Renault Alpine A610: Der letzte seiner Art

Donnerkeil aus Dieppe: So sahen vor zwanzig Jahren Sportwagen aus.

Sie bauen charmante Kleinwagen, praktische Vans und zwischendurch auch mal respektable Limousinen – nur mit Sportwagen haben die französischen Hersteller kein glückliches Händchen. Das war allerdings nicht immer so. Denn in Dieppe in der Normandie hat Jean Rédélé vor mehr als 50 Jahren die Marke Alpine gegründet. Er war mit 24 Jahren der jüngste Renault-Händler im Land, ein Heißsporn und ein so versierter Konstrukteur, dass er 1954 mit seinem ersten getunten Renault gleich einen Klassensieg bei der Mille Miglia errang.

Mit diesem Erfolg im Rücken und der Renault-Technik im Regal baut er ab 1956 eigene Autos. Benannt nach dem Alpenpokal, den er zwei Jahre zuvor ebenfalls nach Hause holt, schickte er den Alpine A106 und kurz darauf den A110 ins Rennen, der zu einem der erfolgreichsten Rallye-Wagen seiner Zeit wurde und zum Beispiel die legendäre „Monte“ gewann.

Als 1991 die letzte Alpine in den Handel kam, wurde der Wagen zwar noch in Dieppe gebaut, doch Rédélé hatte den Markennamen und seine letzten Firmenanteile schon mehr als zehn Jahre zuvor an Renault verkauft und mit dem neuen Modell persönlich nichts mehr zu tun. Aus den fliegengewichtigen Flundern von einst war denn auch ein komfortabler Gran Turismo geworden, der trotz seiner Kunststoff-Karosserie satte 1,4 Tonnen auf die Wage brachte.

Heckschleuder: Der V6-Motor hinter den Sitzen macht den Alpine zu einem Auto für Könner – denn große Fahrwerkselektronik gab es noch nicht.

“Dennoch war der Wagen eines der sportlichsten Autos, das die Franzosen je auf die Straße brachten”, sagt Andreas Conrad aus der Eifel, der einen der nicht einmal 900 gebauten A610 in der Garage hat. Das damals mehr als 100.000 Mark teure Coupé ist – von der engen Pedalerie abgesehen – nicht nur ungeheuer bequem und überraschend geräumig, sondern vor allem verdammt schnell. Sein drei Liter großer V6-Turbo im Heck leistet 250 PS, katapultiert den Wagen in 5,7 Sekunden auf Tempo 100 und schafft noch immer mühelos 265 km/h. Mit den vielen alten Porsche-Typen rund um den Nürburgring habe der Franzose deshalb leichtes Spiel, schwärmt Conrad. Und noch etwas erfreut den Fahrer an seiner Flunder: „Während man den Elfer hier an jeder Ecke sieht, ist der Alpine immer ein ganz besonderer Exot geblieben.“ Selbst wenn er für seinen Klassiker mittlerweile leicht 30.000 Euro bekommen würde, sagt er, „verkauft wird dieses Auto so schnell nicht.“ Weil das die meisten Besitzer ebenso sehen, ist es im Augenblick verdammt schwer, an so ein Auto heranzukommen.

Comeback-Kurs: Mit ein bisschen Glück kommt bald wieder ein Renault-Sportwagen unter dem Namen Alpine auf die Straße.

Doch das könnte sich bald ändern. Denn nach bald 20 Jahren Pause erinnert sich Renault jetzt wieder an seinen sportlichen Ableger und bereitet ein Comeback der flinken Flundern vor. Ein erster Prototyp wurde kürzlich am Rande des Formel-1-Rennens in Monaco gezeigt, und in etwa zwei Jahren könnte so ein Auto auch auf die Straße kommen. Alpinist Conrad sieht die Renaissance mit gemischten Gefühlen. Klar würde er sich freuen, wenn es bald wieder einen echten Sportwagen aus Frankreich gäbe. Und dass ein neuer Alpine die Preise für die alten kaputt machen würde, ist auch nicht zu befürchten. Aber an einen puristischen Rennwagen will er in Zeiten von Fahrwerkselektronik und Batterie-Boom nicht so recht glauben. Seine melancholische Prognose: „So wie früher wird es nie wieder.“