Hochamt der Automobilkultur: In Pebble Beach steigt die bunteste PS-Party der Welt

Mercedes EQ Silver Arrow

Mercedes EQ Silver Arrow

Abends um sieben ist die Welt noch in Ordnung. Am Horizont fällt glutrot die Sonne in den Pazifik, in der Bucht rollen sanfte Wellen gegen den Strand und das Green von Loch 18 in Pebble Beach gehört noch den Golfern. Doch nur ein paar Stunden später sieht die Sache schon ganz anders aus: Lange vor dem Morgengrauen schiebt sich unter hüstelndem Stottern, asthmatischem Röcheln und lautem Röhren eine Karawane von Klassikern durch dichten Nebel und feine Wolken von verbranntem Öl und heißem Abgas auf den penibel gestutzten Rasen und verwandelt den berühmtesten Golfkurs in den wahrscheinlich teuersten Parkplatz der Welt: Denn jedes Jahr im August steigt hier der Concours d’Elegance und die 200 schönsten, seltensten und spektakulärsten Oldtimer geben sich ein Stelldichein.

Bevor ab 10.30 Uhr zigtausende von Fans über den Gottesacker der Autogeschichte flanieren und zwischen den PS-Pretiosen eine ungewöhnlich unprätentiöse Party feiern, herrscht morgens allerdings erst mal eine geschäftige Ruhe auf dem Platz. Mit großen Staubwedeln, mit antistatischen Lappen, ja sogar mit der Zahnbürste wird poliert, gewachst und gewienert, damit das Schmuckstück nachher nur ja richtig glänzt. Zwar sind viele Autos mindestens so überrestauriert wie die Damen an der Seite ihrer stolzen Besitzer. Doch für den schönen Schein tun die Sammler in Amerika alles – und die Juroren nehmen es dankbar zur Kenntnis.

Audi PB18

Audi PB18

Zwar gibt es für einen Sammler noch immer nichts größeres, als hier einmal einen Klassensieg zu erringen. Und wer am Ende im Konfetti-Regen den „Best of Show“-Award bekommt, der Award ist endgültig im Oldtimer-Olymp angekommen. Doch längst ist rund um den Concours eine gewaltige PS-Party entstanden, die mittlerweile eine Woche währt, bald 200 000 Zuschauer anzieht und sich längst nicht mehr nur alten Autos widmet. Denn während den klassischen Automessen wie der IAA in Frankfurt oder nächsten Monat dem Pariser Salon die Aussteller davonlaufen und sich die Verantwortlichen um die Zukunft sorgen, schießt die Industrie hier aus vollen Rohren. Begeisterung statt Bedenken, Faszination statt Kritik: „Wo, wenn nicht hier kann man die Liebe zum Auto ungehindert ausleben und sich mal wieder etwas Leidenschaft leisten“, sagt Mercedes-Designchef Gorden Wagener, der jetzt schon sein drittes Showcar nach Pebble Beach gerollt hat. Nach zwei spektakulären Maybach-Modellen ist diesmal die neue Submarke EQ an der Reihe. Bevor die nächsten Monat in Stockholm ein ziemlich gewöhnliches SUV mit Elektroantrieb enthüllt, setzt Wagener in Kalifornien einen neuen Silberpfeil unter Spannung und beamt den 80 Jahre alten Weltrekordwagen W125 mit einem 750 PS starken Stromlinien-Wagen in die Zukunft. Und das mit der Stromlinie darf man bei dem Einsitzer ruhig wörtlich nehmen – denn natürlich fährt der Silver Arrow wie jeder Mercedes EQ elektrisch.

Mit der Idee vom Rasen ohne Reue ist Mercedes nicht alleine. Auch Infiniti schielt mit seinem elektrischen Prototype 10 auf die Rennbahn und spielt genau wie Mercedes bei dem offenen 1+0-Sitzer mit ein paar Retro-Elementen, mit dem feinen Unterschied, dass die junge japanische Marke gar keine Historie hat, auf die sie sich damit beziehen könnte. Aber dafür hat der Renner immerhin eine Zukunft. Oder zumindest sein Antrieb. Denn der Prototype 10 erneuert das Versprechen, dass ab 2021 jeder neue Infiniti auch mit Elektromotoren angeboten wird, sagt Markenchef Roland Krüger.

BMW Z4

BMW Z4

Dritter im Bunde der elektrischen Ego-Shooter ist der Audi PB18. Auch er ist rasend schnell, auch er ist vor allem für die Rennstrecke gebaut und auch er fährt elektrisch. Doch kurz danach ist es vorbei mit den Parallelen. Denn während Mercedes und Infiniti – der eine mehr, der andere weniger – in den Rückspiegel schauen, sieht Audi-Designchef Marc Lichte nur nach vorn und hat deshalb quasi ein Play-Station-Auto in die Realität geholt. Das spektakulärste an der Studie ist darum auch nicht der Antrieb mit über 800 PS und 830 Nm, der mit einem Sprintwert von etwa zwei Sekunden Fahrleistungen wie in einem LMP1-Prototypen ermöglicht. Und auch nicht der weit eingezogene Bug oder das keilförmige Heck. Sondern das Highlight ist der Fahrersitz, der auf Knopfdruck in die Mitte rückt und dem Piloten durch transparente Instrumente eine einzigartige Perspektive auf die Fahrbahn ermöglicht.

elektrischer E-Type

elektrischer E-Type

Aber so faszinierend der EQ Silver Arrow, der Prototype 10 oder der PB18 auch sein mögen, haben sie alle drei einen Haken – es wird sie für kein Geld der Welt zu kaufen geben. Für die reichen Raser von Pebble Beach ist das traurig, doch für Männer wie Michael Perschke ist das ein Segen. Denn er ist Chef der neu ausgegliederten Marke Automobili Pininfarina und angetreten, solche Träume zu erfüllen. Dafür baut der einstige Designdienstleister nun einen eigenen elektrischen Supersportwagen, der nichts weniger sein will, als das stärkste und schnellste Auto, das in Italien je auf die Räder gestellt wurde – alle Ferrari und Lamborghini eingeschlossen. Dieses Versprechen untermauert Perschke mit spektakulären zahlen: Zwei Motoren bringen zusammen gut 1900 PS und 2300 Nm an die Achsen, der Sprint von 0 auf 100 dauert weniger als zwei Sekunden, nach 12 Sekunden stehen 300 km/h auf der Uhr und wenn es nach den Italienern geht, ist Bugatti bald nicht mehr alleine im Club der 400er. Nicht minder atemberaubend als die Fahrleistungen und das Design des bislang nur hinter verschlossenen Türen und vor abgeklebten Handys präsentierten PF0 ist allerdings auch der Preis. Denn jedes der 150 Exemplare wird mindestens zwei Millionen Euro kosten.

Gemessen an den elektrischen Spitzensportlern wirken die anderen Neuheiten aus Pebble Beach fast schon wie aus dem PS-Pleistozän. Denn egal ob nun der Bugatti Chiron mit mehr Aerodynamik, weniger Gewicht, aggressiverem Design und strammerem Fahrwerk zum fünf Millionen Euro teuren Divo wird oder ob Lamborghini den Aventador mit 770 PS, Allradlenkung und aktiver Aerodynamik zum SVJ aufrüstet und einen neuen Nordschleifenrekord für Serienfahrzeuge bejubelt, erscheine diese Supersportwagen nicht viel moderner als die Oldtimer, von denen sie umgeben sind.

Der Faszination tut das allerdings keinen Abbruch: Die 40 Divos waren schon vor der Premiere verkauft und bei den maximal 900 Aventador wird diese Nachricht wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen – obwohl der Wagen stolze 415 000 Euro kostet.

Aber man muss kein Krösus sein, um in Pebble Beach seinen Spaß zu haben und sein neues Auto zu finden. So, wie es parallel zum Hochglanz-Concours auch die Little Car Show von Pacific Grove oder den Concours de Lemons für die hässlichsten Autos gibt und so wie sie bei den allgegenwärtigen Auktionen neben einem Aston Martin für 20 Millionen Dollar auch Thunderbirds oder Mustangs für ein paar Tausender versteigern, so stehen zwischen den ganzen Super- und Hypercars auch eine Reihe vergleichsweise bürgerlicher Autos. So tourt VW auf dem legendären 17-Miles-Drive mit seinen aktuellen Atlas-Studien Tanoak und CrossSport und testet die Stimmung für eine mögliche Serienproduktion. Und BMW zieht auf dem 18 Green das Tuch vom neuen Z4, der im Frühjahr ein Revival der Roadster einleiten soll.

Lamborghini Aventador SVJ

Lamborghini Aventador SVJ

Zwar ist das Auto weltweit in der Kritik und die Angst vor dem Verkehrskollaps ist bald genauso groß wie die globale Atemnot. Doch davon will bei der vielleicht größten PS-Party der Welt niemand etwas wissen. Sondern hier wird eine Woche lange die Liebe zum Auto gefeiert, so unterschiedlich die Objekte der Begierde auch sein mögen. Neben dem eigentlichen Concours gibt es deshalb in dieser Woche dutzende anderer Schönheitswettbewerbe, Clubtreffen und Schaulaufen: In der Mainstreet von Pacific Grove flanieren die Muscle Cars, auf einem Golfplatz treffen sich alte Audi, BMW und Mercedes bei den „Legends Of The Autobahn“, die Ferrari, Fiat& Co feiern beim „Concorso Italiano“ und die Schönsten der Schönen – und das gilt für Maschinen wie für Menschen – treffen sich beim „Motorsport-Gathering“ auf der vornehmen Quail-Lodge. Zwar kosten die auf wenigen tausend Exemplare limitierten Tickets dort schon im freien Verkauf über 500 Dollar und werden auf dem Schwarzmarkt für das fünffache gehandelt. Doch dafür gibt es neben schnellen Autos und schillernden Persönlichkeiten auch Champagner bis zum Abwinken und Kaviar „all you can eat“.

Selbst wenn die Events immer größer und lauter werden und sich manch einer an den Tanz auf dem Vulkan erinnert fühlt, muss man sich um die Zukunft der Monterey Car Week und die Begeisterung für faszinierende Autos keine Sorgen machen, glaubt Luca Borgogno. Er ist der Designer des elektrischen Supersportwagens Pininfarina PF01 und überzeugt davon, dass Autos wie dieser in 20, 30 Jahren noch genauso viele Fans anlocken werden, wenn sie nicht mehr als Neuwagen sondern als Klassiker zurück nach Pebble kommen und am Sonntagmorgen in der Dämmerung ihren Weg aufs Green antreten. Nur dass es dann bei der Dawn-Patrol vielleicht ein bisschen leiser zugeht und nicht mehr so streng riecht.