Ölbrenner im feinen Zwirn: Mit dem ersten Diesel bei Bentley wird der Bentayga zum Dauerläufer mit Dampf

Betrügerische Software, überzogene Emissionen und Kosten, die aus dem Ruder laufen – was hat die PS-Branche in den letzten Monaten gegen den Diesel gewettert! Da wird es höchste Zeit, dass sich mal wieder jemand zum Selbstzünder bekennt. Und wenn das auch noch eine Marke wie Bentley ist, kommt diese Ehrenrettung beinahe einem Ritterschlag gleich. Schließlich ist es das erste Mal in der Firmengeschichte, dass die feinen Briten jetzt im Bentayga für Preise ab 174 335 Euro einen Ölbrenner einbauen.

Aber Bentley wäre nicht Bentley, wenn sich die Briten für ihren Diesel nicht ein paar Superlative gesichert hätten. Zwar kennt man den 4,0 Liter großen V8 bereits aus dem Audi SQ7 und die Eckdaten von 435 PS und 900 Nm sind identisch. Doch weil Bentley dem Auto unbegrenzten Auslauf lässt, wird er mit 270 km/h zum schnellsten Seriendiesel der Welt. Ganz nebenbei ist er mit einem Normverbrauch von 7,9 Litern und einem CO2-Ausstoß von 210 g/km auch der sparsamste Bentley aller Zeiten und der erste, der mit einer Tankfüllung mehr als 1 000 Kilometer weit kommt. Zumindest theoretisch.

Während man den Diesel von außen an einem deutlich vernehmbaren Knurren und zwei dezenten Plaketten unten auf den Kotflügeln erkennt, muss man innen schon auf den Drehzahlmesser schauen, um einen Unterschied zu merken. Denn genau wie der W12-Motor hält sich der Selbstzünder akustisch vornehm im Hintergrund und lässt sich erst dann vernehmen, wenn man das Pedal ganz ans Bodenblech heftet.

Dafür allerdings macht er sich mit einem mächtigen Schub bemerkbar. Denn als wären 900 Nm nicht schon imposant genug, gipfelt dieser Mount Everest der Drehmomentkurven bereits bei 1 000 Touren und erinnert Firmenchef Wolfgang Dürheimer an die spontane Leistungsentfaltung eines Elektromotors. Das ist schon deshalb ein passender Vergleich, weil der Bentayga tatsächlich auf elektrische Unterstützung setzt – zumindest indirekt. Denn genau wie im Audi SQ7 ist den beiden konventionellen Turbos ein elektrischer Verdichter vorgeschaltet. Er wird von einem 48-Volt-Bordnetz so schnell auf Touren gebracht, dass das Turboloch endgültig Geschichte ist: Wenn die Turbine in 250 Millisekunden mit 70 000 Umdrehungen Druck macht, ist die Beschleunigung beinahe explosiv. Kein Wunder also, dass der Bentayga trotz seiner 2,5 Tonnen in 4,8 Sekunden von 0 auf 100 stürmt und auf der Landstraße so elastisch ist, dass Überholen zum Kinderspiel wird. Wo man in einem Mercedes GLS oder einem Range Rover erst mal auf eine Lücke warte muss, hat man im Bentley kaum den Blinker gesetzt und ist am Vordermann auch schon vorbei.

Zwar sparen die Kunden mit dem Diesel gegenüber dem W12 nicht nur fünf Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer, sondern auch etwa 35 000 Euro. Doch das sieht Firmenchef Wolfgang Dürheimer kaum als Argument: „Unsere Kunden sind zwar sensibel, aber sich nicht beim Preis.“ Deshalb ist wohl eher davon auszugehen, dass die Ersparnis in die lange Liste von Extras reinvestiert wird. Denn dass man den billigsten Bentley im Programm fährt, damit will sich sicher keiner brüsten.


Nageln in Nadelstreifen: Mit dem Bentayga geht jetzt auch Bentley unter die Ölbrenner

Was kümmert sie ihr Geschwätz von gestern? Zwar feiert sich Bentley nach wie vor als sportliche Luxusmarke oder als luxuriösen Sportwagenhersteller. Doch getrieben von der Sucht nach Wachstum und Größe weitet die britische VW-Tochter ihr Portfolio zusehends aus. Nachdem sie deshalb im Frühjahr mit dem offensichtlich unverzichtbaren SUV schon einmal ein Tabu gebrochen haben, wagen sie sich mit eben diesem Bentayga jetzt schon wieder auf neues Terrain – und bieten zum ersten Mal auch einen Diesel an.

Ganz neu ist der vier Liter große V8-Motor freilich nicht. Sondern er kommt mitsamt dem elektrischen Verdichter von Audi, wo er seit diesem Sommer dem SQ7 Beine macht. Genau wie bei den Bayern leistet er auch bei den Briten 435 PS und stemmt sich mit bis zu 900 Nm gegen die Trägheit der Masse – mit Erfolg. Denn obwohl der Bentayga mehr als zwei Tonnen wiegt, schiebt der Ölbrenner die Wuchtbrumme in 4,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h und macht sie mit einem Spitzentempo von 270 km/h zum schnellsten Diesel-SUV der Welt.

Für Bentley fast noch wichtiger ist aber ein anderer Superlativ: Der Verbrauch von 7,9 Litern und der CO2-Ausstoß von 210 g/km markieren bei den Briten ebenfalls einen Rekord – so sparsam waren die Autos aus Crewe noch nie. Für Firmenchef Wolfgang Dürheimer mag das wichtig sein. Schließlich hat auch er eine CO2-Bilanz zu erfüllen. Doch für die Kunden birgt der Diesel wahrscheinlich ganz andere Vorteile. Der Preis dürfte gegenüber dem Zwölfzylinder deutlich sinken und den Einstieg so spürbar unter 200 000 Euro drücken und die Reichweite wird im Gegenzug ins Unermessliche steigen – 1000 Kilometer am Stück waren in einem Bentley bislang undenkbar.

Beim Einsatz im Bentayga soll es deshalb nicht bleiben. Sondern in Crewe hört man bereits von Planungen, wonach das Nageln in Nadelstreife etwa im Flying Spur gleich weiter gehen soll. Und auch der nächste Tabubruch ist schon in Arbeit: Denn spätestens 2018 kommt der Bentayga auch als PlugIn-Hybrid. Bevor die Traditionalisten jetzt aber Sturm laufen und gar vollends um die Markenidentität fürchten, hat Bentley-Chef Dürheimer einen schönen Trost parat: Wenn es nach ihm geht, ist eines der nächsten Entwicklungsprojekte ein klassischer Sportwagen.