucht man ein bisschen mehr Platz. Aber nach ein paar Minuten fühlt man sich wie ein Snowboarder auf Rädern und surft förmlich durch das Winterwunderland. Man fährt wie auf einer großen Wolke und sieht nur im Rückspiegel die Furchen, die das Auto im Weiß hinterlässt. Wie tief der Schnee wirklich ist, merkt man erst beim Aussteigen – wenn man neben dem Wagen plötzlich bis zum Bauch versinkt.

Schnell ist der Bigfoot freilich nicht . Denn erstens holt der Fünfzylinder-Dieselmotor aus den 2,5 Litern Hubraum nur magere 126 PS. Und zweitens bremst die Getriebeuntersetzung gehörig. Selbst im fünften Gang schafft der Wagen bei Vollgas kaum mehr als 40 Sachen. Doch dafür kann man im Dritten noch anfahren und im Ersten wühlt sich der Wagen mit maximal 300 Nm so verbissen voran, als spüre er im Nacken den Atem der nächsten Eiszeit. Spätestens wenn mit Hilfe von Druckluftkompressoren die drei zusätzlichen Sperrdifferentiale mit einem ohrenbetäubenden Zischen schließen, kann den Defender scheinbar nichts mehr stoppen – außer vielleicht ein ungeschickter Fahrer. Denn einfach ist der Marsch mit dem Bigfoot nicht: Im viel zu engen Fußraum bleibt man mit schweren Winterstiefeln immer wieder zwischen den Pedalen hängen und im knapp geschnittenen Cockpit verlässt einen bisweilen die Kraft zum Lenken.

Auf großem Fuß: Die wirklich riesigen Reifen sinken im Schnee kaum ein.

“Von Land Rover wurden die beiden Bigfoots eigens als Bergefahrzeuge für die Abenteuertouren der ‘Experience’ gebaut”, erläutert der Instruktor. Immer dann, wenn Range oder Discovery nicht mehr weiterkommen, rückt David aus, taucht die Szenerie mit den großen Dachstrahlern in gleißendes Licht, wirft die Winde an und zieht die Karren aus dem Dreck. „Mit dem Bigfoot habe ich noch jeden wieder flott gemacht“, sagt der Brite voller Stolz.

Kundenfahrzeuge hat die Prototypenwerkstatt der Briten bislang noch nicht gebaut. „Dabei gab es schon reichlich Anfragen“, sagt der Instruktor. Bis auf weiteres jedoch müssen sich Bigfoot-Interessenten nach Island wenden, wo sich eine ganze Branche auf entsprechende Umrüstung spezialisiert hat. In einem Land, in dem die größte Gletscher Europas für die Einheimischen so etwas sind wie riesige Abenteuerspielplätze und Schneefelder auch mal zu Schnellstraßen werden, leben Firmen wie Arctic Trucks blenden von den dicken Dingern – schließlich kostet ein Umbau mit ein bisschen Zubehör schnell mal 20.000 Euro. Bei Land Rover steht die Bigfoot-Umrüstung sogar mit jeweils rund 45.000 Pfund in den Büchern.

Längst fahren deren Trucks nicht nur durch Eis und Schnee . „Was im finnischen Winter hilft, das bringt uns auch auf Schlamm und Sand weiter“, sagt David. Deshalb holt er die Bigfoots nicht nur aus der Garage, wenn die Land Rover Experience ihr Gastspiel am Polarkreis gibt. „Sondern die beiden Autos sind echte Weltenbummler“, sagt er und erzählt von Einsätzen in Marokko, im Oman, auf Island und im Süden Afrikas. Kein Wunder, dass noch ein Hotel-Parkzettel aus Marrakesch und ein Fährausweis aus Reykjavik im Handschuhfach liegen.

So gut sich der Bigfoot im Gelände schlägt, so mühsam ist allerdings die Fahrt auf befestigten Straßen. Dass der Wagen 33 Sekunden bis Tempo 100 braucht und dem Motor bei 110 Sachen die Puste ausgeht, ist jedoch kein Schaden. Denn mit diesen Reifen ist diese Geschwindigkeit schon Abenteuer genug.