VW XL1 – das Ein-Liter-Auto kommt: Weniger ist schwer

 

Futuristische Flunder: Mit einem cW-Wert unter 0,2 stellt der XL1 alle anderen Autos in den (Wind)Schatten.

Gut Ding will Weile haben. Und manchmal braucht auch der selbsternannte Technologieführer der Autowelt länger als gedacht.Mittlerweile ist es ziemlich genau zehn Jahre her, dass Ferdinand Piech bei seiner letzten Dienstfahrt als VW-Chef im Jahr 2003 mit einem supereffizienten Prototypen von Wolfsburg nach Hamburg rollte und dabei nur einen Liter Sprit auf 100 Kilometer verbrauchte. Dass er dieses Auto einmal in Serie bringen würde, hat der Unternehmens-Patriarch schon damals versprochen. Nur waren die Hürden plötzlich so hoch, dass bei VW am Ende schon selbst kaum mehr einer an dieses Versprechen glauben wollte. Doch jetzt passiert genau das: Zwei Jahre nach der Premiere der letzten Studie des Ein-Liter-Autos in Doha beginnen die Niedersachsen nun im Werk Osnabrück tatsächlich mit der Serienproduktion des XL1. Den ersten öffentlichen Auftritt hat die silberne Serienflunder mit Diesel-PlugIn-Hybridantrieb in gut einer Woche beim Autosalon in Genf vor großem Publikum. Im Sommer soll der Wagen als effizientestes Auto der Welt auf die Straße kommen: Mit einem Verbrauch von 0,9 Liter auf 100 Kilometer und einen CO2-Ausstoß von 21 g/km – das schafft bislang kein anderes Auto mit Verbrennungsmotor. Wie viele Exemplare gebaut und zu welchem Preis sie verkauft werden sollen, das wissen die Manager offenbar selbst noch nicht so genau. „Wir rechnen bis zur letzten Minute“, kommentierte ein VW-Sprecher entsprechende Nachfragen.

Schneller Silberfisch: 160 km/h sind für ein Öko-Auto nicht schlecht.

Mit Piechs Prototypen und dessen Nachfolger L1 von der IAA 2009 hat der XL1 auf den ersten Blick nur noch die Idee gemein. Denn mit Blick auf Alltagstauglichkeit und die Akzeptanz möglicher Kunden ist der Wagen deutlich gewachsen – vor allem in der Breite. So kauern die beiden Insassen nun nicht mehr hintereinander wie in einem futuristischen Kabinenroller, sondern reisen nebeneinander, wie sie es seit jeher gewohnt sind. Und der Zustieg erfolgt nun nicht mehr durch das geöffnete Dach wie bei einem Segelflugzeug, sondern durch Flügeltüren, wie man sie bislang nur von der schnellen Konzernmarke Lamborghini kennt.

Das Karosseriekonzept ist noch immer revolutionär. Mit Blick auf minimalsten Luftwiderstand haben nicht nur die Designer Maß gehalten, jede überflüssige Sicke vermieden, alle möglichen Öffnungen geschlossen und sogar die Hinterräder verkleidet. Sondern auch die Ingenieure haben sich auf ein Minimum beschränkt. So liegt der XL1 zwar mit einer Länge von 3,89 Metern und einer Breite von 1,67 Metern auf dem Niveau des VW Polo, ist aber mit 1,16 Metern gerade mal so hoch wie ein Lamborghini Gallardo. Weil das Heck zudem schmaler ist als der Bug und der XL1 von oben die Silhouette eines Delfins zitiert, ist er strömungsgünstiger als fast jedes andere Fahrzeug: Während ein VW Golf auf einen cW-Wert von 0,27 kommt, fährt der XL1 mit CW = 0,189 durch den Windkanal.

Karbon-Konstrukt: Um den XL1 auf 795 Kilo zu drücken, wird die Karosserie komplett aus Kohlefaser gefertigt.

Der zweite Baustein im Sparprogramm der Niedersachsen ist das Gewicht. Weil die Karosserie komplett aus Kohlefaser gebacken wird und auch sonst auf jedes Gramm geachtet wurde, wiegt der Wagen nur noch 795 Kilogramm und ist damit um etwa ein Drittel leichter als etwa der VW Golf. Die Rohkarosse selbst zum Beispiel bringt samt Türen und Scheiben 230 Kilo auf die Waage, der Antrieb samt Tank und Batterie wiegt 227 Kilo, 153 Kilo entfallen auf das Fahrwerk und 80 Kilo auf die Ausstattung.

Das alles jedoch bringt am Ende wenig, wenn der Motor zuviel Durst hat. Deshalb haben die Entwickler den Antrieb der IAA-Studie weiterentwickelt, die Akkukapazität erhöht und die Leistung des E-Motors von 14 auf 27 PS gesteigert. So wird aus dem vergleichsweise konventionellen Diesel-Hybrid ein Plug-In-Hybrid, der an der Steckdose tankt und 50 Kilometer rein elektrisch fahren kann. Erst danach – oder wenn es der Fahrer etwas eiliger hat – schaltet sich kaum merklich ein Zweizylinder-Selbstzünder zu, der aus mageren 0,8 Litern Hubraum 48 PS schöpft. Im Team kommen beide Motoren so auf 70 PS und 140 Nm, die durchaus alltagstaugliche Fahrleistungen ermöglichen sollen: So beschleunigt der XL1 in 12,7 Sekunden auf Tempo 100 und erreicht solide 160 km/h. Mit einem VW Up ist man auch nicht viel schneller unterwegs. Mindestens genau so imposant ist jedoch die Reichweite: Obwohl der Tank nur zehn Liter fasst, kommt der Prototyp damit gut 550 Kilometer weit. Würde man den 75-Liter-Tank aus dem Golf einbauen, müsste der XL1 bei der aktuellen Durchschnittsfahrleistung nur noch zweimal pro Jahr an die Tankstelle.

Schlichter Sparer: Luxus darf man im Ein-Liter-Auto nicht erwarten.

Wie das technische Grundkonzept für den XL1 aussehen müsste, das war den Niedersachsen spätestens seit der Studie von 2009 klar. Doch wie der Spar-Extremist auf die Straße gebracht werden soll, das ist offenbar noch immer nicht ganz klar. Denn über Preis und Stückzahl wird im Vorstand dem Vernehmen nach noch immer heftig diskutiert. Wie viele Autos müssen gebaut werden, damit der Wagen nicht von vornherein als Hightech-Greenwashing jede Relevanz verliert? Wie teuer kann man das Mobil machen, damit man wenigstens einen Bruchteil der horrenden Entwicklungskosten wieder einspielt? Wie billig muss das Auto sein, damit sich genügend Käufer finden? Und wie dumm steht man da, wenn das Sparauto doch zum Ladenhüter wird oder – das andere extrem – wenn die Nachfrage die Lieferkapazität bei weitem übersteigen sollte? Fragen über Fragen, auf die in Wolfsburg noch so recht keiner eine Antwort weiß. Doch lange wird der Vorstand nicht mehr lavieren können: Beim Autosalon in Genf, spätestens jedoch zum Verkaufsbeginn, müssen die Manager Antworten geben.


Lamborghini Aventador: Karbon-Jet im Tiefflug

Böse und breit: Wenn dieses Autogesicht im Rückspiegel auftaucht, gibt es nur noch eins – Platz machen.

Die Gesichte ist schon so oft erzählt worden, doch sie ist einfach zu schön, um sie nicht noch einmal zu bemühen. Schließlich geht spätestens in diesem Sommer der alte Traum von Ferruccio Lamborghini in Erfüllung, der nur deshalb den besten Sportwagen der Welt entwickeln wollte, weil ihn Enzo Ferrari als Traktorbauer beschimpft und ihm keinen Job in der Konstruktion gegeben hat. So sann er auf Rache und gründete 1964 seine eigene Marke, die – seit 1998 unter dem Dach des VW-Konzerns – der Konkurrenz aus Maranello nun endgültig davon fährt. Denn während Ferrari den Supersportwagen mit dem neuen Top-Modell FF zur beinahe schon biederen Familienkombi degradiert, schicken die Lamborghini-Entwickler in Sant’Agata exakt zehn Jahre nach dem Debüt des Murciélago jetzt einen neuen Tiefflieger auf die Überholspur: 700 PS stark, 350 km/h schnell und so scharf gezeichnet wie ein Skalpell geschliffen, soll das neue Topmodell Aventador LP 700-4 beweisen, was der Firmengründer einst behauptete: Die besten Sportwagen kommen von Lamborghini. „Kein anderer Supersportwagen ist mit unserem neuen Flaggschiff zu vergleichen“, tönt auch Firmenchef Stephan Winkelmann. Er nennt das Auto den neuen Maßstab in dieser Klasse, das mindestens eine Generation überspringe und die Zukunft des Genres zur Gegenwart macht.

Dieser Stolz fußt nicht so sehr auf dem Design des flach geduckten Aventador, sondern Winkelmann reklamiert vielmehr eine technologische Führungsposition für den 4,78 Meter langen Zweisitzer: Als erstes Auto seiner Art nämlich besteht der Aventador fast vollständig aus einer Karbonstruktur, die in einem halbwegs maschinellen Prozess hergestellt wird. Nicht von Hand geschnitten und gebacken wie zuletzt beim Mercedes SLR, sondern zum Teil automatisiert, entsteht ein nur knapp 150 Kilogramm schweres Monocoque aus Kohlefaser. Dazu gibt es ein Chassis aus Karbon und Aluminium und am Ende ein Trockengewicht von 1575 Kilogramm – immerhin 75 Kilo weniger als beim Vorgänger.

Feudales Fitnessstudio: Obwohl bei der Karosserie jedes Kilo zählt, muss der Lambo-Fahrer nicht auf Komfort verzichten.

Hinter den Sitzen und auf Wunsch auch unter Glas sitzt ein neuer Zwölfzylindermotor, der mit dem Aventador buchstäblich leichtes Spiel hat: Aus 6,5 Litern Hubraum schöpft die Drehorgel, deren Limit erst weit jenseits von 8000 Touren liegt, brachiale 700 PS und urgewaltige 690 Nm. Damit schießt der Aventador binnen 2,9 Sekunden auf Tempo 100 und danach weiter bis 350 km/h. Die Karbonkarosse und der neue Motor verbessern nicht nur das Leistungsgewicht als Relation von Kilowatt und Kilogramm, sondern sie drücken auch den Verbrauch: Obwohl knapp zehn Prozent stärker, ist der Lamborghini zugleich um etwa 20 Prozent spritsparender. Aber erstens sind das im Normzyklus noch immer 17,2 Liter. Und zweitens ist das dem Lamborghini-Kunden wohl ebenso egal wie der Preis, der mit dem Generationswechsel die nächste Schallmauer knackt und nun bei 303.450 Euro liegt.

Mehr Wert legen die Käufer eines Supersportwagens auf ganz andere Zahlen – zum Beispiel die 50 Millisekunden, die das neue Getriebe nur noch für einen Gangwechsel benötigt. Denn zum ersten Mal in einem Straßenauto kommt bei Lamborghini eine Schaltung mit so genannten Independant Shifting Rods (ISR) zum Einsatz, für die ein manuelles Siebenstufengetriebe automatisiert wird. Das schaltet nicht nur schneller als je zuvor, sondern braucht auch weniger Platz und ist nur halb so schwer wie eine Automatik mit Doppelkupplung. Ebenfalls eine Serienpremiere feiert das Fahrwerk mit so genannten Pushrods, das Lamborghini aus der Formel 1 entlehnt hat. Zusammen mit dem traditionellen Allradantrieb, zahlreichen elektrischen Assistenzsystemen und einer ausgefeilten Aerodynamik soll es dafür sorgen, dass der Wagen nie die Bodenhaftung verliert.

Treibende Kraft: Die 6,5 Liter Hubraum und 700 PS Leistung des neuen Zwölfzylindermotors machen den neuen Lamborghini zum Überflieger.

Wie immer in der jüngeren Geschichte trägt auch der neue Sportwagen passend zum Markenlogo den Namen eines Kampfstiers: Avantador. Bei dem Tier soll es sich um einen kapitalen Bullen gehandelt haben, der sich 1993 in der Arena zu Saragossa besonders teuer verkauft hat. Jedoch hat der Name im Spanischen angeblich noch eine zweite Bedeutung, die mindestens genauso gut zu dem Boliden passt: Aventador, so ist im Internet nachzulesen, sei auch der Fachbegriff  für einen Tritt in den Hintern. Gut möglich, dass man sich deshalb bald bei Ferrari & Co. den Hosenboden reibt.