Hightech statt Heavy Metall: Auf der CES geht das Auto auf Zeitreise

Teleportation und den Ritt mit der Zeitmaschine kann man sich sparen. Wer heute schon wissen will, wie die Welt morgen tickt, der muss in diesen tagen nur nach Las Vegas fahren. Denn auf der Consumer Electronics Show zeigt die mittlerweile vielleicht wichtigste Industrie der Welt, wohin die Reise gehen wird. Und dabei dreht es sich im riesigen Convention Center längst nicht mehr nur um Flatscreens und Smartphones. Sondern weil sich das Auto beim weg über die Datenautobahn längst zum ultimativen „Mobile Device“ auf Rädern entwickelt, hat auch die PS-Branche den Elektronikgipfel für sich entdeckt. Statt mit Heavy Metall und Hubraum wollen sich Daimler & Co dort mit Hightech einen modernen Anstrich geben und einmal mehr beweisen, dass sie sich die Deutungshoheit über die Zukunft des Automobils nicht aus dem Silicon Valley abnehmen lassen.

Ihre Themen sind dabei die gleichen, wie bei allen anderen Ausstellern. Es geht vor allem um Vernetzung und um eine möglichst einfache Bedienung. Das beste Beispiel dafür liefert die neue User Experience von Mercedes, die in der nächsten Generation der A-Klasse an den Start geht und dem Smartphone näher kommt als je zuvor. Denn künftig gibt es bei den Schwaben nicht nur den überfälligen Touchscreen mit den schnellsten und besten Grafikprozessoren der Autowelt und die Online-Karten von Here. Sondern sie führen mit dem Startkommando „Hey Mercedes“ auch eine Sprachsteuerung ein, gegen die Siri, Alexa & Co seltsam schüchtern und schweigsam wirken.

Der zweite große Themenkomplex ist das autonome Fahren, das in Vegas längst keine ferne Vision mehr ist. Während draußen Dutzende führerlose Prototypen ihre Runden drehen, überbieten sich drinnen die Hersteller mit der Sehschärfer ihrer Sensoren und der Rechenleistung ihrer Prozessoren und schwärmen davon, wie sie auch schwierigste Aufgaben autonom meistern – vom autonomen Pizza-Bringer bei Ford bis zur S-Klasse bei Mercedes, die im Rahmen des intelligent World Drive einmal mit dem Autopiloten um die Welt gefahren ist.

Dass derart moderne Autos noch mit Verbrennern fahren, passt so gar nicht ins Bild. Deshalb sind die Autos auf der CES natürlich alle elektrisch – selbst der Supersportwagen Projekt One, den Mercedes mit auf den Stand gerückt hat, kann schließlich ein paar seiner über 1000 PS auch aus dem Akku ansteuern. Daneben gibt es aber sehr viel greifbarere Modelle wie einen voll elektrischen Niro bei Kia oder die zweite Generation der Brennstoffzelle bei Hyundai, die als Nexo zu einem gefälligen SUV mit knapp 800 Kilometern Reichweite wird.

Doch auch dieses Spiel spielen die bekannten Größen längst nicht mehr alleine und auf der CES stoßen ein paar weitere Wettbewerber hinzu. Ob aus dem G3 des chinesischen Noname-Hersteller XPeng je etwas werden wird, das kann man bezweifeln. Schließlich gibt es für das SUV weder technische Daten, noch sonst irgendwelche Informationen. Doch zumindest Byton sollte man auf dem Zettel haben. Nicht nur, weil das elektrische SUV der China-Marke schon 2019 in China und 2020 in wichtigen Märkten auf dem Rest der Welt in den Handel kommen soll. Sondern weil dahinter keine Phantasten stehen wie bei Faraday Future, sondern ein paar erfahrende BMW-Manager, die dort i3 und i8 durchgeboxt haben und deshalb wissen, wie es gehen sollte.

Autonom, vernetzt, immer online, so einfach zu bedienen wie nie und natürlich mindestens mit Akkus, wenn nicht gar mit Brennstoffzelle – mit der Idee, wie wir sie heute noch vom Auto haben, haben die Exponate auf der CES nicht viel zu tun. Und auch wenn uns die Aussteller weiß machen wollen, dass diese Zukunftsvision aus der Glitzermetropole näher ist als man denkt, macht die PS-Branche jetzt erst einmal den Reality Check – und der Zirkus zieht ein paar tausend Meilen weiter nach Detroit. Das liegt nicht nur ein paar tausend Meilen weiter im Nordosten, sondern vor allem ganz im hier und heute – mit weniger Hightech und mehr Heavy Metall.


Digitale Revolution aus China – Mit diesem smarten SUV will Byton das Auto neu erfinden

Dagegen sehen Mercedes S-Klasse, Audi A8 und BMW Siebener aus wie Oldtimer und selbst das Tesla Model X wirkt ein bisschen wie von gestern. Wer sich zum ersten Mal in die jetzt auf der CES in Las Vegas enthüllte SUV-Studie von Byton setzt, der fühlt sich wie Captain Future auf einer Zeitreise. Denn so digital wie der 4,85 Meter lange Fünfsitzer, so vernetzt und so smart war bislang noch kein anderes Auto.

Die technischen Daten des schnittigen SUV mögen weniger spektakulär sein: 520 Kilometer Reichweite mit 95 kWh großen Akkus, 80 Prozent Ladung in 30 Minuten, 350 kW Leistung, 720 Nm Drehmoment und Fahrleistungen auf dem Niveau eines Sportwagens – das kennt man auch von Tesla & Co. Und auch Autos wie der E-Tron von Audi oder der i-Pace von Jaguar werden dort hinkommen. Doch was Byton sonst alles bieten will, klingt ziemlich einzigartig. Statt Türgriffen gibt es Kameras, die den Nutzer erkennen, ihm Einlass gewähren und nach einem gespeicherten Profil alle individuellen Einstellungen vornehmen. Bedient wird der Wagen vor allem mit Sprach-, Touch- und Gestensteuerung und weil er Teil eines 5G-Netzwerkes ist, ist er ständig und überall online und connected. Egal ob Kommunikation oder Infotainmemt, ja sogar die Gesundheitsdaten der Insassen stehen auf allen Geräten und an allen Orten der digitalen Lebenswelt zur Verfügung.

Zwar hat es gerade aus China schon viele ambitionierte Elektrostudien mit reichlich digitalem Buhei gegeben. Und erst im letzten Jahr hat Faraday Future auf der CES ein großes Strohfeuer entfacht, von dem aktuell nur noch ein Häufchen Asche übrig ist. Doch so ganz vergleichbar ist Byton mit den anderen Newcomern nicht. Denn erstens strahlen die ehemaligen BMW-Manager eine schier unerschütterliche Zuversicht aus. Und zweites machen sie anders als ihre Vorreiter ziemlich konkrete Angaben zur Zukunft.

So entwickeln sie gerade eine eigene Plattform für ein Modell im Stil der SUV-Studie, die bereits 2019 in den Handel kommen soll. Gebaut in Nanjing in China soll es zuerst im Reich der Mitte auf den Markt kommen, bereits 2020 aber auch in den USA und in Europa angeboten werden. Und wer nicht auf die Top-Version mit den Eckdaten der Studie besteht, sondern mit 71 kWh für 400 Kilometer und mit 200 kW Motorleistung zufrieden ist, denn wollen die Chinesen mit einem Richtpreis von 37 500 Euro ködern. Und als wäre das nicht schon Kampfansage genug sollen in den Jahren darauf erst eine Limousine und dann noch ein Siebensitzer folgen.

Natürlich muss auch Byton erst einmal beweisen, dass es diesmal mehr sind als schöne Worte und leere Versprechungen. Und zumindest in Las Vegas werden sich Bayern und Chinesen damit noch schwertun. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Start-Ups lässt die Nagelprobe nicht lange auf sich warten. Spätestens im nächsten Jahr wird man wissen, wie es um die digitale Revolution bestellt ist.