Business as usal: Mit Leistung, Luxus und jeder Menge SUV lässt die PS-Branche das Autojahr ausklingen

Diese Messe passt irgendwie zum Ergebnis der amerikanischen Präsidentschaftswahlen: Wo die Autobranche noch vor zwei Monaten auf dem Pariser Salon den Aufbruch in eine neue Zeit gefeiert und gar endgültig die elektrische Revolution losgetreten hat, fällt sie jetzt zur Autoshow in Los Angeles in die Steinzeit zurück. Ja, es gibt ein paar rühmliche Ausnahmen. So zeigt Jaguar mit dem ebenso faszinierenden wie fortschrittlichen i-Pace, wie ein Tesla Model X in schön und ein Mercedes EQ in modern aussehen müsste und verspricht sein erstes elektrisches Serienauto mit 400 PS und 500 Kilometern Reichweite für etwa 75 000 Euro schon in etwas mehr als einem Jahr. VW zeigt den aktualisierten Golf jetzt auch als e-Modell mit nun mehr als 300 Kilometern theoretischer Reichweite. Und auch Mini hängt mit der Premiere des neuen, schon wieder über sich hinaus gewachsenen Countryman als Plug-In-Hybrid erstmals am Ladekabel. Doch ansonsten gilt im Staples Center das Motto „Business as usual“ und Donald Trumps neues Amerika gibt nicht mehr viel auf Obamas zartgrüne Politik, sondern feiert mit Leistung, Luxus und jeder Menge SUV die alten Werte.

Allerdings sind es diesmal nicht die ganz dicken Schiffe, die auf der LA Autoshow in Vordergrund stehen. Sondern als hätte der neue Präsident schon die Regie übernommen, geht es vor allem um bürgerliche Geländewagen für die breite, namenlose Mittelschicht. Es wird Herrn Trump zwar vielleicht nicht schmecken, doch das spannendste Angebot in dieser Klasse kommt ausgerechnet von einem deutschen Hersteller. Denn VW zeigt auf der Messe zum ersten Mal den Atlas, der mehr Platz bietet als der Touareg aber kaum mehr kostet als ein Tiguan und als erster Siebensitzer der Marke zum Rettungswagen für das verfahrene US-Geschäft werden soll. Allerdings steht nur zwei Reihen weiter mit dem neuen Chevrolet Equinox auch einer seiner härtesten Konkurrenten in der nächste Auflage.

Während diese beiden Dickschiffe nicht für Europa geplant sind, drehen sich drum herum drei weitere Geländewagen, auf die man beiderseits des Atlantiks mit Spannung gewartet hat – allen voran der seit Urzeiten versprochene Alfa Stelvio, mit dem die Traditionsmarke dem Stückzahltod gar vollends von der Schippe springen möchte. Während das ein absoluter Neuzugang im Boom-Segment ist, sind die beiden anderen Premieren im Grunde fast schon alte Bekannte, die eine höchst vorhersehbare Evolution hinter sich haben. Denn der neue Mazda CX-5 sieht fast so aus wie der alte und lebt vor allem von seinen aufgewerteten Interieur. Und dass der Mini Countryman noch einmal 20 Zentimeter gewachsen ist, wundert bei dem Größenwahn der Briten auch keinen mehr.

Was nicht ins Gelände strebt, das buhlt in Los Angeles mit Glanz und Glamour um die Aufmerksamkeit. Schließlich gibt es hier nirgends mehr Millionäre als irgendwo sonst im Land und die Hollywood-Stars brauchen ja auch Frischware für die Fahrt an den roten Teppich. Sie lockt die PS-Branche mit Neuheiten wie dem um 15 Zentimeter gestreckten Porsche Panamera, einer nur 300 Mal gebauten Maybach-Version des S-Klasse Cabrios mit Lack und Leder bis zum Abwinken oder dem neuen E 63 AMG, der mit 610 PS gar vollends zum Supersportwagen im Business-Dress wird. Und wem das nicht reicht, der kann sich vielleicht für den neuen Porsche 911 RSR erwärmen. Gebaut für die Rundstrecke und ohne jede Chance auf eine Straßenzulassung, bitterböse gestaltet und von einem 510 PS starken Sechszylinder befeuert, ist er nichts weniger als der spektakulärste Elfer aller Zeiten – behauptet zumindest Porsche.

Hier die nächste Welle der SUV-Flut, da die üblichen Luxusliner und dazwischen ein paar neue Akku-Autos – auf den ersten Blick ist die LA Motorshow eine Automesse wie jede andere und von der visionären Stimmung im Heimatland von Tesla, Google, Uber & Co ist nicht viel zu spüren. Bis man einen Abstecher in das New Mobility-Zelt macht und dort Autos wie das elektrische Dreirad Elio oder den autonomen Kleinbus Olli von Local Motors sieht. Zwar geht es dort nicht ganz so glamourös zu wie in den beiden großen Hallen, und der Publikumsandrang hält sich in engen Grenzen. Doch die Botschaft ist genauso tröstlich, wie die ersten Analysen zum Fortgang der Weltgeschichte nach den US-Wahlen: Egal wer oder was gerade im Rampenlicht steht – man kann die Zukunft vielleicht ausbremsen und abschieben, aber man kann sie nicht aufhalten.


Bizeps statt Business: Mit 612 PS macht AMG die E-Klasse zum Athleten im Anzug

Mercedes-AMG E 63

Mercedes-AMG E 63

Der Termine im Kalender zu eng und die Tage zu kurz? Für Vielfahrer mit wenig Zeit und viel Geld bringt AMG jetzt wieder etwas Entspannung in die persönliche Agenda. Denn ein Jahr nach dem Generationswechsel der E-Klasse trainiert die schnelle Mercedes-Schwester beim dicken Benz fürs große Business den Bizeps und lässt den neuen E 63 von der Leine. Publikumsdebüt ist Mitte November auf der Autoshow in Los Angeles und n den Handel kommt der neue Kraftmeier im Frühjahr 2017.

Dabei haben die Angaser aus Affalterbach mehr modifiziert als je zuvor: „Bei den neuen E 63 Modellen haben wir den größten Entwicklungsschritt vollzogen, den wir je bei einem Generationswechsel gemacht haben“, sagt AMG-Chef Tobias Moers mit Blick auf den weiter erstarkten V8-Motor, die neue 9-Gang-Automatik mit nasser Anfahrkupplung, den modifizierten Allradantrieb und einen vom Design komplett umgestalteten Vorderwagen.

Das Ergebnis ist ein Auto, das sich von einem waschechten Sportwagen nur noch in der Form aber beileibe nicht mehr bei den Fahrleistungen unterscheidet. Nicht umsonst leistet der vier Liter große V8-Motor im E 63S jetzt irrwitzige 612 PS und geht mit bis zu 850 Nm zu Werke. Das reicht für einen Sprint von 0 auf 100 km/h in faszinierenden 3,5 Sekunden und für ein Spitzentempo, das bei 250 km/h in der Serie und 300 mit AMG Drivers Package eher willkürlich limitiert ist. Die Kraft jedenfalls dürfte der E-Klasse da noch lange nicht ausgehen.

Mercedes-AMG E 63

Mercedes-AMG E 63

Und wer sich mit dem Grundmodell E63 bescheidet, fährt kaum schlechter. Denn mit 571 PS und bis zu 750 Nm dauert der Sprint nur eine Zehntelsekunde länger und am Spitzentempo ändert sich nichts. Genauso wenig hat die Wahl des Motors Einfluss auf den Verbrauch: In beiden Fällen liegt er – der Zylinderabschaltung sei dank – auf dem Prüfstand bei mageren 8,9 Litern.

Damit die Kraft noch schneller fließt, hat AMG die neue Neungang-Automatik dabei zum ersten Mal mit einer nassen Anfahrkupplung ausgerüstet. Und damit sie sauber auf die Straße kommt, gibt es den E 63 nicht nur mit einem aufwändig getunten Fahrwerk, sondern auch noch serienmäßig mit Allrad-Antrieb. Doch die schnellen Schwaben wissen um den Reiz der Querkräfte und wollen den erfahrenen Kunden den Spaß nicht verderben. In den Tiefen des Menüs findet sich deshalb auch ein Drift-Modus, der alle Kraft nach hinten leitet, die E-Klasse zur Heckschleuder macht und den entsprechenden Nervenkitzel in die Kurven zurückbringt.

Verpackt ist das Kraftpaket in einem neuen Bug, den AMG komplett umgestaltet hat. Die Motorhaube ist nun wie bei den Coupés stärker zwischen Frontmaske und Kotflügeln eingebettet, die Radhäuser sind 17 Millimeter weiter ausgestellt und der neue Kühler ist im Stil des GT R so weit aufgerissen, dass einem Angst und Bange wird, wenn sich der im Rückspiegel breit macht.

Mercedes-AMG E 63

Mercedes-AMG E 63

Zwar gab es bislang keine E-Klasse, die so viel Lust aufs Selberfahren gemacht hat. Doch auch vor AMG machen die neuen Assistenzsysteme nicht halt. So haben sie in Affalterbach zwar auch eine Race-App entwickelt, mit der man seinen Fahrstil schulen und ein paar heiße Runden auf der Rennstrecke mit den Buddies in den sozialen Netzwerken teilen kann. Aber es gibt eben auch den Intelligent Drive aus der Großserie, mit dem man beinahe autonom über die Autobahn fahren kann. Vielleicht ist das gerade dann von Vorteil, wenn es im Terminplan mal wieder besonders knapp geworden ist. Nicht weil man damit schneller am Ziel wäre, sondern weil einen das vor teuren Knöllchen schützt. Und bei einem geschätzten Grundpreis von 100 000 Euro kann ja ein bisschen Sparsamkeit sicher nicht schaden.