McLaren MP4-12C: Formel 1 für die Straße

Nur fliegen ist schöner: Näher kann man der Formel 1 auf der Straße kaum kommen.

Ein neuer automobiler Tiefflieger drängt auf die Überholspur. Knapp 20 Jahre nach dem legendären F1 baut der britische Rennstall McLaren jetzt wieder einen Straßensportwagen. Der Nomenklatur der Formel-1-Renner folgend, hört er auf das Kürzel MP4-12C und steht seit ein paar Wochen in Deutschland für exakt 200.000 Euro bei zunächst vier McLaren-Händlern.

Zeit, diesen sperrigen Namen auszusprechen, bleibt dem Fahrer kaum: Bis man die Buchstaben über die Lippen bekommen hat, zeigt der Tacho schon mehr als 200 km/h und der Horizont kommt einem gefährlich nahe. Denn schärfer, präziser und schneller als der Exot aus England fährt kaum ein anderer Spitzensportler dieser Preisklasse. Und dank Karbonkarosse, aktiver Aerodynamik, adaptivem Fahrwerk und Bremshilfe beim Lenken ist keiner technisch so nah an der Formel 1 wie der Bolide aus Woking. Das sichert McLaren eine Stellung im Wettbewerbsumfeld, die das Unternehmen aus dem Rennbetrieb bestens kennt: die Pole Position.

Glatter Keil: Das Design ist etwas bieder, aber die Fahrlleistungen reißen alles raus.

In Fahrt bringt den Zweisitzer ein Mittelmotor mit acht Zylindern und 3,8 Liter Hubraum, der dank zweier Turbos 600 PS leistet und mit bis zu 600 Nm zur Sache geht. Lässt man die Finger vom Setup für Antrieb und Fahrwerk, gibt sich der Motor handzahm und lammfromm. Man kann den McLaren buchstäblich mit dem kleinen Finger fahren, der V8 dreht kaum über 2000 Touren, die Doppelkupplung wechselt fast unmerklich die Gänge und im Auto ist es flüsterleise. Dauerläufe von Hamburg nach München sind damit fast so entspannt möglich wie in einer sportlichen Limousine.

Flotter Feger: 600 PS, 600 Nm und 330 km/h - so wird der MP4-12C zur Trumpfkarte - nicht nur im Autoquartett.

Doch wehe, man dreht an den beiden Schaltern auf der Mittelkonsole. Im Sport- und erst recht im Track-Modus zeigt der McLaren sein wahres Gesicht. Die Drehzahlen schnellen bis weit in die 8000er, jeder Gangwechsel fühlt sich stark und schnell an wie der Tritt eines Karate-Kämpfers und der Motor brüllt selbst die innere Stimme nieder, die den Fahrer vergebens zur Vernunft mahnt. Zu verführerisch ist die Selbstverständlichkeit, mit der sich die 1,3 Tonnen schwere Karbonflunder in 3,3 Sekunden auf Tempo 100 und in weniger als zehn Sekunden auf 200 km/h katapultieren lässt, zu spektakulär ist die Leichtigkeit, mit der sich der Wagen durch Schikanen wedelt und zu faszinierend die Präzision, mit der er sich an die Ideallinie heftet. Die Formel1-Technik macht die Jagd nach der Bestzeit zum Kinderspiel und weckt in jedem von uns einen kleinen Lewis Hamilton. Und wer genügend Mut hat und eine hinreichend lange Gerade findet, ist mit 330 km/h sogar schneller als mancher Formel-1-Pilot. Dass bei derartigen Spielen die teuren 20-Zoll-Reifen auf der Hinterachse schneller in Rauch aufgehen als später die Zigarre im Drivers Club und der Bordcomputer dann locker mal einen Verbrauch von 20 Litern anzeigt – wenn juckt das schon in dieser Liga. Bei maximal 2000 Autos im Jahr können selbst Klimaschützer gelassen bleiben. Außerdem ist der Wagen mit 11,7 Litern zumindest im Normzyklus vergleichsweise sparsam.

Luxus für Leistungssportler: Ganz so schlicht wie in einem F1-Boliden geht es am Steuer des McLaren nicht zu. Ein bisschen Komfort darf man bei 200.000 Euro schließlich auch erwarten.

So spektakulär die Fahrleistungen und so raffiniert die Technik, so zurückhaltend ist das Design: Nicht dass es ihm an Sportlichkeit mangeln würde, und zumindest die Flügeltüren sorgen vor dem Casino in Monte Carlo oder den Nobelhotels zwischen Moskau und Miami für den richtigen Showeffekt. Doch wo andere Sportwagen dieses Kalibers aggressiv und provozierend wirken, bleibt der Brite höflich und zurückhaltend. Einzig die riesigen Kiemen an der Flanke, die unkonventionellen Endrohre auf Hüfthöhe, der ausklappbare Spoiler vom Format eines Bügelbretts und natürlich und das Fenster zum Motorraum im Heck lassen vermuten, welch’ heißes Herz unter der kühlen Hülle aus lackiertem Karbon schlägt.

Gebaut wird der Zweisitzer am McLaren-Stammsitz in Woking, wo auch der Formel-1-Rennstall und die Entwicklung zu Hause sind. Kurze Wege, ein reger Personalaustausch und gemeinsame Mittagspausen aller Mitarbeiter sollen dafür sorgen, dass der Geist der Rundstrecke auch auf der Landstraße lebendig bleibt. Das merkt man selbst an kleinen Details: Nach den abschließenden Testfahrten von Lewis Hamilton wurde zum Beispiel extra noch einmal der Bezug des Lenkrads modifiziert. Wer dem MP4-12C jetzt ins Steuer greift, hat exakt das gleiche Gefühl in den Fingern wie der Profi in seinem Formel-1-Renner.


Im Stil von gestern: Dieser Beau macht auf Bugatti

Bugnotti: Ein Auto im Stil eines Bugatti-Modells aus den dreißiger Jahren – gebaut im Jahr 2010.

Echten Oldtimer-Fans wird dieses Auto Zornesröte auf die Stirn treiben. Denn Hand an einen Bugatti aus den dreißiger Jahren zu legen, ist für Puristen einSakrileg. Doch Terry Crook aus Long Valley vor den Toren von New York sieht das entspannter. Normalerweise verdient Mister Crook sein Geld mit Hot-Rods, dennoch schwärmt der 68jährige für die legendären Entwürfe aus Molsheim und zollt diesen Autos jetzt auf besondere Art Respekt: Pünktlich zum Concours d’Elegance Mitte August in Pebble Beach, gelegen zwischen San Francisco und Los Angeles, lässt er den traumhaften Bugatti 57S wieder auferstehen – na ja, beinahe zumindest.

„Ein echter Bugatti zählt nicht nur zu den seltensten, sondern auch zu den teuersten Oldtimern der Welt. Damit ist er für viele Fans absolut unerreichbar“, sagt der Karosseriebauer, der neben der Hot-Rod-Firma Decorides eigens für den Nachbau von Vorkriegsmodellen das Unternehmen Delahaye USA aus der Taufe gehoben hat. „Außerdem verbieten sich bei einem Original sämtliche Anpassungen an die Neuzeit von selbst.“ Um das Problem mit dem Preis zu lösen und obendrein ein wenig Komfort in die Welt der Klassiker zu bringen, baut Crook „seinen“ Bugatti selbst und lässt dabei auch noch ein paar Ideen aus dem Hot Rod-Design einfließen.

Eleganz auf Rädern: Ein Sportcoupé, das auch im 21. Jahrhundert noch anziehend und begehrenswert wirkt.

So entstand ein mehr als fünf Meter langer Stromlinien-Kreuzer mit wunderbar fließenden Linien, eleganten Proportionen und beinahe wollüstigen Formen, der gespickt ist mit filigranen Zierleisten aus Chrom, klassischen Speichenrädern und einem Kühlergrill, der auch vom Original stammen könnte. Nur wenn man genauer hinschaut, erkennt man, dass zwischenzeitlich 70 Jahre vergangen sind. Denn wo Bugatti die Autos noch aus Blech gedengelt hat, lässt Crook die Karosse aus Karbon formen und überzieht das Fasergeflecht nur noch mit Klarlack. Nur auf speziellen Wunsch soll es den Wagen auch mit Aluminium-Karosserie geben.

Unter der eleganten Hülle steckt ein selbst gefertigter Rahmen, der sich an der Originalkonstruktion orientiert: Blattfedern und Starrachsen sind also gesetzt. Allerdings sorgt eine Servolenkung für gehobenen Fahrkomfort und der Zwölfzylindermotor aus dem 7er BMW für adäquate Fahrleistungen. Außerdem baut Crook natürlich ein Automatikgetriebe ein – schließlich will er den Wagen vor allem in den USA verkaufen.

Auch innen gehen Vergangenheit und Gegenwart Hand in Hand. Ganz klassisch plant der Karosseriebauer ein luxuriöses Interieur aus Lack und Leder und will das Bugatti-Boudoir von Kunsthandwerkern individuell ausschlagen lassen. Doch sollen die Kunden auf Annehmlichkeiten wie eine Klimaautomatik, elektrische Fensterheber oder eine Musikanlage nicht verzichten müssen.

Dafür jedoch werden sie sich nicht mit dem echten Namen schmücken können. Denn mit Rücksicht auf den VW-Konzern, der die Rechte an Bugatti hält, nennt Crook das Auto im Scherz gerne Bugnotti, was bei amerikanischer Aussprache fast so klingt wie das Original-Wort. „Aber ich weiß nicht, wie viel Spaß die Anwälte in Wolfsburg verstehen“, sagt er. „Meistens nenne ich den Wagen nur noch ‚Bella Figura’, das ist unstrittig.“

Natürlich ist auch der Bugnotti, der mit Aluminiumkarosserie etwa 450.000 Dollar kosten wird und mit Kohlefaser-Verkleidung rund 300.000 Dollar, ein teures Vergnügen. Doch vergleicht man das mit den Millionenpreisen, die Original-Modelle erzielen, ist der Wagen fast schon ein Schnäppchen. Andererseits: Es ist halt auch bei weitem kein Bugatti.