Flaggschiff im neuen Format: So klopft VW mal wieder an die Tür zum Oberhaus

Der Phaeton ist Vergangenheit und der CC mittlerweile ebenfalls Geschichte. Doch auch wenn sich VW gerade neu sortiert und aus gegebenem Anlass vor allem auf bezahlbare Elektromobile setzt, wollen die Niedersachsen die zahlungskräftige Kundschaft oberhalb des Passat nicht von der Leine lassen. Deshalb bereiten sie jetzt als neues Flaggschiff den Start des Arteon vor, der im März in Genf enthüllt wird und noch vor dem Sommer in den Handel kommen soll. Etwa zehn Prozent teurer als ein Passat, dürften seine Preise bei 35 000 Euro starten, lassen die VW-Manager durchblicken und bitten am Rande von letzten Abstimmungsfahrten im heißen Afrika schon mal zum ersten Test im Prototypen.“

„Der Arteon ist weder der Nachfolger des CC noch ein neuer Phaeton“, sagt Elmar-Marius Licharz, der in der neuen Baureihen-Struktur die großen Modelle aus Wolfsburg verantwortet. „Sondern wir haben ein komplett neues Auto entwickelt, das zwischen den beiden alte Modellen platziert ist“, erläutert der Ingenieur von der Rückbank, während das Wolfsburger Zebra mit Vollgas durch die Wüste fliegt.

Zwar basiert das Auto genau wie damals der CC auf dem Passat. Doch mit dem Modularen Querbaukasten als Basis, hat Licharz den Aerton deutlich weiter von Limousine und Kombi abgerückt. Nicht nur das Design im Stil der Genfer Studie Sport Coupé Concept von 2015 ist völlig eigenständig und zeigt mit betont scharfen Linien, eine schlanken Silhoiuette über rahmenlosen Türen und einem fließenden Heck, das breiter und verführerischer ist als beim Tesla Model S, schon unter der Tarnfolie mehr Präsenz als jeder Passat. Sondern auch das Format hat VW verändert: Mit fünf Zentimetern mehr Radstand streckt sich der Arteon auf 4,86 Meter und überragt den Spießer mit Stufenheck um gute zehn  Zentimeter. Und vor allem durften sich die Designer ein bisschen Lust und Leidenschaft erlauben, sagt Licharz: „Während wir beim Passat um jeden Liter Innenraum ringen, mussten wir diesmal nicht ganz so hart kämpfen und haben uns manchmal lieber für die schönere als die praktischere Linie entschieden.“

So buchstäblich gekünstelt der Name wirkt, so schlüssig ist das Konzept. Denn der Arteon ist tatsächlich ein Auto, das deutlich oberhalb des Passat angesiedelt ist und trotzdem irgendwie zu VW passt. Denn wenn man sich die Tarnfolie der letzten Abnahmefahrt wegdenkt, sieht man zwar ein ziemlich feudales viertüriges Coupé auf stolzen 20-Zöllern mit LED-Scheinwerfern und Wischblinkern, das laut und kräftig an die Tür zum Oberhaus klopft.

Doch wenn man einsteigt, erlebt man ein Platzangebot, das so vernünftig ist, wie es sich für einen Ableger von Deutschlands Dienstwagen Nummer 1 gehört. Die Beinfreiheit im Fond ist deshalb größer als in jedem andren VW-Modell diesseits des chinesischen Phideon, und weil die sensorgesteuerte Heckklappe wie beim Skoda Superb im Dach angeschlagen ist, bietet der Arteon Kofferraum ohne Ende, verspricht Licharz. „Wir haben einen deutlich größeren Innenraum als Konkurrenten wie das BMW Vierer Gran Coupé oder der Audi A5 Sportback“, unterstreicht Licharz. Und wem das noch nicht reicht, dem würde der Baureihenleiter am liebsten noch einen Shooting Break verkaufen, um den er gerade heftig mit dem Vertrieb ringt.

Während Hinterbänkler den Aufstieg deutlich spüren, erlebt der Fahrer die Unterschiede zum Passat eher geringer: Ja, die breitere Spur und der längere Radstand lassen den Testwagen etwas ruhiger liegen, wenn er mit hohem Tempo über die einsamen Landstraßen fliegt. Doch sobald man mal kurz die Tarnteppiche hinter dem Lenkrad lupft, sieht man die gleichen digitalen Instrumente wie im Passat und das identische Cockpit mit dem großen Touchscreen hinter der Glaskonsole, der bekannten Klimazentrale und der üblichen Schaltkulisse. Und auch unter der Haube wird es erst einmal nur alte Bekannte geben. Zum Start im Sommer plant Licharz mit drei Benzinern von 150 bis 280 PS und vier Dieseln von 150 bis 240 PS, wobei die jeweils stärksten Motoren serienmäßig mit Allrad kommen.

Zwar sieht der Arteon tatsächlich nach einem Aufstiegskandidaten aus und es könnte im dritten Anlauf vielleicht doch noch einmal etwas werden mit VW auf dem Weg in der Oberklasse. Doch das so laut sie über Luxus sprechen, nehmen sie das Wort Premium lieber noch nicht wieder in den Mund in Wolfsburg und geizen deshalb beim Interieur noch mit ein paar Extras, die den Unterschied zum Passat unterstreichen könnten. Und auch die Motorenauswahl ist von der Vernunft diktiert. Baureihenleiter Licharz wünscht sich nichts mehr als einen Hochleistungsmotor, um den Ausstiegsanspruch des Arteon zu untermauern und schwärmt von den 301 km/h, die seine Kollegen mit einem V6-Prototypen in der afrikanischen Steppe schon gefahren sind. „Doch die Kollegen im Vertrieb sind im Augenblick eher Spaßbefreit und schauen lieber zweimal hin, ob sich so ein Projekt tatsächlich rechnet“, räumt Licharz ein. Aber kommt Zeit, kommt vielleicht auch das Zutrauen zurück und der Artoen klopft bald doch noch mit mehr Nachdruck an die Tür zum Oberhaus.



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