Rückenwind für den Silberpfeil: So will sich der SL die Lufthoheit am Mercedes-Himmel sichern

Der neue Mercedes SL

Der neue Mercedes SL

Im Orange County ist die Welt noch in Ordnung. Denn hier, im Speckgürtel von Los Angeles, ist der Mercedes SL nach wie vor die erste Wahl: Wo man auch hinschaut in den Millionärsenklaven von sunny California – beinahe an jeder Ecke steht der Luxusroadster aus Stuttgart, der hier an der Westküste so etwas wie der Mazda MX-5 der Besserverdiener ist. Doch im Rest der Welt ist der Ruhm des Roadsters in den letzten Jahren zusehends verblasst und in Deutschland zum Beispiel steht er für das Jahr 2015 mit gerade mal 829 Zulassungen auf dem letzten Platz der Mercedes-Verkäufe. Das schmerzt die Schwaben nicht zuletzt deshalb, weil sie im SL als Enkel des Flügeltürers zurecht eine Ikone sehen, die für die Marke genauso stilprägend ist wie eine E- oder S-Klasse. Bevor der Fixstern am Mercedes-Himmel gar ganz verglüht und ihm hausinterne Konkurrenten wie das S-Klasse Cabrio oder der GT Roadster das Leben noch schwerer machen, bekommt der Silberpfeil deshalb jetzt wieder etwas Rückenwind und geht mit einem gründlichen Facelift in die neue Saison: Wenn zu Preisen ab 99 097 Euro am 16. April die Auslieferung beginnt, will sich der SL mit mehr Eleganz und mehr Elektronik sowie mehr Power und mehr Praktikabilität die Lufthoheit unter der Sonne Stuttgarts sichern.

Bei der Modellpflege polieren die Schwaben beide Seiten der Medaille, die den SL für Männer wie Ola Källenius ausmachen. Der Vertriebsvorstand sieht in dem Dauerbrenner einen Spitzenreiter in den unterschiedlichsten Disziplinen, der wie kein anderes Fahrzeug im Segment Luxus und Leistung unter einen Hut bringt: „Nur der SL bietet Fahrspaß in einer einzigartigen Kombination: ob pures sportliches Roadster-Feeling oder entspanntes komfortables Cruisen. Er ist ein Traumwagen.“

Das Wechselspiel zwischen Luxus und Leistung, Sinnlichkeit und Sportsgeist erkennt man bereits am neuen Design der Frontpartie. Denn während der SL mit dem Diamantkühler und den funkelnden LED-Scheinwerfern jetzt mehr denn je den Beau gibt, stempeln ihn die neuen Powerdomes auf der Motorhaube schon auf den ersten Blick zum Boliden.

Mercedes SL

Mercedes SL

Auch das Motorenprogramm zeugt von der ungeheuren Bandbreite, die dieser Benz abdecken will. Schließlich stehen an der Spitze der feurig heiße SL 63 mit seinen 58% und der sündig süße SL 65, dessen wunderbar unvernünftiger V12-Motor ganz nonchalant und ohne jede Anstrengung 630 PS aus denen sechs Litern Hubraum schüttelt und den Luxusliner mit seinen zu 1000 Nm mit einer solchen Leichtigkeit in 4,0 Sekunden von 0 auf 100 beschleunigt, als hätte sich die gut zwei Tonnen Stahl und Aluminium in Luft aufgelöst. Wenn juckt es da schon, dass der Preis für dieses Vergnügen bei 239 934 Euro beginnt und mit ein paar Optionen locker um den Wert einer A- oder C-Klasse nach oben Getrieben werden können?

Wo AMG die sonnenhungrigen Millionäre bedient, wirken der SL 500 mit seinem famosen V8-Motor von 455 PS und vor allem der SL 400 fast schon bürgerlich. Wenn gleich die 99 097 Euro für den Einstieg ein nicht minder stolzer Preis sind. Aber jetzt, wo der V6 als einziger Motor zum Facelift ein Update bekommen hat, rund zehn Prozent zulegt und nun 367 PS und 500 Nm erreicht, ist man damit eigentlich mehr aus ausreichend motorisiert. In 4,9 Sekunden von 0 auf 100, beim Überholen immer genügend Punch, ganz selbstverständlich die 250 km/h der Acht- und Zwölfzylinder und dazu noch die seidige Neungang-Automatik mit ihren rasend schnellen, kaum spürbare Schaltsprüngen – mehr Motor braucht man nicht.

Den dritten Beleg für den verschärften SL-Spagat findet man in den fünf neuen Fahrprogrammen und der Dynamic Select Regelung, mit denen man auf Knopfdruck zwischen Gleiter und Fighter wechseln und spürbar die Muskeln des Sportwagens anspannen kann. Ergänzt wird das Paket zur Modellpflege mit der Kurvenneigefunktion der Active Body Control aus dem Coupé der S-Klasse: Weil der SL Kurven im Voraus erkennt und sich mit Hydraulikelementen an den Federn vorher darauf einstellt, neigt sich der Luxusliner wie ein Skifahrer auf Carvern ein wenig zur Seite und mindert so die Fliehkräfte, die auf die Insassen wirken. So wird der Roadster gar vollends zum Kurvenkünstler und zum perfekten Cruiser.

Doch darf man sich von all der Elektronik nichts vormachen lassen. Weil der SL seiner Alukarosse zum Trotz schon lange nicht mehr „Super Leicht“ ist, weil es Autos mit einer besseren Balance gibt und weil man im Smoking eben nicht ganz so gut Sport treiben kann, stößt der Roadster beim Rasen bisweilen an seine Grenzen. Auf engen Passrouten jedenfalls hört man neben dem Bollern der Motoren oft genug auch das Quietschen der Reifen und auf einer kurvige Küstenstraßen funkelt die ESP-Kontrollleuchte bisweilen mit der Sonne auf den Wellen um die Wette. Wer wirklich in einem Schwabenpfeil ohne Dach über den Asphalt fräsen und um die Radien radieren will, kauft aus Stuttgart besser einen offenen Porsche oder wartet auf den GT Roadster. Doch wer den schnellen Genuss auf langen Strecken sucht und auch nach 500 Kilometern Sonnenbad entspannt aussteigen möchte, für den ist und bleibt der SL die erste Wahl.

Mercedes SL

Mercedes SL

Das liegt nicht zuletzt auch an der aufwändigen Komfortausstattung, mit der Mercedes Wind und Wetter trotzt: Klimatisierte Sitze, die Heizung im Nacken und ein filigranes Windschott auf Knopfdruck – im SL braucht man keinen Meteorologen, sondern macht sich sein eigenes Wetter. Und hat dabei jetzt noch leichteres Spiel. Denn zur Modellpflege gibt es auch eine überfällige Korrektur am versenkbaren Hardtop. Ob sich die Gepäcktrennmatte nun händisch bewegen lässt oder das Ladevolumen elektrisch variiert, ist eine nette Nebensächlichkeit. Doch dass ausgerechnet der deutsche Luxusroadster schlechthin seine Besitzer buchstäblich im Regen stehen lässt, weil man das Verdeck nicht während der Fahrt bedienen kann, das ist jetzt endlich vorbei: Zumindest bis Tempo 40 und wenn man den ersten Impuls noch im Stand gegeben hat, funktioniert das Dach nun auch beim SL mit rollenden Rädern. Und die kleine Ewigkeit, die das Verdeckballett dauert, wird man sich ja wohl auch sein Gasfuß mal in Zaum halten können.

In Offenburg, Oxford oder Osaka werden das die Kunden gerne hören. Aber den Käufern im Orange County ist das herzlich egal. Denn sie lassen ihr Dach ohnehin die meiste Zeit offen. Statt am Verdeckschalter fingern sie lieber am Soundsystem mit dem einzigartigen Frontbass und spielen den Lieblingshit aller Cabriofahrer auf dem Pacific Coast Highway: „It never rains in California.“



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