Schwabe mit Schlitzaugen: Wie ein kleiner Mercedes Infiniti endlich groß raus bringen will

Infini – wer? Zwar gibt es Infiniti in Deutschland mittlerweile schon seit sieben Jahren. Aber ins Bewusstsein der Autokäufer hat es die noble Nissan-Schwester bei uns noch immer nicht gebracht. Wie auch, bei aktuell gerade einmal sieben Verkaufsstellen und einem Modellprogramm von zwei Pkw-Baureihen und zwei Geländewagen, die unter 40 000 Euro nicht zu haben sind? Das reicht gerade mal für runde 1 000 Zulassungen im Jahr, mit denen sich die Japaner irgendwo bei Marken wie Lexus und Lancia verlieren. Auffallen und sich bemerkbar machen, kann man damit jedenfalls nicht. Doch wenn es nach Roland Krüger geht, soll sich das jetzt endlich ändern. Denn wenn zum Jahresende der Q30 in den Handel kommt, steigen die Japaner zum ersten mal in die alles dominierende Kompaktklasse ein. Und senken ganz nebenbei den Preis für den Eintritt in ihre Markenwelt um 12 000 auf 24 200 Euro. Das müsste doch reichen, um endlich aus der Grauzone des Zulassungskellers aufzutauchen und auf den Radar zu kommen.

Schützenhilfe soll den Japanern dabei ausgerechnet eine Marke leisten, zu der Infiniti eigentlich in direkter Konkurrenz steht: Mercedes. Schließlich ist der Hoffnungsträger Q30 im Grunde nichts anderes als ein Klon der A-Klasse, die Daimler-Chef Dieter Zetsche seinem Duzfreund und Kooperationspartner Carlos Ghosn auf dem Chefsessel von Renault-Nissan im Gegenzug zum Beispiel für ein paar kleine Motoren, für den Twingo als Teilespender des Smart Forfour oder den Nissan Navara als Blaupause des ersten Pick-Ups von Mercedes überlassen hat.

Seine schwäbischen Gene kann der Infiniti deshalb kaum verhehlen, selbst wenn er nicht bei Mercedes in Rastatt, sondern bei Nissan in Sunderland gebaut wird. Zwar haben die Japaner kein sichtbares Blechteil übernommen, die A-Klasse ein bisschen aufgebockt, die Karosse ein bisschen aufgeblasen und die Konturen mit ein paar Kurven und Kanten geschickt verändert. Aber spätestens verlieren sich die Unterschiede in Details wie den etwas bequemer gepolsterten Sitzen, den größeren Türtaschen, dem vom Lenkrad zurück auf den Mitteltunnel gerückten Automatik-Wählhebel oder dem eigenen Infotainmentsystem, auf das die Japaner so stolz sind. Denn anders als das Command-System von Mercedes bietet der Infiniti beim Rangieren eine Rundum-Kamera-Überwachung aus der Vogelperspektive und bei der Bedienung den für die A-Klasse überfälligen Touchscreen.

Auch das Antriebsprogramm ist weitgehend identisch, nur dass Infiniti das Angebot ein bisschen zusammen gestrichen hat. So gibt es für den Q30 erst einmal drei Benziner mit 122, 156 oder 211 PS oder zwei Diesel mit 109 oder 170 PS. Und genau wie bei Mercedes kann man für einige Varianten auch eine siebenstufige Doppelkupplung und den Allradantrieb bestellen.

Dass sich der Q30 trotzdem ein bisschen anders anfühlt als die A-Klasse, liegt deshalb vor allem an der eher asiatisch geprägten Fahrkultur: Mit einer elektronischem Unterdrückung für Stör- und einer Verstärkung für Hörgeräusche klingt der Infiniti gleichzeitig etwas leiser und lustvoller, und mit einem weicher abgestimmten Fahrwerk fährt er spürbar entspannter. Natürlich kann man auch mit dem Softie scharf durch die Kurven schneiden, selbst wenn der Schwerpunkt spürbar höher liegt als in der A-Klasse. Erst recht mit dem großen Diesel, der seine 350 Nm lustvoll in Vortrieb verwandelt, für den Sprint auf Tempo 100 nur 8,3 Sekunden braucht und bis zu 220 km/h erreicht. Aber wo Mercedes gerade erst adaptive Dämpfer nachrüsten musste, um dem ungestümen Berufsjugendlichen ein bisschen Manieren beizubringen, fährt der Q30 so entspannt und wohlerzogen, als hätten die Japaner die Mercedes-Tugenden besser verinnerlicht als ihre deutschen Kooperationspartner.

Die Kompaktklasse als weltweit wachstumsstärkstes Segment für die Premiummarken, ein gelungenes Auto und dann auch noch die Technik von Mercedes – er muss kein Prophet sein und auch kein übertriebener Optimist, wenn Infiniti-Chef Roland Krüger dem Q30 schon im nächsten die globale Spitzenposition in der Absatzstatistik seiner Marke zutraut. Und falls es trotzdem nicht auf Anhieb klappt mit der besseren Sichtbarkeit, hat er noch einen zweiten Trumpf im Ärmel: Den QX30. Denn schon im nächsten Frühjahr kupfern die Japaner nach der A-Klasse auch den GLA ab und stürzen sich gleich auf den nächsten Mega-Trend.


Chill-Out-Zone in der Mega-City: In diesem Mercedes wird selbst der Tokio-Traffic zum Vergnügen

Mercedes-Benz Concept Tokyo 2015

Mercedes-Benz Concept Tokyo 2015

Neun Millionen Einwohner auf einer Fläche kleiner als Paris, die Stadtautobahn gerne mit acht Spuren und vier Etagen und die Straßen tief in den Häuserschluchten mit all ihrer Reklame auch nachts so hell erleuchtet, dass man fast schon zur Sonnenbrille greifen möchte: Nirgendwo auf der Welt ist der Stadtverkehr so faszinierend wie in Tokio – und nirgendwo kann man selbst morgens um drei länger im Stau stehen. Weil Autofahren so buchstäblich zum Abenteuer wird und es  zudem selbst zu Hause oft keine Privatsphäre gibt, sehen Japaner ihre Autos längst als zweites Wohnzimmer und richten sie entsprechend wohnlich ein. Diesen Trend greift jetzt auch Mercedes auf und enthüllt auf der Motorshow in Tokio eine Studie, die eine mehr eine Lounge auf Rädern ist als ein Auto – selbst wenn die Entwickler unter der Karosse Platz für einen Elektroantrieb und eine Brennstoffzelle gelassen haben.

Zwar kennt man wohnliche Mercedes-Visionen schon zur Genüge. Doch die „Vision Tokyo 2015“ ist anders, als alles, was die Schwaben bislang gezeigt haben. Denn weil die Welt in Japan gerne ein bisschen überzeichnet wird, weil Mercedes sein Spießer-Image gar vollends abstreifen und auch von den jungen als „cool“ gesehen werden will, wanzen sich die Schwaben mit dem Showcar an die Generation Z heran und machen ihrer Luxus-Lounge zur Chill-Out-Zone für die Internet-Gemeinde.

Mercedes-Benz Concept Tokyo 2015

Mercedes-Benz Concept Tokyo 2015

So offenbart der Blick durch die breite Flügeltür entlang der linken Flanke nicht nur ein weit geschwungenes Ledersofa für fünf Personen, das die übliche Sitzordnung in dem 4,80 Meter langen und 2,10 Meter breiten Space Shuttle auflöst. Sondern man sieht auch zahlreiche Bildschirme, die wie schon im F015 vom Anfang des Jahres beinahe nahtlos in den Konsolen integriert sind. Auf ihnen läuft aber nicht irgendein Infotainment-Programm. Sondern weil das Showcar seine Insassen kennt, als wären sie Freunde, und weil es mit „Deep Learning“ seine Wünsche antizipiert, trifft es auch ohne Kommandos den persönlichen Geschmack.

Was bei der Zeitreise in diesem monolithischen Mercedes, der eher an einen Wal auf Rädern erinnert als an einen Silberfisch, völlig verschwimmt, das ist die Grenze zwischen innen und außen: Denn vorne haben die Designer eine Glaskanzel eingebaut wie bei einem Speedboot und alle anderen Scheiben sind so bedruckt, dass die Übergänge nahtlos werden.

Selbst beim Infotainment verwischen die Grenzen zwischen Interieur und Exterieur: Nicht umsonst sind die stolze 26 Zoll großen Räder blau beleuchtet, das Heck bekommt mit einer roten Lichtinstallation eine gespenstische Tiefenwirkung und der mit LED-Elementen gespickte Kühlergrill flimmert im Takt der Musik, als stünde der Mercedes in der Disco. So hip waren die Schwaben noch nie.

Mercedes-Benz Concept Tokyo 2015

Mercedes-Benz Concept Tokyo 2015

Gespenstisch glatt, schillernd bunt, immer online und natürlich autonom – auf den ersten Blick ist der Vision Tokyo dem Google-Auto näher als etwa einer S-Klasse. Schließlich sieht man im Cockpit weder einen Fahrersitzt, noch ein Lenkrad. Doch ganz so weit geht die Revolution bei Mercedes dann doch nicht. Zwar findet die Studie genau wie der F 015 vom Anfang des Jahres allein ans Ziel. Aber es braucht nur einen Knopfdruck, dann übergibt die Maschine das Kommando wieder an den Menschen – aus dem Lounge-Sofa klappt wie der Jumpseat im Flugzeug-Cockpit ein Fahrersitz, und aus der Konsole unter der riesigen Panoramascheibe wächst ein Lenkrad. Und plötzlich ist selbst der Chill-Out-Benz für die Generation Z wieder ein Mercedes (fast) wie jeder andere.