Benz-Patent-Motorwagen: So kam vor 125 Jahren das Auto in Fahrt

Wagen ohne Pferd: Zum Auto nach heutigem Muster fehlt dem Patent-Motorwagen noch viel. Aber – er fährt, und zwar aus eigener Kraft und genau dorthin, wo es der Fahrer will.

Es begann bei Nacht und Nebel: Die ersten Fahrten unternahm Carl Benz aus Angst vor neugierigen Blicken bei Dunkelheit. Und das war nicht immer einfach – gleich der erste Test endete an der Wand der Werkstatt, und viel weiter als ein paar hundert Meter hat er es in den Nächten darauf auch nicht geschafft. Doch getrieben von der Beharrlichkeit des genialen Tüftlers ließ sich der Mann aus Mannheim nicht entmutigen und probierte es immer weiter. Mit Erfolg: Am 29. Januar 1886 – also vor genau 125 Jahren – meldet er das Patent für seinen Motorwagen an und unterschrieb damit quasi die Geburtsurkunde des Automobils.

Zwar hat der Patent-Motorwagen mit unserer heutigen Vorstellung vom Auto nicht viel gemein, doch zum ersten Mal hat damit der Mensch die Maschine vollends in der Hand und kann ohne fremde Kraft selbst entscheiden, wann und wohin die Fahrt gehen soll. Bei der ersten öffentlichen Ausfahrt in Mannheim im Juli 1886 erkannte die örtliche Presse bereits die Tragweite der Erfindung. “Schon bei dem ersten Versuch wurde uns Gewissheit, dass durch die Benz’sche Erfindung ein Problem gelöst sei, mittels elementarer Kraft einen Straßenwagen herzustellen…. Wir glauben, dass dieses Fuhrwerk eine gute Zukunft haben wird, weil dasselbe ohne viel Umstände in Gebrauch gesetzt werden kann und weil es bei möglichster Schnelligkeit das billigste Beförderungsmittel für Geschäftsreisende und eventuell auch für Touristen werden wird.”

Bei der Bevölkerung jedoch herrscht Skepsis. „Die Menschen sammeln sich an, lächeln und lachen. Das Staunen und Bewundern schlägt um in Mitleid, Spott und Hohn. Wie kann man sich in einen unzuverlässigen, armseligen, laut lärmenden Maschinenkasten setzen, wo es doch genug Pferde gibt auf der Welt“, schreibt Benz in seinen Erinnerungen. Kein Wunder, dass der wirtschaftliche Erfolg auf sich warten ließ. “Überall in Stadt und Land wird der Kraftwagen zum sensationellen Ereignis. Aber ein Käufer findet sich nirgends im deutschen Vaterlande.” Das hat sich mittlerweile geändert: Derzeit gibt es in Deutschland rund 40 Millionen und weltweit etwa eine Milliarde Kraftfahrzeuge – und in jedem steckt ein Stück vom Patent-Motorwagen.

125 Jahre nach seiner Erfindung, kann man sogar das erste Auto der Welt noch kaufen. Als originalgetreuen Nachbach, den der örtliche Mercedes-Händler wie eine A- oder S-Klasse in der Liste führt. Allerdings kostet der Wagen 66.400 Euro und ist damit alles andere als ein Schnäppchen. Doch gibt es neben Kunsthandwerk, edlen Materialien und viel Liebe zum Detail ja auch gleich noch gut 125 Jahre Automobilgeschichte dazu. Und die muss man sich schon etwas kosten lassen.

Jungfernfahrt: So berichtet die Presse damals von den ersten Ausfahrten des Motorwagens im Sommer 1886.

Auf der Sitzbank eines Motorwagen-Nachbaus fühlt man sich sogleich wie ein PS-Pionier. Ebenso, wenn man hinter dem Wagen am großen Schwungrad steht und den knapp einen Liter großen Einzylinder in Gang zu bringen versucht. Das klappt in unserem Fall überraschend schnell. Schon nach ein paar kräftigen Drehungen erwacht der liegend eingebaute Motor zum Leben und meldet sich mit einem gemütlichen Tuckern einsatzbereit.

Also klettert man wie früher der Kutscher auf den Bock und muss dabei aufpassen, dass das Dreirad nicht umkippt. Denn sonderlich standfest wirkt die immerhin 270 Kilogram schwere Konstruktion auf den mannshohen Speichenrädern nicht. Doch sitzt man erst einmal auf der schwarzen Lederbank und krallt sich fest an dem kleinen Hebel, mit dem man das Vorderrad lenkt, wächst peu a peu das Zutrauen in die einstige Höllenmaschine.

Aller Auto Anfang: Der Patentantrag für den Motorwagen (hier eine zeitgenössische Verkaufsanzeige) vom 29. Januar 1886 gilt als Geburtsurkunde des Autos.

Mit der großen Stange links vom Sitz regelt man das Tempo. Und das nimmt mit jeder Minute Fahrt, in der man sich an das Vehikel gewöhnt, zu. Denn obwohl der Einzylindermotor nicht einmal ein PS leistet, geht es nach damaligen Maßstäben flott zur Sache. Mit bis zu 16 km/h rollt da Ur-Auto übers Pflaster. Sparsam ist der Wagen allerdings nicht. Der Tank fasst lediglich 4,5 Liter und ist bei einem geschätzten Durchschnittsverbrauch von etwa zehn Litern bereits nach weniger als 50 Kilometern leer. Einst schwappte übrigens das als Fleckentferner genutzte Leichtbenzin Ligorin im Tank; und Benz war es offensichtlich zu brenzlig, größere Mengen der Flüssigkeit an Bord zu haben. Außerdem gab es den Sprit damals in jeder Apotheke.

Für die Menschen im ausgehenden 19. Jahrhundert war der Patent-Motorwagen buchstäblich eine weltbewegende Erfindung, die den Alltag revolutionierte. Seit dem hat sich das Automobil zwar grundlegend geändert, doch ein paar Details hat auch eine neue Mercedes S-Klasse mit dem Dreirad von 1886 noch gemein. Räder, Sitze, Bremsen und Motor zu Beispiel. Ob sich das in den nächsten 125 Jahren ändern wird? Im Jahr 2136 werden die Menschen erneut Bilanz ziehen. Und sich vielleicht auch an einen Mann namens Dieter Zetsche erinnern. Der Mercedes-Chef nämlich wiederholt derzeit immer wieder: „Wir sind dabei, das Auto pünktlich zu seinem 125. Geburtstag völlig neu zu erfinden.“


Daimlers Feuerstuhl: Nach 125 Jahren fährt der Reitwagen wieder

Heißer Ofen: Mit dem Motor zwischen den Beinen und dem Lenker fest in der Hand schafft man auf dem Reitwagen immerhin flottes Fußgängertempo.

In den Chroniken wird er zwar gerne vergessen, doch ohne Gottlieb Daimlers Reitwagen aus dem Jahr 1885 würde im kommenden Jahr vielleicht nicht der 125. Geburtstag des Automobils gefeiert werden. Denn noch bevor Carl Benz 1886 den Patent Motorwagen baute und seine Frau Bertha damit zur ersten Autofahrt der Geschichte startete, hatte Daimler mit dem eigenwilligen Gefährt bewiesen, dass Verbrennungsmotoren individuell zu steuernde Straßenfahrzeuge antreiben können – und so dabei auch das erste Motorrad der Welt gebaut.

Jetzt, fast auf den Tag genau 125 Jahre nach der Patentanmeldung am 29. August 1885, war MOTOSOUND mit einem originalgetreuen Nachbau des eigenwilligen Einsitzers noch einmal unterwegs (die Sounddokumente dazu sind bereits online auf www.motosound.de). Und wo sonst hätte man den Reitwagen in Betrieb nehmen sollen als dort, wo die Geschichte begann: Auf jener Wiese in Bad Cannstatt, die heute zum Kurpark gehört und früher einmal Gottlieb Daimlers Garten war.

Im Schatten des Gartenhauses, das Daimler und seinem kongenialen Partner Wilhelm Maybach als Werkstatt diente und heute ein kleines Museum beherbergt, hantiert jetzt Michael Plag, Mechaniker aus dem Mercedes Classic Center, mit Spezialbenzin, Lunten und Feuerzeug, um den Einzylinder zum Laufen zu bekommen. Was im Auto von heute mit einem Druck auf den Starterknopf gelingt, war damals noch eine ebenso aufwändige wie langwierige und bisweilen auch gefährliche Prozedur.

Denn damit das in einem Oberflächenvergaser produzierte Benzin-Luft-Gemisch in der Brennkammer tatsächlich explodiert, muss erst einmal ein so genanntes Glührohr auf Temperatur gebracht weden. Und dafür braucht es lodernde Flammen, die, umhüllt nur von ein paar Messingblechen, direkt unter dem Hosenboden des Fahrers züngeln. Der Daimler Reitwagen ist wahrlich ein Feuerstuhl.

Zeitreise: In dieser Werkstatt baute Gottlieb Daimler 1885 den Reitwagen und bereitete damit dem Auto den Weg.

Statt eines Zündschlüssels hält also Experte Plag eine Art Stimmgabel in die Glühkammer, die mit einem großen, benzingetränkten Docht umwickelt ist und lodert. Nachdem mit viel Fingerspitzengefühl das Heizbenzin dosiert und mit einer Lötlampe nachgeholfen wird, schlagen die ersten Flammen aus dem Holzgestell und die Züge des Mechanikers entspannen sich. Das Röhrchen glüht kirschrot, und es wird Zeit, den eigentlichen Motor anzukurbeln. Nur zwei Umdrehungen braucht Plag, dann tuckert der Motor, den Daimler wegen seiner Form “Standuhr” genennt hat. Wo man eben noch die Vögel zwitschern hörte, hämmert jetzt der Kolben durch den Park. Und wer die erstaunten Gesichter der Passanten von heute sieht, kann sich entfernt vorstellen, was die Menschen vor 125 Jahren wohl für Augen gemacht haben, als Daimler und Maybach mit dem Reitwagen zum ersten Mal an die Öffentlichkeit traten.

War es damals Daimlers Sohn Adolf, der die Jungfernfahrt ins benachbarte Untertürkheim absolvierte, bleibt der nach Originalvorlagen rekonstruierte Reitwagen heute auf den Kieswegen im Kurpark von Bad Cannstatt.

Das Vehikel zu bewegen ist gar nicht so einfach. Obwohl der Reitwagen außer den beiden eisenbeschlagenen Holzrädern noch zwei Stützräder hat und man mit nicht einmal 0,3 Litern Hubraum und einem halben PS kaum schneller als Schritttempo fährt, sitzt man doch recht wackelig und unsicher auf dem Holzkonstrukt. Die Oberschenkel klemmen den Sattel ein, die linke Hand umfasst den filigranen Lenker und bestimmt die Richtung, die rechte wiederum klammert sich um den kleinen Hebel am Rahmen, mit dem der lederne Laufriemen gespannt wird. Er verbindet die Antriebswelle mit dem Hinterrad und überträgt so die Kraft. Lässt die Spannung nach, wird auch der Reitwagen langsamer. Und drückt man den Hebel nach vorne, tritt ein großer Bremsbacken in Aktion und stoppt die Fahrt.

Feuerstuhl: Wer den Reitwagen starten will, braucht Geschick, ein wenig Glück und viele Zündhölzer. Denn zum Start wird das Vehikel buchstäblich zum Feuerstuhl.

So rumpelt und rattert man über die Kieswege, kämpft mit der Balance und bekommt mehr und mehr Respekt vor den tollkühnen Männern auf ihren glühenden Kisten, die so den Weg zum Auto geebnet haben. Gleichzeitig allerdings wächst mit der Fahrt auch die Freude darüber, dass Carl Benz nur wenige Monate nach der ersten Ausfahrt des Reitwagens den Patent Motorwagen mit dann schon drei Rädern und Daimler wiederum ein paar Monate später die Motorkutsche mit vier Rädern erfanden. Auf diesen weitaus stablieren Gefährten war man nicht nur sicherer unterwegs, sondern auch ohne beiheizten Sitz.

Zwar hat der Reitwagen viel bewegt in der Geschichte des Automobils, doch seine eigene Geschichte war nur von kurzer Dauer: Bereits 1903 wurde das Original bei einem Feuer im Werk Untertürkheim zerstört. Obwohl Mercedes mit Zweirädern schon damals nichts mehr zu tun hatte und anders als etwa BMW, Honda oder Peugeot auch später keine Motorräderb baute, wussten die Schwaben, was sie Gottlieb Daimler schuldig waren. Kaum war das Feuer gelöscht, begann bereits die erste Rekonstruktion des Reitwagens. Das Modell, mit dem heute noch hin und wieder über den Kies von Bad Cannstatt geknirscht wird, ist ein Nachbau aus dem Jahr 1985.