Der Golf der Generation E: Mit diesem Akku-Auto will sich VW neu erfinden

Ein neues Auto für eine neue Ära – kein Autohersteller braucht so dringend einen Neuanfang wie VW und keiner haut deshalb so laut auf den Busch. Wenn die Niedersachsen jetzt in Paris das Tuch von ihrer Designstudie I.D. ziehen, dann ist das für sie deshalb nicht einfach nur ein weiteres elektrisch angetriebenes Showcar. Sondern nach Wolfsburger Lesart soll aus dem futuristischen Schaustück so etwas wie der Golf der Generation E werden – ein Elektroauto, so massentauglich wie damals der Käfer oder heute der Golf. Damit will der Konzern nicht nur die Folgen des Dieselskandals abschütteln und den Blick endgültig wieder nach vorne richten. Sondern zugleich ist das auch die lange erwartete Retourkutsche gegen Tesla & Co und damit der Versuch, die Deutungshoheit über das Auto auch in der Ära der Akkufahrzeuge zu behalten.

Den Schlüssel dazu liefert der Modulare Elektrizitätsbaukasten MEB, den die Niedersachsen zum neuen Standard ihrer Entwicklung machen wollen. Allein auf die Anforderungen eines Elektroautos zugeschnitten und bis 2025 auf die Produktion von einer Million Autos im Jahr ausgelegt, soll er die Kosten drücken und die Reichweiten erhöhen: Für den I.D. verspricht VW deshalb 400 bis 600 Kilometer mit einer Akkuladung und einen Preis, auf dem Niveau eines vergleichbar motorisierten, gut ausgestatteten Golfs – so dass am Ende etwa 30 000 Euro auf der Rechnung stehen dürften.

Dafür gibt es einen Viersitzer mit 170 PS, der in weniger als acht Sekunden von 0 auf 100 beschleunigt, 160 km/h schafft, mit einem Schnellladesystem indktiv und ohne Kabelsalat binnen 30 Minuten zu 80 Prozent aufgetankt ist und neben der Reichweite vor allem mit einem ungeahnten Raumangebot punkten will: Weil der Motor an der Hinterachse montiert ist, die Batterien platzsparend im Wagenboden stecken und der Radstand gegenüber dem Golf um 13 Zentimeter auf 2,75 Meter gestreckt wurde, reichen dem 4,10 Meter langen I.D. auch 16 Zentimeter weniger Länge als im Golf für mehr Platz als im Passat, verspricht VW und stellt zudem eine sehr flexible Bestuhlung, auf dem ebenen Boden frei bewegliche Raumteiler und Ablagen sowie bis zu 960 Liter Kofferraum in Aussicht.

Über die neue Plattform hat Designchef Klaus Bischoff einen Hut gestülpt, den er als als „Ikone der Zukunft“ bezeichnet. Denn wir „hatten die einmalige Chance, Volkswagen in ein neues Zeitalter zu führen. Mit dem I.D. haben wir sie genutzt,“ sagt der Kreativchef und freut sich über die völlig neuen Freiheiten, die ein Elektroauto seiner Zunft bietet.

Für einen VW sieht die weiße Karosse mit dem süßen Schmollmund, den kommunizierenden Scheinwerferauge, den großen Fensterflächen und dem Panoramadach tatsächlich frisch und neu aus. Aber ganz so wegweisend, wie die Wolfsburger tun, ist der Wagen deshalb trotzdem nicht. Sondern schon seit die ersten Skizzen im Netz kursieren, müssen sich die Niedersachsen vorhalten lassen, dass der I.D. gefährlich nach einer Mischung aus BMW i3 und Tesla Modell3 aussieht. Aber das muss ja nichts Schlechtes sein.

Zwischen 400 und 600 Kilometer Reichweite und für 30 000 Euro – bis dahin ist der I.D. seinem futuristischen Design zum Trotz bis zur versprochenen Markteinführung im Jahr 2020 schon wieder ein ziemlich altes Auto. Denn ähnliche Eckdaten bieten Fahrzeuge wie der Ampera-E von Opel oder das Modell3 von Tesla bereits deutlich früher.

Das wissen sie offenbar auch in Wolfsburg und laden den I.D. deshalb noch weiter auf. Die Studie zeigt nicht nur den ersten elektrischen VW für die Massen, sondern nimmt – mit fünf Jahren Zeitversatz – auch den ersten autonomen Volkswagen vorweg. Denn für 2025 stellen die Niedersachsen den I.D. Pilot in Aussicht, der mit einem Druck auf das erleuchtete VW-Symbol im Lenkrad das Ruder übernimmt und den Fahrer in die Freizeit entlässt. Spätestens dann wird auch die neue Bedien- und Anzeigetechnik relevant, die auf schwebende Augmented-Reality-Projektionen, auf frei konfigurierbare Displays im Cockpit und den Türkonsolen setzt und das Lenkrad im Armaturenbrett verschwinden lässt, wenn der I.D. Pilot das Kommando hat. Außerdem kann man dann gar vollends von der Vernetzung profitieren, die I.D. zu einem zentralen Knotenpunkt im Internet der Dinge macht und zum Beispiel Zugriff auf die Haussteuerung, den Türöffner der Privatwohnung oder den Computer im Büro ermöglicht.

Zwar wird es noch vier Jahre dauern, bis mit dem I.D. die neue Elektro-Ära bei VW beginnt. Doch die Lage ist zu Ernst, um bis dahin die Hände in den Schoß zu legen. Bis zum großen Sprung kommt der Fortschritt deshalb jetzt erst einmal in kleinen Schritten – mit einem Update für den E-Golf, der künftig statt 190 immerhin 300 Kilometer weit stromern soll.



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