Dickschiff in schwerer See: Mit Hilfe der S-Klasse will der Mercedes GLS an der Spitzen bleiben

Er ist Daimlers dickstes Ding. Doch im Augenblick hat der Mercedes GL einen schweren Stand. Zwar hält der Boom der großen Geländewagen ungebrochen an. Aber Autos wie der Bentley Bentayga und der Range Rover, ja sogar der neue Audi Q7 haben das Topmodell der schwäbischen SUV-Familie links überholt. Denn selbst wenn noch immer kein Geländewagen eines europäischen Herstellers so viel Platz bietet wie das 5,13 Meter lange Dickschiff aus dem amerikanischen Mercedes-Werk in Alabama, muss sich ausgerechnet Mercedes jetzt in Sachen Luxus eines besseren belehren lassen: Bei Ausstattung und Ambiente jedenfalls zieht der GL künftig den kürzeren.

Aber die selbsternannten Gralshüter luxuriöser Fortbewegung auf vier Rädern geben nicht klein bei und starten jetzt zumindest zu einem dezenten Gegenschlag: Als letzte Neuerung im großen SUV-Reigen frischen die Schwaben ihr dickstes Ding deshalb noch einmal auf und rufen dabei sogar die S-Klasse zur Hilfe. Denn wenn das Update für den großen Wagen im Frühjahr zu Preisen ab 74 792 Euro in den Handel kommt, wird aus dem GL nach der neuen Nomenklatur und in Anlehnung an die Luxuslimousine der GLS.

Leider ist das „S“ im Typenkürzel so ziemlich das einzige, was die Entwickler von der S-Klasse an konkreten Bauteilen übernommen haben. Für tiefgreifende Änderungen jedenfalls waren das Budget offenbar zu klein oder die Restlaufzeit zu kurz. So gibt es außen zwar ein bisschen frische Schminke für Schürzen, Scheinwerfer und den Kühlergrill und innen ein neues Lenkrad sowie für das aktualisierte Infotainment-System den größeren Monitor im Cockpit und das Touchpad auf dem Tunnel. Und nach wie vor bietet der GLS mit seinen drei elektrisch verstellbaren Sitzreihen und zwischen 680 und 2300 Litern Kofferraum konkurrenzlos viel Platz. Aber mit Einzelsitzen wie der Range Rover, einem First-Class-Ambiente wie der Bentayga oder auch nur so moderne Anzeige- und Assistenzsystemen wie der Q7 kann Daimlers dickstes Ding auch nach der Modellpflege nicht aufwarten. Klar, abgesehen vom Audi sind die Konkurrenten alle auch deutlich teurer, rechtfertigen sich die Entwickler. Aber dass Mercedes mal über den Preis argumentieren muss, hat es bei den Schwaben auch noch nicht so oft gegeben.

Während Ausstattung und Ambiente vom High-End-Anspruch der S-Klasse deshalb weit entfernt sind, hat Mercedes wenigstens beim Antrieb spürbar nachgelegt. Zwar sind die Änderungen auf dem Papier ebenfalls vergleichsweise gering. Denn der V8-Motor im GLS 500 leistet jetzt 455 statt 435 PS und der GLS 63 AMG legt um knapp 30 auf 485 PS zu. Der V6 im GLS 400 bleib mit 333 PS unverändert, ist aber wegen der nun für alle Varianten außer dem AMG obligatorischen Neungang-Automatik einen halben Liter sparsamer und kommt auf einen Normverbrauch von 8,9 Litern. Am 258 PS starken V6-Diesel im GLS 350d ändert sich nichts. Und obwohl das Dickschiff vor allem in Amerika und China hoch im Kurs steht, ist vom Plug-In-Baustein aus dem kleinen Bruder GLE keine Rede.

Doch bei der Fahrkultur macht der riesige Wagen einen großen Sprung: Besser gedämmt und im Windkanal glatt geschliffen, ist es jetzt flüsterleise an Bord und man muss den rechten Fuß schon richtig schwer machen, damit vom Achtzylinder aus dem Maschinenraum mehr als ein fernes Brummen zu hören ist. Dabei mangelt es dem 4,7-Liter nicht an Durchsetzungsvermögen. Immerhin wuchtet er bis zu 700 Nm aufs Verteilergetriebe. Wer die zu nutzen weiß, der kann den Brocken von Benz deshalb auch als wütenden Büffel erleben, der selbst haushohe Sanddünen erklimmt als wären es nur Bodenwellen und sich knietief durch Schlamm oder Schnee wühlt wie andere Autos durch einen Haufen Herbstlaub. Nicht umsonst beschleunigt der GLS 500 in 5,3 Sekunden von 0 auf 100 und kratzt mühelos am elektronischen Limit von 250 km/h.

Wer nicht gerade durchs Gelände pflügt oder über die linke Spur stürmt, der erlebt den GLS nach der Modellpflege nicht nur leiser, sondern auch gutmütiger und komfortabler. Serienmäßig auf Luftkissen gebettet, rollt er im Komfort-Modus jetzt weicher ab und bleibt in Kurven länger aufrecht. Je länger man fährt, desto besser lernt man den GLS deshalb als sanften Riesen kennen und lässt sich gefangen nehmen von dieser selbstwussten Ruhe, die weder den übertriebenen Luxus eines Range Rovers noch den Leistungs-Overkill eines Bentley braucht. So fühlt man sich der S-Klasse dann plötzlich doch ein bisschen näher als früher.

Das ändert zwar nichts daran, dass ein „S“ am Heckdeckel aus einem Fullsize-SUV noch keine S-Klasse fürs Gelände macht. Doch das wissen die Schwaben selbst am allerbesten und haben das Lastenheft für den Nachfolger bereits entsprechend erweitert: Für die nächste Generation prüft die Mannschaft deshalb zahlreiche Optionen, zu denen nicht nur eine neue Sitzanlage, sondern sogar ein Zwölfzylinder zählt. Dann allerdings dürfte die Schützenhilfe der S-Klasse nicht mehr genügen, sondern der GLS bekommt noch vornehmere Unterstützung – und fährt wohl auch als Maybach vor.



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