Polo primero: Mit dem neuen Ibiza stiehlt Seat der Konzernmutter VW die Schau

SEAT IBIZA

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Seat entwickelt sich vom Sorgenkind zum Strahlemann im VW-Konzern: Nachdem die spanische Tochter lange Jahre nur mit schlechten Nachrichten in die Schlagzeilen gekommen ist, findet sie mit neuen Modellen zu altem Glanz zurück: Das Design gelungen wie eh und je, und mittlerweile auch technisch erste Klasse, haben Autos wie der Leon und mehr noch der Ateca die Spanier wieder auf das Radar der Kunden gebracht und die Bilanz ins Plus gedreht. „Doch das war nur der erste Streich“, sagt Entwicklungschef Matthias Rabe und bläst jetzt zur zweiten Etappe der größten Modelloffensive in der Firmengeschichte. Sie beginnt im Juni mit der fünften Generation des Ibiza. Der ist nicht nur das wichtigste Auto im Portfolio und deshalb für die Spanier von besonderer Bedeutung. Sondern er ist auch ein Vertrauensbeweis der VW-Manager, die Seat dafür als erster Marke im Konzern die neue Architektur MQB A0 überlassen haben. Noch bevor Polo, A1, Fabia und über ein Dutzend Derivate darauf aufbauen, darf Seat die Vorzüge einer ebenso flexiblen wie leichten Plattform und eines gut gefüllten Techniklagers nutzen.

Das könnte VW noch bitter bereuen. Denn der mit schnellen Linien und scharfen Kanten gezeichnete Ibiza sieht nicht nur leidenschaftlicher und verführerischer aus als man sich einen Polo je vorstellen kann. Er fährt auch so. Egal, ob man einen vernünftigen 95 PS starken Dreizylinder unter der Haube hat oder einen vergnüglichen Vierzylinder mit 150 PS – nach den ersten Kurven ist man Feuer und Flamme für den kleinen Spanier und fühlt sich so leichtfüßig wie ein Flamenco-Tänzer. Denn die Lenkung ist präzise, das Fahrwerk stramm und die Gänge flutschen nur so durchs Getriebe. Nur die elektronisch programmierten Fahrprofile liegen so dicht beieinander, dass man sie auch hätte weglassen können.

SEAT IBIZA

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Zwar setzt Seat viel auf Emotion, auf Spannung und Charakter. Doch wissen die Spanier aus leidiger Erfahrung, dass es für einen anhaltenden Erfolg zum Charme auch eine gewisse Substanz braucht. Deshalb ist der neue Ibiza eben nicht nur ein feuriger Verführer, sondern auch ein solides und seriöses Alltagsauto, das auch mit nüchternen Fakten punkten kann. Nicht umsonst haben die Spanier zwar die Länge von 4,06 Metern belassen, das Auto aber knapp neun Zentimeter breiter gemacht und den Radstand um beinahe zehn Zentimeter gestreckt, so dass man auf langen Strecken spürbar souveräner und entspannter fährt, innen mehr Platz auf allen Plätzen hat und der Kofferraum um stolze 20 Prozent auf 355 Liter wächst. Und aus gutem Grund haben sie den Ibiza mit fast allen Technologien bestückt, die der große Konzernbaukasten hergibt.

So blickt man im Cockpit zum ersten Mal auf einen 8-Zoll-Touchscreen und nutzt Assistenzsysteme wie die Umfelderkennung oder den Tempomat mit Abstandsregelung. Aus der Front funkeln gleißend helle LED-Scheinwerfer, nach hinten schaut eine gestochen scharfe Rückfahrkamera. Und weil sich Seat der Connectivity verschrieben hat, gibt es mit Mirror-Link, Android Auto und Apple Carplay nicht nur drei Smartphone-Plattformen, sondern gleich auch noch eine kabellose Ladeschale und einen GMS-Verstärker, damit man während der Fahrt nicht durchs Netz fällt.

SEAT IBIZA

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Unter der Haube geht es nicht ganz so innovativ zu. Denn dort wird der Segen der Plattformarchitektur zum Fluch und Seat bekommt nur Motoren, wie man sie aus dem Konzern schon kennt. Los geht es mit drei Dreizylinder-Benzinern, die aus ihrem einen Liter Hubraum 75, 95 oder 115 PS schöpfen, zwischen 4,7 und 4,9 Litern verbrauchen und bei Vollgas im besten Fall 195 km/h erreichen. Später im Jahr gibt es als Vorspiel für einen möglichen Cupra mit gut und gerne 200 PS einen 1,5-Liter-Turbo mit 150 PS und 215 km/h Spitze und allen Unkenrufen zum Trotz natürlich auch ein paar Diesel: Geplant sind 1,6-Liter-Triebwerke mit 80, 95 oder 110 PS und – dem Polo sei dank – wahrscheinlich vom Start weg mit SCR-Katalysator. Allerdings schlägt im Ibiza auch schon die neuste Faible von Konzernchef Müller durch. Weil es mit der Elektrifizierung noch ein bisschen dauert, erst recht bei Seat, will die Zentrale verstärkt auf Erdgas setzen und macht den Ibiza auch da zum Vorreiter. Als erster Kleinwagen wird er ab Werk mit einem CNG-System angeboten, das den Dreizylinder-Benziner auf 90 PS bringt.

Schöner gezeichnet, lustvoller zu fahren, praktischer geschnitten und besser ausgestattet – ja, der fünfte ist der bislang beste Ibiza und lässt selbst den neuen Polo ganz schön alt aussehen. Doch hat der Aufstieg der Spanierer auch einen Haken. Den Preis. Denn man darf sich von dem ohnehin schon spürbar angehobenen Grundtarif von 14 240 Euro nicht täuschen lassen. Mit stärkeren Motoren und all den Finessen aus der Abteilung Assistenz und Infotainment ist man schnell bei 25 000 Euro – auch da steht der Ibiza dem Polo also in nichts nach.


Speedy Gonzales: Mit 192 PS wird der aufgefrischte Seat Ibiza Cupra gar vollends zur spanischen Spaßgranate

Ibiza CupraDie Avenida Diagonal, die Ramblas oder die Ronda Litoral – wer mit dem Auto durch Barcelona fährt, dem reicht eigentlich das Basismodell des Seat Ibiza mit  75 PS. Denn so dicht wie die Straßen der katalanischen Hauptstadt die meiste Zeit sind, gibt es keinen Grund für mehr Motorleistung. Doch man muss nur einmal hinauf auf den Tipidabo und von dort aus möglichst nah an der Luftlinie nach Mortorell fahren, dann weiß man, weshalb Seat dort in seinem Stammwerk seit 1996 auch einen Ibiza Cupra baut. Denn nur ein paar Ampeln jenseits des Stadtzentrums schlängeln sich in einsame, kurvige Sträßchen durchs Küstengebirge, die wie gemacht sind für einen übermotorisierten Kleinwagen. Erst recht, wenn der jetzt für das letzte Drittel seiner Laufzeit noch einmal aufgefrischt wird,  dabei zu Preisen ab künftig 23 060 Euro noch ein bisschen mehr Muskeln und vor allem eine elektronische Differentialsperre bekommt.

 

Ibiza CupraWie seine braven Brüder außen nur dezent retuschiert und innen vor allem an neuer Elektronik mit größerem Touchscreen und besserer Smartphone-Integration zu erkennen, stürmt der spanische Bruder des VW Polo künftig nicht mehr mit 180, sondern jetzt 192 PS durch die Serpentinen. Dazu haben die Entwickler – und das ist noch viel wichtiger – das Drehmoment des 1,8 Liter großen Turbos für den scharf gemachten Spanier von 250 auf 320 Nm angehoben und die Bandbreite deutlich erweitert. Jetzt ist die maximale Anzugskraft schon bei 1.450 Touren abrufbar und reißt vor 4 200 Touren nicht wieder ab. Auf dem Papier bedeutet das jetzt einen Sprintwert von 6,7 Sekunden und ein Spitzentempo, das künftig bei 235 km/h – immerhin 0,5 Sekunden weniger und zehn km/h mehr. Außerdem können sich Theoretiker über einen Verbrauch freuen, der auf 6,0 Liter zurück geht.

 

Ibiza CupraAber wichtiger ist etwas anderes: Die Praxis. Da steht das neue PS-Paket für einen Fahrspaß, wie in Seat in dieser Klasse noch nicht geboten hat. Denn der zumindest innen leider ein wenig zu leise Cupra reagiert spürbar giftiger auf jeden Gasstoß, beißt sich wütend in den Asphalt und kommt vor allem noch besser durch die Kurven. Dafür sorgt besonders die elektronische Differential-Sperre XDS, die man zum Beispiel aus dem Golf GTI kennt. Durch gezielte Bremseingriffe reduziert sie die Tendenz zum Untersteuern und vermittelt einem so das Gefühl, den Wagen auch in schnelleren Kehren besser unter Kontrolle zu haben. Dazu eine wunderbar direkte Lenkung und ein Fahrwerk, dessen Härte man zusammen mit der Lenkkraftunetrstützung auf Knopfdruck verstellen kann – schon fühlt man sich auf den schmalen Slalomsträßchen wie Speedy Gonzales bei der Bergprüfung und hofft, dass der heiße Ritt durchs Hinterland von Barcelona so schnell noch nicht zu Ende geht. Das Schaulaufen auf den Boulevards der Stadt muss noch ein wenig warten, zumal der Cupra bei aller Liebe zur sportlichen Verfeinerung, zu ein paar Schwellern, Schürzen und Spoilern nun nicht gerade ein Blickfang ist.

Die Avenida Diagonal, die Ramblas oder die Ronda Litoral – sollen die Wirte ruhig die Stühle rausstellen und schon mal ein paar Tapas auftischen für all die 75 PS-Fahrer. Im Cupra wirken diese Lockungen nicht. Hier giert man nicht nach Pata Negra, sondern nach Passstraßen und statt Chorizo lässt man sich Kurven schmecken. Wer zum Teufel will schon nach Barcelona.