Daimlers Feuerstuhl: Nach 125 Jahren fährt der Reitwagen wieder

Heißer Ofen: Mit dem Motor zwischen den Beinen und dem Lenker fest in der Hand schafft man auf dem Reitwagen immerhin flottes Fußgängertempo.

In den Chroniken wird er zwar gerne vergessen, doch ohne Gottlieb Daimlers Reitwagen aus dem Jahr 1885 würde im kommenden Jahr vielleicht nicht der 125. Geburtstag des Automobils gefeiert werden. Denn noch bevor Carl Benz 1886 den Patent Motorwagen baute und seine Frau Bertha damit zur ersten Autofahrt der Geschichte startete, hatte Daimler mit dem eigenwilligen Gefährt bewiesen, dass Verbrennungsmotoren individuell zu steuernde Straßenfahrzeuge antreiben können – und so dabei auch das erste Motorrad der Welt gebaut.

Jetzt, fast auf den Tag genau 125 Jahre nach der Patentanmeldung am 29. August 1885, war MOTOSOUND mit einem originalgetreuen Nachbau des eigenwilligen Einsitzers noch einmal unterwegs (die Sounddokumente dazu sind bereits online auf www.motosound.de). Und wo sonst hätte man den Reitwagen in Betrieb nehmen sollen als dort, wo die Geschichte begann: Auf jener Wiese in Bad Cannstatt, die heute zum Kurpark gehört und früher einmal Gottlieb Daimlers Garten war.

Im Schatten des Gartenhauses, das Daimler und seinem kongenialen Partner Wilhelm Maybach als Werkstatt diente und heute ein kleines Museum beherbergt, hantiert jetzt Michael Plag, Mechaniker aus dem Mercedes Classic Center, mit Spezialbenzin, Lunten und Feuerzeug, um den Einzylinder zum Laufen zu bekommen. Was im Auto von heute mit einem Druck auf den Starterknopf gelingt, war damals noch eine ebenso aufwändige wie langwierige und bisweilen auch gefährliche Prozedur.

Denn damit das in einem Oberflächenvergaser produzierte Benzin-Luft-Gemisch in der Brennkammer tatsächlich explodiert, muss erst einmal ein so genanntes Glührohr auf Temperatur gebracht weden. Und dafür braucht es lodernde Flammen, die, umhüllt nur von ein paar Messingblechen, direkt unter dem Hosenboden des Fahrers züngeln. Der Daimler Reitwagen ist wahrlich ein Feuerstuhl.

Zeitreise: In dieser Werkstatt baute Gottlieb Daimler 1885 den Reitwagen und bereitete damit dem Auto den Weg.

Statt eines Zündschlüssels hält also Experte Plag eine Art Stimmgabel in die Glühkammer, die mit einem großen, benzingetränkten Docht umwickelt ist und lodert. Nachdem mit viel Fingerspitzengefühl das Heizbenzin dosiert und mit einer Lötlampe nachgeholfen wird, schlagen die ersten Flammen aus dem Holzgestell und die Züge des Mechanikers entspannen sich. Das Röhrchen glüht kirschrot, und es wird Zeit, den eigentlichen Motor anzukurbeln. Nur zwei Umdrehungen braucht Plag, dann tuckert der Motor, den Daimler wegen seiner Form “Standuhr” genennt hat. Wo man eben noch die Vögel zwitschern hörte, hämmert jetzt der Kolben durch den Park. Und wer die erstaunten Gesichter der Passanten von heute sieht, kann sich entfernt vorstellen, was die Menschen vor 125 Jahren wohl für Augen gemacht haben, als Daimler und Maybach mit dem Reitwagen zum ersten Mal an die Öffentlichkeit traten.

War es damals Daimlers Sohn Adolf, der die Jungfernfahrt ins benachbarte Untertürkheim absolvierte, bleibt der nach Originalvorlagen rekonstruierte Reitwagen heute auf den Kieswegen im Kurpark von Bad Cannstatt.

Das Vehikel zu bewegen ist gar nicht so einfach. Obwohl der Reitwagen außer den beiden eisenbeschlagenen Holzrädern noch zwei Stützräder hat und man mit nicht einmal 0,3 Litern Hubraum und einem halben PS kaum schneller als Schritttempo fährt, sitzt man doch recht wackelig und unsicher auf dem Holzkonstrukt. Die Oberschenkel klemmen den Sattel ein, die linke Hand umfasst den filigranen Lenker und bestimmt die Richtung, die rechte wiederum klammert sich um den kleinen Hebel am Rahmen, mit dem der lederne Laufriemen gespannt wird. Er verbindet die Antriebswelle mit dem Hinterrad und überträgt so die Kraft. Lässt die Spannung nach, wird auch der Reitwagen langsamer. Und drückt man den Hebel nach vorne, tritt ein großer Bremsbacken in Aktion und stoppt die Fahrt.

Feuerstuhl: Wer den Reitwagen starten will, braucht Geschick, ein wenig Glück und viele Zündhölzer. Denn zum Start wird das Vehikel buchstäblich zum Feuerstuhl.

So rumpelt und rattert man über die Kieswege, kämpft mit der Balance und bekommt mehr und mehr Respekt vor den tollkühnen Männern auf ihren glühenden Kisten, die so den Weg zum Auto geebnet haben. Gleichzeitig allerdings wächst mit der Fahrt auch die Freude darüber, dass Carl Benz nur wenige Monate nach der ersten Ausfahrt des Reitwagens den Patent Motorwagen mit dann schon drei Rädern und Daimler wiederum ein paar Monate später die Motorkutsche mit vier Rädern erfanden. Auf diesen weitaus stablieren Gefährten war man nicht nur sicherer unterwegs, sondern auch ohne beiheizten Sitz.

Zwar hat der Reitwagen viel bewegt in der Geschichte des Automobils, doch seine eigene Geschichte war nur von kurzer Dauer: Bereits 1903 wurde das Original bei einem Feuer im Werk Untertürkheim zerstört. Obwohl Mercedes mit Zweirädern schon damals nichts mehr zu tun hatte und anders als etwa BMW, Honda oder Peugeot auch später keine Motorräderb baute, wussten die Schwaben, was sie Gottlieb Daimler schuldig waren. Kaum war das Feuer gelöscht, begann bereits die erste Rekonstruktion des Reitwagens. Das Modell, mit dem heute noch hin und wieder über den Kies von Bad Cannstatt geknirscht wird, ist ein Nachbau aus dem Jahr 1985.