Der Schöne und das Biest: Mit diesen Atlas-Varianten schmeichelt sich VW bei den Amis ein

Für Hinrich Woebcken ist er so etwas wie ein Rettungswagen. Denn dass der amerikanische VW-Chef im Jahr drei nach dem Dieselskandal wieder strahlen kann und mit breiter Brust auf die Bühne der New York Autoshow steigt, verdankt er vor allem dem Atlas. Zwar ist der große Geländewagen gar nicht das meistverkaufte Modell im US-Portfolio und deshalb nur zum Teil dafür verantwortlich, dass die Niedersachsen in den letzten zwölf Monaten um 5,5 Prozent zulegt haben, während der Markt um 1,9 Punkte gefallen ist. Doch das Dickschiff von 5,10 Metern steht wie kein anderer VW für das Bekenntnis zum US-Markt und für das Versprechen, den Amerikanern künftig nur noch Autos nach ihrem eigenen Geschmack zu liefern. Nicht umsonst ist der Atlas größer als ein Touareg und kostet trotzdem weniger als bei uns ein Tiguan.

Aber der Atlas ist nur der Anfang. Dass VW längst weiter denkt und sich tiefer in die amerikanische Volksseele einschmeicheln will, beweist jetzt auf der Motorshow in New York der Tanoak. Denn zumindest für den Messeauftritt wird der Atlas dabei zu einem ebenso rustikalen wie robusten Pick-Up und bedient damit das liebste Klischee und das größte Segment des US-Marktes. Dafür hat VW den Modularen Querbaukasten, der eigentlich mal für die Golf-Klasse entwickelt wurde, bis an sein Ultimo gedehnt: Stattliche 5,44 Meter misst der Pritschenwagen mit Doppelkabine und überragt damit sogar den Atlas noch einmal um 34 Zentimeter. Und damit man auch in der zweiten Reihe noch halbwegs gut sitzen kann, wächst der Radstand um 28 Zentimeter auf in dieser Architektur noch nie da gewesene 3,26 Meter.

Natürlich sind die Lichtspiele an der Front und die LED-Inszenierung an der Ladeklappe überzeichnet, der Namenszug unter dem Kühler könnte auch ein bisschen dezenter ausfallen und die schwarzen Radläufe sind buchstäblich ein wenig dick aufgetragen – doch im Grunde gibt vom 280 PS starken V6-Motor bis zum digitalen Interieur kaum etwas an der Studie, das nicht in Serie gehen könnte. Zumal VW mit einer Produktion im Atlas-Werk Chattanooga die leidige Chicken-Tax umgehen könnte, die mit einem Strafzoll von 25 Prozent den gewinnbringenden US-Import des Amarok unmöglich macht.

Trotzdem spricht US-Chef Woebcken nur von einem Gedankenspiel, mit dem VW zeigen will, wie ernst es der Marke ist mit den Amerikanern und was alles möglich ist, mit dem MQB. Dass mehr noch nicht zu sagen ist über die Zukunft des Tanoak, liegt allerdings auch daran, dass sie in Chattanooga ohne den Pick-Up schon gut genug zu tun haben. Schließlich gibt es in New York noch eine zweite Atlas-Studie, für die Wolfsburg bereits Grünes Licht und 340 Millionen Dollar zur Erweiterung des Werkes gegeben hat. Den Altlas Cross Sport. Um 25 Zentimeter gekürzt, mit fünf statt sieben Sitzen und einem etwas schnittigeren Heck bietet er mehr Sport als Utility und wird so plötzlich so zu einem Auto, an dem auch die Europäer Gefallen finden können – zumal er mit 4,85 Metern selbst in unsere Parkplätze passen sollte. Sogar auf den aus gutem Grund nicht einmal erwähnten Diesel unter der hohen Haube könnte man da gut verzichten. Nicht umsonst steht das Auto auf der Messe als Plug-In-Hybrid mit bis zu 70 Kilometern elektrischer Reichweite.

Wenn der Cross Sport tatsächlich seinen Weg nach Europa machen sollte, wäre das zwar für US-Chef Woebcken und seine Mannschaft ein Ritterschlag, weil das Auto seine Wurzeln mehr in den USA hat als in Wolfsburg. Aber es wäre auch ein Rückschlag für die Pick-Up-Pläne. Denn je besser der eine ankommt, desto weniger Chancen gibt es für den anderen.



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