Zurück in die Zukunft: Als Velar lässt der Range Rover Cayenne & Co ganz schön alt aussehen

Land Rover wirft den Blick zurück nach vorn. Denn fast genau 50 Jahre, nachdem die Briten mit dem ersten Range Rover den Geländewagen zum Luxusliner geadelt haben, wollen sie das Segment jetzt noch einmal neu definieren und nutzen dafür einen Namen, den schon die allerersten Prototypen des Range Rovers getragen haben: „Velar“ heißt der Vierte im Bunde, der zu Preisen ab 56 400 ab sofort gegen die extrovertierteren Variante der luxuriösen Konkurrenz antritt und sich gegen Autos wie den Porsche Cayenne, den Mercedes GLE Coupé oder den BMW X6 behaupten muss.

Dafür setzen die Briten nicht einfach auf ein weiteres Derivat, sondern sie schließen die Lücke zwischen Evoque und Range Rover Sport mit einem wirklich neuen Auto, dem man seine eigene Identität auf Anhieb ansieht. So clean und glatt und damit so futuristisch war bislang noch kein anderer Geländewagen. Und Designchef Gerry McGovern hat seine Linie gegenüber den Technikern so vehement verteidigt, dass sie ihm nicht nur die LED-Scheinwerfer nahezu fugenlos in den Grill geschraubt haben. Sondern sie haben ihm sogar zum ersten Mal voll versenkbare Türgriffe entwickelt, wie man sie bislang nur vom F-Type kennt. Und wo die Konkurrenten ihr Heck von oben angeschnitten haben, um der Kundschaft ein Coupé vor zu gaukeln, kommt die Schräge beim Velar von unten und erinnert so an eine Yacht beim Landgang. Dazu noch ein paar Zierelmente aus Kupfer statt Chrom oder Karbon und markante Grafiken in den Leuchten – fertig ist ein Sience Fiction-SUV, das Cayenne & Co buchstäblich alt aussehen lässt. Und das ganz nebenbei auch noch der schnittigste Land Rover geworden ist, der je seine Nase in den Windkanal gereckt hat.

Auch innen atmet der Velar den Geist der neuen Zeit und überrascht die Kundschaft mit einem Cockpit, das die Generation iPhone jubeln lässt. Denn nachdem wir uns so langsam an die animierten Instrumente hinter dem Lenkrad und den großen Touchscreen daneben gewöhnt haben, schmeicheln die Briten den Fingern nun zum ersten Mal in einem SUV mit einem zweiten Bildschirm, der fast den gesamten Mitteltunnel einnimmt und die allermeisten Schalter überflüssig macht. Die wenigen Drücker und Dreher, die man dann noch braucht, sind dafür um so schöner inszeniert. Das gilt für die Bediensatelliten am Lenkrad genauso wie für die beiden Skalenringe vor dem Schalthebel, die je nach Menü die Belegung wechseln und eine einfache Bedienung auch während der Fahrt gewährleisten sollen. Um so antiquierter sehen dagegen die wenigen Taster in der Tür und vor allem der Zündschlüssel aus, die Land Rover noch als Ballast aus der Steinzeit von Range & Co mitschleppt.

Weil sich an der schönen neuen Welt vor allem der Fahrer ergötzt, bleiben für die Passagiere nur die alten Werte: Platz, Prestige und eine gehörige Prise Premium- Von alledem hat der Velar reichlich zu bieten. Platz gibt es bei 4,80 Metern Länge, 2,87 Metern Radstand und 673 bis 1 731 Litern Kofferraum in allen Varianten, Prestige und Premium dagegen sind eine Frage des Preises. Und zumindest in der betont selbstbewusst ins sechsstellige gehobenen First Edition herrscht an beidem kein Mangel. Kaum anzunehmen, dass es im Basismodell mit Stoff statt Leder genauso nach Lack und Leder duftet. Und selbst wenn die beiden Touchscreens Serie sind, drehen sich dann hinter dem Lenkrad noch analoge Zeiger.

So weit das Design und mehr noch die Bedienung in die Zukunft weisen, so fest im hier und heute ist die Technik verankert. Schließlich nutzt der Velar Antrieb und Aufbau des gerade erst etablierten Jaguar F-Pace. Selbst wenn er sich nicht ganz so stramm und sportlich anfühlt weil man ihm seine zweit Tonnen durchaus anmerkt und man stattdessen ein bisschen erhabener und entspannter hinter dem Lenkrad thront, ist das im Grunde nicht so schlecht. Denn das Fahren ist – vor allem natürlich auf der für die besseren Varianten obligatorischen Luftfederung – lässig luxuriös t. Selbst wenn es anders als beim großen Range Rover keine Geländeuntersetzung gibt, muss man abseits der Straße keine Kompromisse machen. Wer ein paar Schlammspritzer oder gar Kratzer an den sündteuren 21-Zöllern riskieren mag, kann dem Velar deshalb mehr zutrauen als sich selbst. Wozu gibt es schließlich ein ganzes Heer von Helfern für die Fahrten abseits des Asphalts wie das Terrain Response System oder einen Geländetempomaten?

Und die Motoren bedienen bei drei Dieseln vom 2,0-Liter Vierzylinder mit 180 bis zum 3,0 Liter V6 mit 300 PS und drei Benzinern mit 2,0 Litern und 250 oder 300 PS oder 3,0 Litern und 380 PS das gesamte Spektrum von vernünftig bis vergnüglich. Nicht umsonst ist der sparsamste Velar mit 5,4 Litern zufrieden und der sportlichste schafft den Sprint von 0 auf 100 in 5,7 Sekunden und erreicht mühelos die üblichen 250 km/h.

Doch hätte der Motorpaltee ein bisschen mehr Mut zur Moderne nicht geschadet. Es hätte ja nicht gleich eine reine Elektroversion sein müssen, wie sie Jaguar mit dem i-Pace bekommt. Aber ein Plug-In-Hybrid oder wenigstes ein 48-Volt-System mit einem Startergenerator hätten gut zu Aufbruchstimmung in England gepasst. Das hat Land Rover mittlerweile offenbar selbst gemerkt und gelobt baldige Besserung: Ab 2019 sollen alle neue Modellen auch mit einer Elektrifizierung möglich sein und bis 2025 wollen die Briten diese Option in allen Baureihen möglich machen.