Der Elfer aus England: Mit diesem McLaren ist der Traum vom Porsche Turbo passé

McLaren 570S Coupe Launch 2015 Portimao

McLaren 570S Coupe Launch 2015 Portimao

Auf dem Highway ist die Hölle los – und vor allem auf der linken Spur wird es langsam richtig eng. Denn pünktlich zum Facelift für den Porsche 911 und passend zur Markteinführung des neuen Audi R8 bringt McLaren jetzt auch den ersten Vertreter seiner neuen Sport Series in Stellung: Irgendwo positioniert zwischen V10-Modell aus Ingolstadt und dem Turbo aus Stuttgart soll er als 570S zu Preisen ab 181 750 Euro die Hackordnung auf der Überholspur gehörig durcheinander wirbeln. Und wem das noch zu teuer ist, der muss nur ein paar Monate warten, dann fallen die Tarife mit dem Basismodell 540C um weitere 20 000 auf 160 000 Euro. So billig war ein McLaren noch nie zu haben.

Technisch eng mit dem 650S aus der Super Series verwandt und auch im Design nur eine elegante Evolution, bei der die aktive Aerodynamik durch betont luftig verlegte Lagen aus Alublech ersetzt wird, nutzt der 570S ein für noch größere Stückzahlen und niedrigere Preise weiterentwickeltes Monocoque aus Karbon, hinter dem ein 3,8 Liter großer V8-Motor montiert ist. Er hat – nomen es omen – 570 PS und schnalzt mit demonstrativer Mühelosigkeit bis zu 600 Nm an die Hinterachse. Während sich unter dem offenen Gitter der Heckabdeckung akustisch die Hölle auftut, beginnt beim Kickdown ein infernalisches Spektakel und der 570S explodiert förmlich in Vortrieb: Weil die Flunder trocken gerade mal 1313 Kilo wiegt und selbst dem leichtesten Wettbewerber noch drei Zentner abnimmt, jagt sie in 3,2 Sekunden auf Tempo 100, hat nach 9,5 Sekunden schon 200 Sachen auf dem digitalen Tacho und gibt sich erst bei 328 km/h den Fahrwiderständen geschlagen. Da wird es ganz schön eng für den Elfer und auch der R8 ist nicht mehr automatisch King im Ring.

McLaren 570S Coupé

McLaren 570S Coupé

Obwohl der McLaren damit allemal das Zeug zum brachialen Bomber hat, gibt er sich kühl und kultiviert und wahrt bis kurz vor dem Grenzbereich die Contenance. Egal ob beim Kickdown auf der Startgeraden, beim Zwischenspurt auf der linken Autobahnspur oder beim heißen Ritt auf einer ebenso einsamen wie kurvigen Landstraße: Einerseits präzise und berechenbar, andererseits aber explosiv und brandgefährlich, lässt er niemanden darüber im Zweifel, dass er ein Killer ist. Aber einer mit Manieren. Der Bond unter den Boliden so zusagen.

Aber nicht nur mit dieser sehr zielstrebigen Auslegung ohne faule Kompromisse unterscheidet sich der 570S von Elfer und R8. Sondern auch der Zuschnitt und das ganze Ambiente sind anders: Wo der Porsche selbst als Turbo so langsam zur Power-Limousine mit Flachdach und Breitreifen verkommen ist und der Audi ein bisschen wie eine Spielkonsole auf Rädern wirkt, ist der McLaren das authentischste Auto – selbst wenn die Engländer ihre fast klinische Fabrik in Woking als eine Mischung aus 20 Prozent Disneyland und 80 Prozent Nasa bezeichnen.

Was den Engländer so ehrlich macht, das ist die Art, wie sich das ganze Auto fast völlig zurück nimmt und in den Dienst der Sache stellt: Keine überflüssige Inszenierung, kein Ornat und kein Schnick-Schnack. Die Mittelkonsole filigran, die wenigen Schalter gut integriert und selbst der Touchscreen irgendwie zurückhaltend – nicht umsonst wirkt das Cockpit des 570S trotz der digitalen Instrumente fast so leer wie in einem Oldtimer. Und nicht ohne Grund ist der McLaren wahrscheinlich der einzige Neuwagen über 20 000 Euro, der ohne jeden Knopf am Lenkrad auskommt.

McLaren 570S Coupé

McLaren 570S Coupé

Dabei ist der 570S kein reiner Renner ohne Kompromisse. Sondern im Gegenteil nennt ihn Chef-Ingenieur Ben Gulliver das alltagstauglichste Auto, das McLaren je gebaut hat. Im Großen gilt das für die langstreckentaugliche Abstimmung und den zumindest im normalen Modus fast schon dezente Klangkulisse und für ein ausgesprochen gutmütiges Fahrverhalten, ohne dass die Grenzen deshalb enger gezogen wären. Und im kleinen für Nebensächlichkeiten wie das Handschuhfach oder den Schminkspiegel, mit denen sich die McLaren Entwickler für die Sport Series zum ersten Mal in ihrer Karriere beschäftigen mussten. Oder der größere Öffnungswinkel der Schmetterlingstüren, unter denen man jetzt bequemer durchschlupfen kann. Nur dass sich die Engländer für den Flirt mit dem Alltag sogar eine Start-Stopp-Automatik haben aufschwätzen lassen, das hätte nun wirklich nicht sein müssen. Selbst wenn McLaren mit dem neuen Einstiegsmodell so langsam in Stückzahlen vordringt, in denen auch der Flottenverbrauch ein Thema wird.

McLaren 570S Coupé

McLaren 570S Coupé

Zwar will McLaren weiter wachsen, investiert deshalb ein Drittel seines Umsatzes in neue Modelle und bringt allein von der neuen Sports Series noch zwei weitere Varianten, von denen eine natürlich ein Spider sein wird. Und statt aktuell rund 2 000 Autos wollen die Briten bis 2017 auf 4 000 Autos pro Jahr kommen. Doch der Versuchung größerer Stückzahlen schwören sie genauso ab wie der Sehnsucht nach neuen Segmenten. „Ein CrossOver oder gar ein SUV wird es von uns nicht geben“, sagt Firmenchef Mike Flewitt und will auch künftig nichts anderes bauen als Sportwagen: „Wir sind auch profitabel ohne unseren Markenkern zu verwässern.“ Zumindest um Cayenne & Co muss sich Porsche deshalb offenbar keine Sorgen machen.



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