Faktor X: Mit einer Premium-Pritsche will Mercedes jetzt den Pick-Up-Markt umkrempeln

Mercedes-Benz Concept X-CLASS

Mercedes-Benz Concept X-CLASS

Mercedes schließt eine der letzten Lücken im Portfolio und bereitet sich auf die Markteinführung des ersten Pick-Ups mit Stern vor. Denn abgesehen von ein paar Umbauten der rustikalen G-Klasse haben die Schwaben dieses Segment bislang sträflich vernachlässig. Dabei stellen Analysten für die Klasse um eine Tonne Nutzlast rasante Zuwachsraten in Aussicht. Deshalb will sich der selbsternannte Weltmarktführer unter der Nutzfahrzeugherstellern ab Ende 2017 ebenfalls ein Stück von diesem Kuchen sichern. Und weil Mercedes ja auch die berühmteste Nobelmarke der Autowelt ist, wird das neue Modell zugleich zur Premium-Pritsche und soll als Lifestyle- und Luxuslaster die Stadt erobern.

„Wir öffnen und verändern das Segment der Midsize-Pick-Ups – mit dem welt-weit ersten, echten Premium-Pickup für den modernen, urbanen Lifestyle“, sagt Van-Chef Volker Mornhinweg, dessen Sparte sich den Pick-Up einen hohen dreistelligen Millionenbetrag kosten lässt. „Das Auto ist ein Pick-up ohne Kompromisse.“ Leiterrahmen, Sechszylindermotor mit hohem Drehmoment sowie permanenter Allradantrieb und eine Nutzlast von 1,1 Tonnen seien für ihn Pflicht, sagt Mornhinweg. „Als Kür bringen wir Sicherheit, Komfort, Agilität und expressives Design,“ umreißt er das Lastenheft: „Damit sprechen wir neue Kunden an, die bislang nicht an einen Pickup gedacht haben.“

So ganz konkret sind die Schwaben bei ihren Plänen zwar noch nicht. Doch immerhin haben sie jetzt schon mal eine neue Letter aus der Buchstaben-Suppe gefischt und dem Kind einen Namen gegeben: X-Klasse. Außerdem zeigen sie mit gleich zwei Studien, wie sich die beiden Extreme vorstellen, zwischen denen sich die X-Klasse bewegen soll. Der „stylish explorer“ ist deshalb ein Luxuslaster in Lack und Leder, der das traditionelle SUV-Gesicht von Mercedes mit einem noch größeren Stern, noch stärker konturierter Haube und weit in die Kotflügel gezogenen Scheinwerfern neu interpretiert. Dazu gibt es außen einen mattseidenen Effektlack, bullig ausgestellte Radhäuser über wuchtigen 22-Zöllern und Heckklappe mit eigenwillig umlaufender Rückleuchte und innen mehr Lack und Leder als in mancher C-Klasse.

Für die wilde Welt steht der „powerful adventurer“, mit dem die X-Klasse zum Abenteurer wird und sich bereit macht für Expeditionen weit abseits der Zivilisation. Ballonreifen, massive Schutzplanken reihum, vorne Seilwinde und hinten Schlepphaken und dazu ein innen ein Ambiente wir in der Fünf-Sterne-Version der Camel Trophy – da erwacht das Fernweh und das Reisefieber glüht schon mal vor.

Mercedes-Benz Concept X-CLASS

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Ganz alleine wagt sich Mercedes bei dem Pick-Up-Projekt jedoch nicht auf neues Terrain. Sondern der Pritschenwagen ist eines von zwei Dutzend Gemeinschaftsprojekten mit der Allianz von Renault und Nissan und basiert deshalb auf dem Navara. Auf der einen Seite ist das gut. Schließlich ist der Navara millionenfach bewährt und Nissan einer der erfahrensten Anbieter in diesem Segment. Aber auf der anderen Seite hat Mercedes schon einmal auf die Mütze bekommen, als die Schwaben ein Allianz-Modell übernommen haben und aus dem Kangoo plötzlich ein Citan wurde. Nachdem damals Ambiente, Antrieb und Ausstattung allenfalls halbherzig auf Mercedes getrimmt wurden, haben die Schwaben ihre Lektion gelernt und zeigen beim Concept X-Klasse eine deutlich größere Eigenständigkeit. Das gilt für die Motorenpalette mit einem schwäbischen V6-Diesel für das Spitzenmodell genauso wie für die Assistenzsysteme und für das Innenleben der Studie – nicht umsonst thront über dem Armaturenbrett der freistehende Monitor aus der V-Klasse, das Lenkrad kennt man aus der A-Klasse und die Instrumente aus der C-Klasse. Selbst die Sitze haben die Schwaben geändert. Viel mehr als der Aschenbecher im Cupholder und die Schaltkulisse auf dem Mitteltunnel erinnern deshalb nicht mehr an die Nissan-Wurzeln.

Mercedes-Benz Concept X-CLASS

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Zwar weiß Mercedes sehr wohl um das Risiko bei der Portfolio-Erweiterung. Und der Blick nach Wolfsburg schürt die Skepsis, nachdem sich der VW Amarok zumindest in Zentraleuropa lange nicht so breitgemacht hat, wie von den Niedersachsen erhofft. Doch fußen die Schwaben ihre Zuversicht nicht zuletzt auf die Erfahrung mit dem SUV: Denn als die Schwaben dort vor über 20 Jahren mit der M-Klasse eingestiegen sind, hat sich das Segment ebenfalls gerade gedreht und aus den Matschmobilen sind Modemodelle geworden, die man aus der Stadt heute nicht mehr wegdenken kann.



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