Wachwechsel im Oberhaus: Jetzt hat Bentley bald den Längsten

Sie tragen einen Smoking, aber sie kämpfen mit harten Bandagen. Denn seit Rolls-Royce und Bentley getrennte Wege gehen, ist zwischen den britischen Luxusmarken ein erbitterter Wettbewerb um die Krone im Oberhaus entbrannt. Bislang konnte diese Insignie der Rolls-Royce Phantom für sich beanspruchen. Doch bald kommt es zu einem Wachwechsel in der Luxusliga. Denn während die BMW-Tochter mit Blick auf den bevorstehenden Generationswechsel gerade das vorübergehende Produktionsende für den Phantom angekündigt hat und ein gutes Jahr Pause einlegt, nutzt der vornehme VW-Ableger die Gunst der Stunde für ein Update des Mulsanne und zieht den Luxusliner dabei noch einmal gehörig in die Länge: Wenn Firmenchef Wolfgang Dürheimer Anfang März auf dem Genfer Salon das Tuch von seinem neuen Flaggschiff zieht, steht deshalb neben dem konventionellen Mulsanne und dem Mulsanne Speed zum ersten Mal auch eine Version mit gestrecktem Radstand: “Dieses Fahrzeug wird der neue Maßstab für automobilen Komfort“, sagt Dürheimer und verweist den Phantom damit höflich in die zweite Reihe.

Für diesen Phantom-Fighter hat Bentley aber nicht nur ein 25 Zentimeter langes Zwischenstück eingesetzt, die Achsen damit 3,52 Meter auseinander gerückt und die Länge des Luxusliners auf mehr als 5,80 Meter gestreckt. Sondern die Briten haben den Fond wie im Flugzeug zu einem First-Class-Abteil umgebaut und zum Beispiel neue Liegesessel mit elektrisch verstellbarer Beinauflage installiert. Dazu gibt es neben der üblichen Orgie in Lack und Leder auch ein neues Infotainment-System, das mit 60 GB-Festplatte und einem eigenen Tablet-Computer für die Hinterbänkler endlich auf der Höhe der Zeit ist. Genau wie die etwas modernisierten Assistenzsysteme gibt es das natürlich auch für den normalen Mulsanne sowie für den Mulsanne Speed.

Die Langversion ist zwar die wichtigste Neuerung und mit ihrem stattlichen Format schon von weitem zu erkennen. Doch damit man auch allen anderen Varianten die Modellpflege auf Anhieb ansieht, haben die Briten vor allem die Front gründlich überarbeitet. Der ohnehin schon stattliche Edelstahlgrill geht deshalb nach einmal  acht Zentimeter in die Breite und die LED-Scheinwerfer funkeln jetzt so auffällig wie kiloschwere Diamanten. Und weil man einen Bentley ja doch die meiste Zeit von hinten sieht, haben die Designer auch Heck Hand angelegt, die Schürzen etwas tiefer gezogen und die Grafik der Rückleuchten modernisiert.

Nichts geändert hat sich dagegen unter der Haube. Dort bleibt es beim traditionellen V8-Motor mit 6,75 Litern Hubraum, der in den Chauffeursvarianten auf 512 PS kommt, den 2,5-Tonner binnen 5,1 Sekunden auf Tempo 100 wuchtet und ein Spitzentempo von 296 km/h ermöglicht. Selbstfahrer im Mulsanne Speed lockt er mit 537 PS, einem Sprintwert von 4,8 Sekunden und einem Spitzentempo von 305 km/h.

Wenn Bentley ab dem Sommer mit der Auslieferung beginnt, haben die Briten erst einmal leichtes Spiel. Denn der Rolls-Royce Phantom als einziges Konkurrenzmodell wird nur noch für den Rest des Jahres gebaut und macht 2017 ganz Pause. Spätestens 2018 allerdings geht das Ringen um die Krone im Oberhaus in die nächste Runde: Dann kontert Rolls-Royce mit einem neuen Phantom. Den wird es dann zwar nicht mehr als Coupé und Cabrio geben, weshalb die Briten jetzt noch einmal jeweils 50 besonders vornehme Exemplare des Zweitürers auflegen. Doch der Zweikampf im Smoking ist dann wieder eröffnet.