Vive la Force: So schürt Renault die Hoffnung auf das Comeback der Alpine

AVEC ALPINE A110

RENAULT ALPINE AVEC ALPINE A110

Ein Renault, der es mit einem Porsche aufnehmen kann? Diese Vorstellung ist heute kaum mehr als ein schlechter Scherz. Doch es gab einmal Zeiten, da hatten die Franzosen tatsächlich die Nase vorn. Jean Rédélé sei dank. Denn der Renault-Händler und Rennstallbesitzer aus Dieppe in der Normandie hat vor fast genau 60 Jahren die neben Bugatti einzig echte und ernstzunehmende Sportwagenmarke aus Frankreich ins Leben gerufen und mit seinen „Alpine“ die Renn- und Rallyestrecken der fünfziger und sechziger Jahre beherrscht. Das ist zwar lange her, und das letzte der rund 30 000 Straßenautos lief schon 1995 vom Band. Doch vergessen haben die Franzosen die flinken Flundern noch nicht. Im Gegenteil: Seit jetzt bald schon fünf Jahren arbeitet Nachlassverwalter Renault an einem Comeback und kommt diesem Ziel nun offenbar endlich etwas näher. Denn diese Woche haben sie vor großem Publikum am Fuß des Col de Turini eine weitere Alpine-Studie präsentiert, die zu 80 Prozent dem kommenden Serienfahrzeug entsprechen soll. „Das fertige Auto zeigen wir noch Ende diesen Jahres und beginnen Anfang 2017 mit dem Verkauf“, verspricht der neue Markenchef Bernard Ollivier bei dieser Gelegenheit. Über einen Preis lässt sich die als Firma in der Firma geführte Renault-Tochter, die wie in den Fünfzigern natürlich in Dieppe sitzt und  dort auch produzieren wird, noch nichts entlocken. Doch viel mehr als 40 000, allerhöchstens 50 000 Euro darf der Flachmann kaum kosten, wenn er kein Flop werden soll.

Die mittlerweile dritte Alpine-Studie der Neuzeit trägt den Namen „Alpine Vision“ und folgt den Linien der „Alpine Celebration“, mit der die Franzosen im letzten Sommer in Le Mans den 60. Jahrestag der Firmengründung gefeiert haben. Genau wie damals orientiert sich das zweisitze Coupé in vielen Details an der legendären A110: Das Vier-Augen-Gesicht, die zarte Finne auf der Motorhaube und die Grafik auf der Silhouette – all das kennt man bereits vom vielleicht schönsten Sportwagen, der in den letzten fünfzig Jahren in Frankreich gebaut wurde. Und dass die Neuauflage trotzdem auch ein bisschen nach Porsche Cayman und Audi TT aussieht, muss ja kein Schaden sein.

Zur Technik unter dem leidenschaftlich geformten Blech macht Markenchef Ollivier noch nicht viele Worte. Amtlich sind bislang nur der weit nach hinten gerückte Vierzylinder-Turbo, die Idee vom konsequenten Leichtbau und ein Sprintwert von weniger als 4,5 Sekunden. Wer länger bohrt, der hört irgendwann Eckwerte wie 300 PS, 1 000 Kilo und mehr als 250 km/h – allemal verheißungsvoll genug, als dass sie die Vorfreude schüren könnten.

Zwar ist es ein bisschen her, dass Renault echte Sportwagen gebaut hat. Doch dass es den Franzosen nicht an Erfahrung und Konsequenz mangelt, dafür gibt es genügend Beweise. Nicht umsonst fährt der Renault Mégane RS aus der Sport-Abteilung immer vorne mit im Ringen um die schnellste Runde eines Fronttrieblers auf der Nordschleife, der Clio V6 mit dem nach hinten gewanderten 254 PS-Motor war der in Blech gepresste Übermut und der Renault Spider das vielleicht kompromissloseste Cabrio, das in Europa diesseits des Ärmelkanals damals gebaut wurde. Mag sein, dass Renault mit solchen Projekten auch viel Geld verbrannt hat. Aber dem Image hat das sicher nicht geschadet. Und wer sich damals eines der sportlichen Nischenmodelle gekauft hat, der hat sogar ein gutes Geschäft gemacht. Denn mittlerweile sind das extrem gesuchte Gebrauchtwagen.


Renault Alpine A610: Der letzte seiner Art

Donnerkeil aus Dieppe: So sahen vor zwanzig Jahren Sportwagen aus.

Sie bauen charmante Kleinwagen, praktische Vans und zwischendurch auch mal respektable Limousinen – nur mit Sportwagen haben die französischen Hersteller kein glückliches Händchen. Das war allerdings nicht immer so. Denn in Dieppe in der Normandie hat Jean Rédélé vor mehr als 50 Jahren die Marke Alpine gegründet. Er war mit 24 Jahren der jüngste Renault-Händler im Land, ein Heißsporn und ein so versierter Konstrukteur, dass er 1954 mit seinem ersten getunten Renault gleich einen Klassensieg bei der Mille Miglia errang.

Mit diesem Erfolg im Rücken und der Renault-Technik im Regal baut er ab 1956 eigene Autos. Benannt nach dem Alpenpokal, den er zwei Jahre zuvor ebenfalls nach Hause holt, schickte er den Alpine A106 und kurz darauf den A110 ins Rennen, der zu einem der erfolgreichsten Rallye-Wagen seiner Zeit wurde und zum Beispiel die legendäre „Monte“ gewann.

Als 1991 die letzte Alpine in den Handel kam, wurde der Wagen zwar noch in Dieppe gebaut, doch Rédélé hatte den Markennamen und seine letzten Firmenanteile schon mehr als zehn Jahre zuvor an Renault verkauft und mit dem neuen Modell persönlich nichts mehr zu tun. Aus den fliegengewichtigen Flundern von einst war denn auch ein komfortabler Gran Turismo geworden, der trotz seiner Kunststoff-Karosserie satte 1,4 Tonnen auf die Wage brachte.

Heckschleuder: Der V6-Motor hinter den Sitzen macht den Alpine zu einem Auto für Könner – denn große Fahrwerkselektronik gab es noch nicht.

“Dennoch war der Wagen eines der sportlichsten Autos, das die Franzosen je auf die Straße brachten”, sagt Andreas Conrad aus der Eifel, der einen der nicht einmal 900 gebauten A610 in der Garage hat. Das damals mehr als 100.000 Mark teure Coupé ist – von der engen Pedalerie abgesehen – nicht nur ungeheuer bequem und überraschend geräumig, sondern vor allem verdammt schnell. Sein drei Liter großer V6-Turbo im Heck leistet 250 PS, katapultiert den Wagen in 5,7 Sekunden auf Tempo 100 und schafft noch immer mühelos 265 km/h. Mit den vielen alten Porsche-Typen rund um den Nürburgring habe der Franzose deshalb leichtes Spiel, schwärmt Conrad. Und noch etwas erfreut den Fahrer an seiner Flunder: „Während man den Elfer hier an jeder Ecke sieht, ist der Alpine immer ein ganz besonderer Exot geblieben.“ Selbst wenn er für seinen Klassiker mittlerweile leicht 30.000 Euro bekommen würde, sagt er, „verkauft wird dieses Auto so schnell nicht.“ Weil das die meisten Besitzer ebenso sehen, ist es im Augenblick verdammt schwer, an so ein Auto heranzukommen.

Comeback-Kurs: Mit ein bisschen Glück kommt bald wieder ein Renault-Sportwagen unter dem Namen Alpine auf die Straße.

Doch das könnte sich bald ändern. Denn nach bald 20 Jahren Pause erinnert sich Renault jetzt wieder an seinen sportlichen Ableger und bereitet ein Comeback der flinken Flundern vor. Ein erster Prototyp wurde kürzlich am Rande des Formel-1-Rennens in Monaco gezeigt, und in etwa zwei Jahren könnte so ein Auto auch auf die Straße kommen. Alpinist Conrad sieht die Renaissance mit gemischten Gefühlen. Klar würde er sich freuen, wenn es bald wieder einen echten Sportwagen aus Frankreich gäbe. Und dass ein neuer Alpine die Preise für die alten kaputt machen würde, ist auch nicht zu befürchten. Aber an einen puristischen Rennwagen will er in Zeiten von Fahrwerkselektronik und Batterie-Boom nicht so recht glauben. Seine melancholische Prognose: „So wie früher wird es nie wieder.“