Autofahren in Nepal: Kunterbunt ins Chaos

Geisterbahn in Nepalgunj: Die nächtliche Ortsdurchfahrt ist ein Auto-Abenteuer erster Güte.

Die Szenerie ähnelt der einer Geisterbahn. In pechschwarzer Dunkelheit rumpelt man über eine Buckelpiste, patscht in riesige Pfützen, sieht Schlamm spritzen, nimmt auf dem Untergrund fußballgroße Steine wahr und erkennt von links und rechts immer wieder dunkle Gestalten, die über den Weg huschen. Es ruckelt und quietscht, hektisch wechselt der Fuß vom Gas auf die Bremse und zurück, die Hupe quäkt und das Lenkrad steht keine Sekunde still. Allerdings ist dies hier kein Rummelplatz, sondern die ganz normale Realität des Abendverkehrs: Willkommen zur Rushhour in Nepalgunj, einer Grenzstadt zwischen Indien und Nepal.

Wer die zwei Kilometer lange Durchfahrt der 80.000-Einwohner-Stadt, die eigentlich eine riesige Ansammlung von Baracken, Lehmhütten und baufälligen Betonburgen ist, heil überstanden hat, der hält selbst die Rallye Dakar für eine Spazierfahrt. Denn wie überall in Nepal ist der Verkehr auch hier das reine Chaos. Jeder gegen jeden lautet das Motto und die einzige Verkehrsregel ist, dass man sich nicht an Regeln hält. Die Fahrzeugbeleuchtung funktioniert oder auch nicht, der Linksverkehr scheint außer Kraft gesetzt, die Vorfahrt nimmt man sich einfach und die Straße ist natürlich nicht nur für Autos da. Sondern auch für Fahrradfahrer, Familien, spielende Kinder, Eselskarren oder mobile Verkaufsstände. Und als wäre das noch nicht genug, trotten immer wieder ein paar Kühe mitten hindurch. Es sind selbstverständlich heilige Kühe, die auf jeden Fall Vortritt haben. Oft hilft kein Hupen und kein dichtes Auffahren, die erbarmungswürdig mageren Klapperkühe weichen keine Millimeter, sondern wühlen unbeirrt weiter nach etwas Nahrhaftem im Müll, der überall auf der Straße liegt. Und dann kommt der Verkehr ringsum mal wieder komplett zum Erliegen.

Karren statt Kraftfahrzeug: Viele Fuhrwerke sind in Nepal mit Wasserbüffeln bespannt.

So dauert es eine Ewigkeit, bis man die Ortsdurchfahrt hinter sich hat, den Wagen vor dem Hotel abstellt und hofft, dass nur bald die Sonne wieder aufgehen wird. Doch auch wenn man tagsüber zwar deutlich mehr erkennen kann, macht das die Fahrerei nicht grundsätzlich einfacher. Zu abenteuerlich ist der Fuhrpark der Napalis. In einem Land, in dem selbst Billigautos wie der Tata Nano als Luxus gelten und die Taxifahrer meist einen Suzuki Alto bewegen, gibt es kaum private Autos, doch dafür umso mehr Zweiräder. Dazu kommen in den Städten noch tausende Tuktuks und Rikschas und auf dem Land Traktorengespanne oder Karren, die wahlweise von Wasserbüffeln, Pferden oder Eseln gezogen werden. Und wer gar nichts zum Fahren hat, der läuft eben: Egal ob morgens, mittags oder abends – fast rund um die Uhr sind selbst in den einsamsten Gegenden überall Fußgänger unterwegs, und machen manche Autofahrt zu einem riskanten Slalom. Denn nicht nur die Kühe lassen sich vom fließenden Verkehr nicht aus der Ruhe bringen, sondern auch nicht die meisten Fußgänger.

Zwar ist Nepal ein bettelarmes Land, die Straßen sind in einem katastrophalen Zustand, die Städte versinken im Schutt und um jede Siedelung türmen sich Mist und Müll, doch die Menschen wirken zufrieden. Es scheint, als seien die Nepalis mit sich im Reinen, sie hinterlassen einen fast schon beseelten Eindruck. An jedem Flusslauf und an jeder Quelle sind Waschfrauen zu sehen oder Menschen bei der Körperpflege. Überhaupt gilt: Die Menschen auf den Straßen wirken allesamt äußerst gepflegt – was wiederum in krassem Gegensatz zur oft maroden Infrastruktur steht und umso bizarrer wirkt.

Konvoi durchs Chaos: Die Land-Rover-Truppe auf dem Weg durch Katmandu.

Geschmückt sind übrigens auch die Fahrzeuge, so es sie denn gibt. Lastwagen sind geradezu rollende Kunstwerke, auf denen anzügliche Sprüche und die Bilder asiatischer Gottheiten die friedliche Koexistenz verschiedener Werte demonstrieren. Die wenigen Pkw haben Stoffbänder und Girlanden am Kühlergrill und die Frontpartie mancher Busse oder Traktoren glitzert fast so wie ein Diadem. Selbst die Fahrradrikschas und die Dreirad-Taxen sind prächtig verziert – das macht das Verkehrschaos zwar nicht besser, aber wenigstens erfrischend bunt und hübsch.

Mittendrin rollte in diesen Tagen eine knappes Dutzend Land Rover, die auf den Straßen von Nepal fast so wirken wie Ufos auf Rädern. Ähnlich bunt beklebt, mit Expeditionsausrüstung und vor allem mit gleißend hellen Zusatzscheinwerfern brennen sie im Konvoi durch die Nacht. Ihr Ziel ist das indische Mumbai. Dort soll nach 50 Tagen Fahrt ein Auto-Abenteuer enden, das Ende August in Berlin gestartet wurde und über 15.000 Kilometer und elf Länder entlang der alten Seidenstraße nach Indien führte. Am Steuer der Allradler saßen weder PS-Profis noch Vollgas-Veteranen, sondern insgesamt zwölf ganz normale Land-Rover-Fans, die sich in einer mehrstufigen Ausscheidung unter rund 30.000 Kandidaten qualifiziert hatten.

Hier in Nepal sind bereits 13.000 Kilometer zurückgelegt, die Fahrt durch das höchste Land der Erde dauert vier Tage. Hier ein schneller Blick auf den Mount Everest, dort ein Fototermin am Fuß der Arnapurna-Runde, zwischendurch einige Offroad-Etappen entlang von Flußläufen oder über Dschungel-Trecks. „Wir würden ja gerne noch bleiben, aber wir haben einen Termin in Mumbai“, sagt einer der Fahrer mit einem verschmitzten Grinsen. Denn genau 50 Tage nach dem Start wollen die Auto-Abenteurer im einstigen Bombay sein.

Ein bisschen Offroad zur Abwechslung: Immer wieder biegen die Evoque ins Unterholz ab und pflügen durchs Gelände.

Die Fahrer werden am Ziel ins Flugzeug steigen und zurück nach Deutschland jetten. Doch der Rücktransfer der Autos wird abermals über den Landweg erfolgen. Und diesmal wird Land Rover dafür sogar Geld verlangen. Denn auf der Fahrt zurück von Mumbai nach Berlin sollen nicht die Gewinner einer Ausschreibung hinter den Lenkrädern sitzen, sondern ganz normale Offroad-Kunden. Für eine Teilnahmegebühr ab 2600 Euro werden die einzelnen Etappen angeboten. Eine Abenteuerreise im Range Rover Evoque – die manchmal ein bisschen so sein wird, wie eine Endlos-Fahrt in der Geisterbahn.


Land Rover Defender „Bigfoot“: Auf großem Stollenfuß

Eisiger Exot: Von den Bigfoots gibt es bei Land Rover nur zwei Exemplare.

Es ist morgens halb neun, draußen ist es noch fast dunkel und David trägt ein breites Grinsen: Der Winter hat Finnland fest im Griff, die Bäume biegen sich unter der Schneelast, die Temperaturen klettern selbst mittags kaum über -10 Grad, und auf den Feldern rund um Hämeenlinna türmen sich die Schneewehen. „Genau die richtige Zeit für eine kleine Landpartie“, sagt David und lässt rasselnd den Diesel seines Land Rover Defender an. Dann, wenn unsereins kaum mehr einen Fuß vor die Tür und erst recht nicht auf ein Gaspedal setzten möchte, fährt der Brite am liebsten. Denn David sitzt nicht am Steuer irgendeines Land Rovers, sondern als Instruktor des Abenteuertrupps Land Rover Experience ist er Herr über die zwei einzigen Bigfoots aus dem Werksfuhrparkt des britischen Geländewagenherstellers. „Bigfoot“, der mit den großen Füßen – so nennen die Allrad-Abenteurer jene Spezialumbauten, bei denen die Geländewagen riesige Ballonreifen erhalten, damit ihnen der Winter nichts mehr anhaben kann. Jetzt braucht David zwar fast eine Leiter zum Einsteigen, doch dafür walzt sein Wagen alles nieder, was Frau Holle über Nacht in den Weg geworfen hat.

Das Prinzip des Bigfoots hat David von den Eskimos oder wenigstens von deren Nacheiferern in den Wintersportorten abgeschaut. Denn so wie deren Schneeschuhe vergrößern auch die dampfwalzenbreiten Reifen auf den 38 Zoll großen Felgen die so genannte Aufstandsfläche des Autos. Das verteilt den Druck und sorgt dafür, dass der Wagen nicht einsinkt. Außerdem wächst die Bodenfreiheit dadurch nahezu um das Dreifache. „Vorn unter dem Differential sind es normalerweise 110 Millimeter, jetzt sind es 278 mm.“

Der will nur spielen: Mit einem Auto wie diesem, kann einem der Winter nichts anhaben.

Wo normale Pneus durch den Schnee schneiden würden wie ein Messer durch weiche Butter, drückt der Bigfoot die weiße Watte schmatzend zusammen und bleibt immer oben auf. Je mehr Luft David aus den Reifen lässt, desto weiter gehen die Gummis in die Breite, und desto höher schwebt der Defender über den Schnee. Mit der Lenkpräzision ist es dann zwar nicht mehr so weit her, und für die Kurven braucht man ein bisschen mehr Platz. Aber nach ein paar Minuten fühlt man sich wie ein Snowboarder auf Rädern und surft förmlich durch das Winterwunderland. Man fährt wie auf einer großen Wolke und sieht nur im Rückspiegel die Furchen, die das Auto im Weiß hinterlässt. Wie tief der Schnee wirklich ist, merkt man erst beim Aussteigen – wenn man neben dem Wagen plötzlich bis zum Bauch versinkt.

Schnell ist der Bigfoot freilich nicht . Denn erstens holt der Fünfzylinder-Dieselmotor aus den 2,5 Litern Hubraum nur magere 126 PS. Und zweitens bremst die Getriebeuntersetzung gehörig. Selbst im fünften Gang schafft der Wagen bei Vollgas kaum mehr als 40 Sachen. Doch dafür kann man im Dritten noch anfahren und im Ersten wühlt sich der Wagen mit maximal 300 Nm so verbissen voran, als spüre er im Nacken den Atem der nächsten Eiszeit. Spätestens wenn mit Hilfe von Druckluftkompressoren die drei zusätzlichen Sperrdifferentiale mit einem ohrenbetäubenden Zischen schließen, kann den Defender scheinbar nichts mehr stoppen – außer vielleicht ein ungeschickter Fahrer. Denn einfach ist der Marsch mit dem Bigfoot nicht: Im viel zu engen Fußraum bleibt man mit schweren Winterstiefeln immer wieder zwischen den Pedalen hängen und im knapp geschnittenen Cockpit verlässt einen bisweilen die Kraft zum Lenken.

Auf großem Fuß: Die wirklich riesigen Reifen sinken im Schnee kaum ein.

“Von Land Rover wurden die beiden Bigfoots eigens als Bergefahrzeuge für die Abenteuertouren der ‘Experience’ gebaut”, erläutert der Instruktor. Immer dann, wenn Range oder Discovery nicht mehr weiterkommen, rückt David aus, taucht die Szenerie mit den großen Dachstrahlern in gleißendes Licht, wirft die Winde an und zieht die Karren aus dem Dreck. „Mit dem Bigfoot habe ich noch jeden wieder flott gemacht“, sagt der Brite voller Stolz.

Kundenfahrzeuge hat die Prototypenwerkstatt der Briten bislang noch nicht gebaut. „Dabei gab es schon reichlich Anfragen“, sagt der Instruktor. Bis auf weiteres jedoch müssen sich Bigfoot-Interessenten nach Island wenden, wo sich eine ganze Branche auf entsprechende Umrüstung spezialisiert hat. In einem Land, in dem die größte Gletscher Europas für die Einheimischen so etwas sind wie riesige Abenteuerspielplätze und Schneefelder auch mal zu Schnellstraßen werden, leben Firmen wie Arctic Trucks blenden von den dicken Dingern – schließlich kostet ein Umbau mit ein bisschen Zubehör schnell mal 20.000 Euro. Bei Land Rover steht die Bigfoot-Umrüstung sogar mit jeweils rund 45.000 Pfund in den Büchern.

Längst fahren deren Trucks nicht nur durch Eis und Schnee . „Was im finnischen Winter hilft, das bringt uns auch auf Schlamm und Sand weiter“, sagt David. Deshalb holt er die Bigfoots nicht nur aus der Garage, wenn die Land Rover Experience ihr Gastspiel am Polarkreis gibt. „Sondern die beiden Autos sind echte Weltenbummler“, sagt er und erzählt von Einsätzen in Marokko, im Oman, auf Island und im Süden Afrikas. Kein Wunder, dass noch ein Hotel-Parkzettel aus Marrakesch und ein Fährausweis aus Reykjavik im Handschuhfach liegen.

So gut sich der Bigfoot im Gelände schlägt, so mühsam ist allerdings die Fahrt auf befestigten Straßen. Dass der Wagen 33 Sekunden bis Tempo 100 braucht und dem Motor bei 110 Sachen die Puste ausgeht, ist jedoch kein Schaden. Denn mit diesen Reifen ist diese Geschwindigkeit schon Abenteuer genug.