Ford Mustang 302 Boss: Eine Legende gibt Gummi

Schall und Rauch: Wenn 515 Nm und 444 PS an den Rädern reißen, lässt es der Mustang ordentlich qualmen.

Er ist der heißeste Hengst im Stall des Hauses Ford: Mehr als 40 Jahre nach seinem Debüt bietet der US-Hersteller das Modell Mustang jetzt auch wieder in der Variante „302 Boss“ an. Ist schon der normale Mustang in Amerika so etwas wie die Ikone des automobilen Breitensports, fährt das Musclecar in dieser Version auf der Ideallinie in den PS-Olymp. Denn die Ziffer 302 steht für den Hubraum in Cubic Inches, und das sind auf hiesiges Volumen übersetzt rund fünf Liter. Und den Beinamen Boss trägt das Coupé nicht von ungefähr: Es war und ist die schärfste Rennversion des Kultkraftmeiers, die man noch mit Straßenzulassung fahren darf. Und seit der Wagen 1970 in der Trans-Am-Serie das Auftaktrennen auf der Strecke von Laguna Seca gewann hat, ist der „Boss“ unvergessen.

Dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird, dafür sorgt der gewaltige Sound der Neuauflage des Boliden. Denn der aktuelle Boss ist vor allem ein Auto für die Ohren: Mit einem speziellen Rennauspuff, der allein für den Sound noch zwei in den hinteren Radkästen versteckte Sidepipes bekommen hat, brüllt er zwischen New York und Los Angeles alles nieder, was sich sonst so Sportwagen nennt. Schon das Anlassen klingt wie das erste Riff von Keith Richards bei einem Stadion-Konzert der Rolling Stones. Beim Cruisen brabbelt und blubbert der Motor so laut, dass in der Mainstreet die Schaufensterscheiben wackeln. Und wenn man Gas gibt und den Drehzahlmesser jenseits der 7500er-Marke in den roten Bereich treibt, dann klingt das so, als starte man einen Starfighter.

Böser Blick: Wer dieses Auto im Rückspiegel sieht, macht wohl freiwillig Platz.

In das Brüllen aus den vier Endrohren und das Schlürfen der Ansauganlage mischen sich allerdings noch zwei andere Geräusche: das Quietschen der 285er Walzen auf der Hinterachse, die bei jedem Kavalierstart die Umgebung in einen beißenden Nebel hüllen und eine endlose schwarze Signatur auf den Asphalt brennen. Und das Rauschen aus der Kraftstoffleitung, die Format und Förderleistung eines Feuerwehrschlauches haben muss. Denn die Prüfstandswerte von 9,0 Liter für den Highway und 13,8 Liter für die Stadt können nicht mehr als graue Theorie sein, wenn die Tanknadel schon beim Anlassen um ein Viertel fällt. Aber wenn ein Mustang so viele Pferde traben lässt, dann wollen die natürlich auch an die Tränke.

Der Boss nimmt, und der Boss gibt. Denn für das viele Feuerwasser revanchiert sich der 444 PS starke V8-Motor mit einer mächtigen Performance. Wer die schwarze Billardkugel auf dem kurzen Schaltstummel schnell genug durch die enge Sechsganggasse prügelt, den katapultieren 515 Nm in kaum mehr als vier Sekunden auf Tempo 100. Nach zwei Wimpernschlägen mehr ist man schon schneller, als die US-Polizei erlaubt. Und dass die Raserei schon bei 250 km/h wieder vorbei ist, stört im Mutterland des Tempolimits sowieso niemanden.

Aber der Mustang ist nicht nur auf der Geraden schnell. Zwar ist der Fahrkomfort mäßig, und die Hinterachse hält nicht mal beim Parken still. Doch auf der Rennstrecke macht dem Coupé keiner was vor – sagen zumindest die Ingenieure und haben sich einen Konkurrenten ausgesucht, der über allen Zweifel erheben ist: selbst der BMW M3 komme dem Boss zum Beispiel in Laguna Seca nicht hinterher.

Aktuelles Sportstudio: Tolle Sitze, aber ein lustloses Interieur schmälern den Spaß mit dem Boss.

Was bei all der Vollgasaffinität ein wenig zu kurz kommt, ist die Liebe zum Detail. Vor allem innen wirkt der Boss wie ein billiger Kleinwagen, der in Eile mit ein paar Karbonfolien veredelt wurde. Die trüben Funzeln des Fernlichts sind fast schon eine Beleidigung, und die mit einer simplen Kunststoffscheibe gestopften Löcher der Zusatzscheinwerfer im Kühlergrill sehen verdammt billig aus.

Klar ist das schade, weil der Mustang damit spätestens in der B-Note jeden Vergleich mit einem europäischen Sportwagen verliert. Doch dass die Entwickler auch anders können, zeigen sie mit einer Fülle funktionaler Details. Denn sie haben sich einfach auf das konzentriert, was den Wagen nicht schöner, sondern schneller macht. Zum Beispiel auf das mechanisch verstellbare Sportfahrwerk, auf das Sperrdifferential an der Hinterachse, die bissigen Brembo-Bremsen und vor allem auf den Track-Key. Das ist der zweite Zündschlüssel des Boss, mit dem der Mustang sofort ins Setup für die Rennstrecke wechselt. In diesem Kennfeld wiederum kann der Fahrer mit seiner Boxencrew oder mit dem Ford-Händler seines Vertrauens nahezu hundert Parameter programmieren und den Boss so fit machen für jeden Rundkurs.

Rockstar aus Detroit: Wer diesen V8-Motor röhren lässt, der braucht kein Radio mehr.

Wie alle Mustang-Modelle ist auch der Boss ein Schnäppchen: Obwohl fast doppelt so teuer wie das Basismodell mit dem 305 PS starken V6-Motor, gibt es den wildesten Galopper bereits ab 41.205 Dollar oder umgerechnet lediglich rund 28.000 Euro. Dafür gibt’s beim BMW-Händler in den USA den zitierten M3 nicht mal als betagten Gebrauchtwagen.

Also eigentlich ideale Voraussetzungen, um zumindest ein paar Autos nach Europa zu holen? Im Prinzip keine schlechte Idee. Doch in der Praxis kann man das glatt vergessen. Denn erstens gibt es ohnehin nur 4000 Exemplare, die wahrscheinlich längst vergriffen sind. Und zweitens hätte man mit dem Auto bei der Zulassungsstelle denkbar schlechte Karten, wenn der TÜV-Prüfer sogleich einen Hörsturz erleidet.


Aufgalopp des Mustangs: Der US-Klassiker macht noch einmal Karriere

Vor-Reiter: Eben noch auf dem Messestand in Detroit, fährt der neue Mustang GT Ende des Monats bereits als Pace-Car in Daytona.

Vor-Reiter: Eben noch auf dem Messestand in Detroit, fährt der neue Mustang GT Mitte Februar als Pace-Car bei den "Daytona 500"

46 Jahre nach seinem Debüt ist der Mustang frischer denn je. Gerade erst hat Ford auf der Autoshow in Detroit den aufpolierten GT mit einem neuen 5,0-Liter-V8 vorgestellt, schon galoppiert der Klassiker wieder in die Schlagzeilen: Als erster Ford seit mehr als 40 Jahren tritt der neue Mustang GT Mitte Februar als Pace-Car bei den berühmten „Daytona 500“ in Florida.

Und damit noch nicht genug. Auch Tuning-Legende Carroll Shelby legt noch einmal Hand an den Klassiker und baut auf Basis des 2011er GT gemeinsam mit der Rennsportabteilung von Ford einen neuen GT 350. Genauso lackiert wie das Original aus den späten Sechszigern kommt das moderne Musclecar dank eines Kompressors nun auf mindestens 500 PS und bleibt dank eines neuen Rennfahrwerks näher an der Ideallinie. Allerdings hat die Rennsporttechnik auch ihren Preis. Mit einem Shelby-Aufschlag von rund 34.000 Dollar wird der GT350 knapp  dreimal teuerer als das Basismodell.

Paar-Lauf: Nach 45 Jahren baut Carroll Shelby gemeinsam mit Ford einen Nachfolger für den legendären Mustang GT 350.

Konnten sich über solche Muskelspiele bislang nur Amerikaner und die wenigen Kunden der freien Importeure freuen, wecken neue Gerüchte aus Detroit derzeit auch bei den Mustang-Fans im Rest der Welt die Hoffnung: Wenn 2014 – zum 50. Geburtstag des Mustangs – die nächste Generation anrollt, dann – so hört man aus der Zentrale – könnte der Mustang endlich auch offiziell vom Highway auf die Autobahn traben.