Silberpfeil mit Überschall: Im „Project One“ bringt Mercedes Formel1-Technik auf die Straße

Bislang hat Lewis Hamilton nur 19 Gegner. Doch bald muss sich der Formel1-Champion mit 275 weiteren Rasern messen. Denn Mercedes baut einen neuen Überflieger und bringt im AMG-Hypersportwagen „Project One“ als erster Hersteller die Technik der anspruchsvollsten Rennserie der Welt tatsächlich auf die Straße – wenn auch nur in einer extrem limitierten Auflage für einen ebenso extremen Preis. Denn knapp drei Millionen Euro werden fällig, wenn man Anfang 2019 diesseits von Nürburgring, Monza oder Silverstone mit Hamilton & Co um die Wette fahren möchte.

„Motorsport ist für uns kein Selbstzweck,“ sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche zur Premiere des neuen Silberpfeils am Vorabend der IAA. „Sondern unter maximalem Wettbewerb entwickeln wir Technologien, von denen später auch unsere Serienfahrzeuge profitieren. Erfahrungen und Erfolge aus drei Konstrukteurs- und Fahrer-Weltmeisterschaften nutzen wir jetzt, um Formel 1-Technologie erstmals auf die Straße zu bringen.“

Wie ernst es Mercedes und vor allem der schnellen Tochter AMG als Treiber dieses Prestigeprojektes mit der Nähe zwischen Rennsport und der Raserei für Ultrareiche ist, belegt nicht nur die Silhouette des neuen Silberpfeils, die verdächtig an Hamiltons Dienstwagen erinnert, selbst wenn Project One natürlich ein Zweisitzer ist, ein festes Dach hat und wenn schon keine Flügeltüren, dann zumindest schräge Schwingen im Stil des SLR bekommt. Sondern es ist vor allem der im Heck montierte Antrieb, der die Brücke zwischen Strecke und Straße schlägt. Denn AMG hat das Formel1-Triebwerk tatsächlich nur so weit modifiziert, wie es für einen Hauch von Haltbarkeit, Alltagstauglichkeit und Zulassungsfähigkeit nötig war.

Auch das Straßenfahrzeug fährt deshalb mit einem V6-Motor von gerade einmal 1,6 Litern Hubraum. Nach den gleichen Skizzen wie für die Formel 1 ebenfalls im englischen Brixworth gebaut, bringt ihn ein elektrischer Turbo auf bis zu 11 000 Touren. Das ist zwar etwas weniger als im Rennen. Aber erstens dreht so schnell dreht derzeit kein anderes Straßenauto, zweitens braucht Project One dann kein Rennbenzin. Und drittens wird selbst der reichste Raser anders als Lews Hamilton nicht alle paar Wochen einen neuen Motor einbauen lassen wollen.

Der Benziner wird kombiniert mit vier weiteren E-Maschinen, von denen zwei mit jeweils 120 kW auf die Vorderräder wirken und mit 50 000 statt der bislang üblichen 20 000 Touren drehen. Gespeist werden sie mit denselben Akkus, die Mercedes auch in der Formel 1 einsetzt. „Nur dass wir die Kapazität etwa vervierfachen und so im Alltag bis zu 25 Kilometer elektrischer Reichweite bieten“, sagt Moers. Wobei kaum anzunehmen ist, dass irgendjemand dieses Auto im Flüstermodus fahren wird oder durch den Hybridantrieb tatsächlich Sprit sparen will.

Sondern der aufwändige Antrieb dient allein einer Systemleistung von mehr als 1 100 PS und einem Fahrverhalten nicht von dieser Welt: Der Flachmann soll schneller ansprechen als jeder andere Sportwagen und besser um die Kurven kommen. Nicht umsonst verspricht AMG einen Sprint von 0 auf 200 in weniger als sechs Sekunden und eine Spitzentempo jenseits von 350 km/h. Und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn der Project One nicht auch das schnellste Straßenauto auf der Nordschleife würde.

Zum Formel1-Antrieb gibt es ein radikales Design aus dem Windkanal mit einer Luftansaughutze auf dem Dach und einem riesigen Leitwerk mit Längsfinne und Querflügel auf dem Heck sowie ein ungewöhnlich nüchternes Innenleben. Denn wo selbst SLR und SLS in Lack und Leder glänzten, sieht man im Project One nur dünne Karbon-Schalen, ein fast eckiges Lenkrad und zwei fest montierte Tablets anstelle der Instrumente. Lewis Hamilton mag das so luxuriös vorkommen wie eine S-Klasse, doch der gemeine Mercedes-Fahrer wird sich da ein bisschen umstellen müssen.

Das gilt bei diesem Auto allerdings in jeder Hinsicht. Denn nicht nur bei Antrieb, Fahrleistungen und Fahrdynamik dringt Mercedes in neue Sphären vor, die allenfalls noch mit einem Bugatti vergleichbar sind. Sondern auch beim Preis sprengen die Schwaben den Rahmen und eifern den knapp drei Millionen Euro des Chiron nach.

Das allerdings scheint für die Mercedes-Kundschaft das geringste Übel. Denn obwohl den Wagen bislang kaum einer gesehen, geschweige denn gefahren hat, sind die 275 Exemplare bereits vierfach überzeichnet. Und mehr Autos wollen die Schwaben auf keinen Fall bauen. Mit Rücksicht auf den Restwert und auf ihren Weltmeister, dem sie nicht noch mehr selbsterklärte Wettbewerber auf den Hals hetzen wollen.



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