Nissan Leaf RC: Elektrisierendes Sportgerät

Elektrischer Tiefflieger: Obwohl der Leaf RC nur magere 109 PS hat, macht der Rennwagen Spaß wie ein großer - vor allem in engen Kurven.

Nein: Das, was da gerade blau und flach durchs Sichtfeld gewischt ist, war keine Fata Morgana. Und dass es hier trotz des laufenden Rennbetriebs gespenstisch Still ist auf dem Autodrom von Dubai, geht auch in Ordnung. Denn auf dem Wüstenkurs sind in diesem Fall keine vielzylindrigen Benzin-Boliden unterwegs, die an den Ölvorräten der Araber süffeln. Sondern im Emirat testet Nissan derzeit den elektrischen Leaf RC, den die japanische Marke für den Vorboten einer neuen Sportwagengeneration hält.

„Wir wollen beweisen, dass auch ein Elektroauto Spaß machen und sexy sein kann“, sagt Francois Crisias, der an dem Projekt mitgearbeitet hat. „Deshalb haben wir das erste alltagstaugliche Elektroauto aus der Großserie fit gemacht für die Rennstrecke.” Dabei ging es Nissan allerdings nicht nur um einen Marketing-Gag oder die Demonstration des Machbaren. „Es könnte gut sein, dass daraus mal eine neue Kategorie von Motorsport entsteht“, sagt Crisias. Eine eigene Nissan-Rennserie sei ebenso denkbar wie eine Formel E für verschiedene Strom-Rennwagen oder ein Pokal, der von einem freien Promoter ausgeschrieben werde. Das Interesse an einer solchen E-Auto-Rennserie sei in der gesamte Branche groß, behauptet der Franzose Crisias. „Denn wenn alle Autos elektrisch fahren, leise sind und keine Schadstoffe mehr ausstoßen, dann könnte man den Motorsport wieder zurück in die Städte bringen.“ Nicht mehr draußen auf dem platten Land, sondern auf Kursen mitten in Paris, Barcelona, New York oder Berlin könne dann gerasten werden.

Für solche City-Kurse wäre der Leaf RC bestens gerüstet. Denn das Auto ist extrem handlich, lässt sich prima mit dem Gasfuß durch die Kurven zirkeln und überzeugt vor allem durch einen wahnwitzigen Antritt. Das Spitzentempo liegt mit 150 km/h nur knapp über dem des straßenzugelassenen Leaf und würde Schumi & Co. nicht einmal ein Gähnen entlocken. Aber bis Tempo 50 kann die elektrische Flunder mit jedem Supersportwagen mithalten, und 6,5 Sekunden von 0 auf 100 sind für ein Öko-Auto auch nicht so schlecht. Auf Strecken mit kurzen Geraden und stattdessen vielen verzwickten Kurven wie hier in Dubai klebt der E-Nissan allerdings am Heck des drei Mal stärker motorisierten GT-R, den Nissan als Pacecar voraus geschickt hat.

Carrera-Bahn für Große: Am Steuer des Leaf fühlt man sich wie in einem großen Spielzeugauto auf einer Rennbahn quer durchs Kinderzimmer.

Technisch ist der Leaf RC vom Serienauto gar nicht so weit entfernt. „Wir wollten demonstrieren, was alles im Leaf steckt und haben den Antrieb deshalb unverändert übernommen“, erläutert Crisias. Der 109 PS starke Motor und die 24 kWh großen Lithium-Ionen-Akkus haben auch im Highend-Modell die übliche Konfiguration. Das hat den angenehmen Nebeneffekt niedriger Entwicklungskosten. „Das Auto hat einen Versicherungswert von rund 100.000 Euro, viele andere Studien sind zehnmal teurer“, sagt Crisias.

Auch wenn Motor und Akku aus der Serie stammen, besteht freilich keine Verwechslungsgefahr. Nicht nur weil der Leaf für die Rennstrecke zum platt gedrückten Flügelstürmer mit Karbonkarosse mutierte, nur noch zwei enge Schalensitze besitzt und um 600 Kilogramm abgespeckt hat. Sondern auch, weil Nissan die Technik unter dem Blech komplett gedreht hat: Der Motor treibt jetzt aus dem Heck heraus die Hinterachse an und die Akkus sitzen nicht mehr im Wagenboden, sondern zugunsten der besseren Balance als großes Paket hinter den Sitzen. Weil sich alles im Heck konzentriert, lässt sich der Leaf RC ungemein leicht durch den engen Kurs zirkeln.

Lange allerdings darf die Raserei nicht dauern. Zwar steht in der Boxengasse eine Schnellladestation, an der das Auto binnen einer halben Stunde wieder aufgeladen werden kann. Das Fahrvergnügen währt dann aber noch kürzer. „Nach 20 Minuten Rennbetrieb ist Schluss“, sagt Crisias.

Bis zum Start einer elektrischen Rennserie ist es noch ein weiter Weg. “Doch wenn man nie anfängt, wird man auch nie etwas erreichen”, philosophiert Crisias und berichtet vom Interesse mancher Promoter und von Gesprächen mit zahlreichen Städten, die alle gern ein Motorsportspektakel wie in Singapur oder Monte Carlo hätten. “Gut moglich, dass sich für den Motorsport bald ganz neue Türen öffnen”, sagt Crisias. Wenn es grünes Licht gibt, könnte es übrigens ziemlich schnell gehen: denn während es von Showcars oder Designstudien immer nur ein Exemplar gibt, hat Nissan vom Leaf RC bereits acht Modelle gebaut. Für ein spannendes Rennen auf einem engen Kurs würde das schon reichen.