Audi RS5 TDI Concept: Elektrischer Turbo-Blitz

Sprintmeister: Schnell waren die Diesel der letzten jahre schon immer, jetzt werden sie mit elektrischer Hilfe auch noch spurtstark.

Sprintmeister: Schnell waren die Diesel der letzten jahre schon immer, jetzt werden sie mit elektrischer Hilfe auch noch spurtstark.

Audi feiert den 25. Geburtstag des TDI-Motors und macht sich das schönste Geschenk gleich selbst: Um die letzten Zweifel an den sportlichen Qualitäten des Selbstzünders auszuräumen, haben die Ingolstädter zum Jubiläum einen sehr speziellen RS5 TDI gebaut – und mit dem Auto womöglich die nächste Revolution im Motorenbau eingeleitet. Denn das Coupé von der Quattro GmbH protzt nicht nur mit 385 PS Leistung und maximal 750 Nm Drehmoment, was den Wagen zum aktuell stärksten und schnellsten V6-Diesel des VW-Konzerns macht. Sondern zum ersten Mal haben die Ingenieure den beiden konventionellen Turboladern zusätzlich einen elektrischen Lader vorgeschaltet. So wird aus dem vor allem bei Dienstwagenfahrern beliebten Dauerläufer für die linke Spur ein waschechter Rennwagen, der sich auch auf der Rundstrecke wohlfühlt und beim Ampelspurt selbst einem RS6 die Schau stiehlt. Der Prototyp mit dem 3-Liter-Motor erledigt den Sprint von 0 auf 100 in vier Sekunden und nimmt dem konventionellen RS5 mit dem 450 PS starken Benziner eine halbe Sekunde ab. „Und damit sind wir mit unserem Latein noch nicht am Ende”, sagt Ulrich Weiss, Leiter der TDI-Entwicklung in Ingolstadt. Will heißen: Es geht künftig wohl noch etwas schneller.

„Das Turboloch ist endgültig Geschichte“, sagt Weiss und wiegt ein etwa fünf Kilo schweres Bauteil in den Händen, das kaum größer ist als eine Ananas. Darin befinden sich vor allem ein Turbinenrad und – was noch wichtiger ist: ein leistungsstarker Elektro-Motor. Gespeist aus dem auf 48 Volt aufgerüsteten Bordnetz genügen der E-Maschine 200 Millisekunden, um den Lader auf 72.000 Touren zu beschleunigen. Während die konventionellen Turbosysteme da noch auf den nötigen Abgasstrom warten, macht die elektrische Variante dem Motor so vom ersten Gasstoss an erheblichen Druck. „Zwei bis drei Sekunden beim Anfahren oder beim Beschleunigen am Kurvenausgang reichen völlig aus, um die Anlaufträgheit der konventionellen Lader zu überbrücken“, sagt Weiss.

Kraftpaket: Der 3,0 Liter große V6 kommt auf irre 385 PS und bärige 780 Nm.

Kraftpaket: Der 3,0 Liter große V6 kommt auf irre 385 PS und bärige 780 Nm.

Die erste Testfahrt gibt ihm recht: Der Sechszylinder reagiert so schnell und spontan, dass der rote Zeiger des Drehzahlmessers vor den Augen fast verwischt. Weil die Ingenieure auch sonst noch hie und da an dem Dreiliter-Block gefeilt haben, dreht das Aggregat nun vehement bis über 5500 Touren und der Führungsfahrer im RS6 Avant muss sich anstrengen, wenn er die Pole Position behalten will. Beim Kavalierstart jedenfalls hat das Coupé ein paar Meter lang die Nase vorn, jeder Zwischenspurt wird zum Vergnügen und am Kurvenausgang geht der Tritt aufs Gaspedal direkt durch bis ins Kreuz. Während man früher vorsichtig bis drei zählen konnte, ehe der große Dampfhammer des Dieselmotors zuschlug, trifft einen die Kraft des TDI mit elektrischem Turbo jetzt so explosiv wie die Faust eines Boxers.

Einzige Vorwarnung des Krafteinsatzes ist ein ebenso feines wie fieses Surren, das an eine Stechmücke im Schlafzimmer erinnert, mehr ist vom E-Lader nicht zu hören. Und dieses Geräusch wollen die Entwickler dem Spurtbeschleuniger noch austreiben, weil nicht zum hohen Qualitätsanspruch passt. Dabei ist es erstens ein charakteristisches Surren und geht zweitens ohnehin fast unter in dem künstlichen Geboller, das aus den Endrohren flutet. Denn weil beim Diesel die aufwändige Abgasreinigung mittlerweile den letzten Rest eines coolen Sounds schluckt, haben Weiss und seine Kollegen für den Prototypen auch gleich eine neue Klangkulisse komponiert und sich dabei zu gleichen Teilen bei einem V8-Hotrod und einem Hafenschlepper bedient. So wuchtig-lässig klingt kein anderer Diesel.

Und so spontan reagieren tut auch kein zweiter. Auf dem Papier trennen den Audi-Diesel zwar nur vier PS und zehn Nm vom ebenfalls drei Liter großen Tri-Turbo von BMW, mit dem die M GmbH zum Beispiel den M 550d befeuert. Doch in der Praxis ist der Unterschied weitaus größer, als es die rund 0,6 Sekunden Unterschied beim Sprintwert vermuten lassen. Auf der Strecke geben sich beiden wahrscheinlich nicht viel. Aber beim Spurt würde der Audi-Prototyp den BMW wohl locker abhängen.

Das dicke Ende: Durch die armdicken Endrohre bollert der RS5 TDI wie ein Hafenschlepper auf Speed.

Das dicke Ende: Durch die armdicken Endrohre bollert der RS5 TDI wie ein Hafenschlepper auf Speed.

Obwohl Audi den Dieselantrieb damit in die Liga der Supersportwagen katapultiert, ändert sich am Verbrauch praktisch nicht. Einen konkreten Wert für den Prototypen gibt es zwar noch nicht, doch Ingenieur Weiss spricht von „unter fünf Liter“ – und das ist angesichts der Leistung des Aggregats beachtlich.

Weiter entwickelt wird der Selbstzünder mit dem elektrischen Schrittmacher auf jeden Fall, der TDI mit dem E-Lader wird also kein Einzelstück bleiben. Ein RS5 TDI ist zwar unwahrscheinlich, weil die Baureihe für einen derartigen Coup mittlerweile schon zu alt ist und bis zur Serienreife der Technik sicher noch ein Jahr für vergehen wird. Doch mit dem neuen Q7, der zum Jahreswechsel erwartet wird, beim neuen Audi A4, der Anfang 2015 kommt oder spätestens dem Nachfolger des A6 in rund zwei Jahren gäbe es genug andere Modelle, bei denen so ein Motor in Frage kommen könnte. „Überall, wo der bisherige V6-TDI rein passt, bekommen wir auch das neue Aggregat unter“, sagt Weiss.


Chevrolet Tahoe: Ach Du dickes Ding

Chevrolet_Tahoe_2014_3

Der weiße Riese: Fast 5,20 Meter lang und reichlich Platz für sieben Insassen – so baut man ein SUV, das wirklich Full-Size ist.

Hierzulande gibt es das Auto zwar nur beim freien Importeur, doch in den USA ist der Chevrolet Tahoe buchstäblich dick im Geschäft. Zusammen mit seinem großen Bruder namens Suburban dominiert er seit Jahren die SUV-Zulassungen in Nordamerika, beide Modelle kamen zuletzt auf einen Marktanteil von fast 50 Prozent. Davon können hierzulande uns Mercedes M-Klasse, BMW X5 oder VW Touareg nur träumen. Kein Wunder, dass die US-Autowelt für einen kurzen Moment den Atem anhält, wenn der General aus Detroit seine Truppen neu sortiert und die nächste Generation des Tahoe ins Feld führt.

Dabei haben sich die US-Autobauer ihrer traditionellen Stärken besonnen und vielleicht zum letzten Mal ein SUV alter Schule auf die bis zu 22 Zoll großen Räder gestellt. Denn auch wenn es jetzt interessante Dinge wie eine Zylinderabschaltung oder eine elektrische Servolenkung gibt, ist der ab sofort noch prunkvoller gezeichnete Tahoe ein antiquiertes Stahlross von stattlichen 5,18 Meter Länge mit althergebrachtem Leiterrahmen und einem nagelneuen V8-Motor, dem nie, aber wirklich nie die Puste ausgeht. Dafür stehen 5,3 Liter Hubraum, aus dem Kolben – groß wie die Fäuste eines Kirmesboxers – bis zu 355 PS Leistung und bärige 519 Nm Drehmoment prügeln. Da kann die sechsstufige Automatik noch so weich und teigig schalten: Wenn man beherzt auf das riesige Gaspedal latscht, neigt sich der funkelnde Chromkühlergrill ein wenig dem Himmel entgegen, die Erde bebt für einen Moment ganz sanft und unter ohrenbetäubendem Lärm kommt die Fuhre in Fahrt wie eine Lawine aus Stahl: Von 0 auf 100 in grob gemessenen 9,5 Sekunden – das ist für ein Auto, das 2,6 Tonnen wiegt, kein schlechter Wert. Und auch die Höchstgeschwindigkeit von 220 km/h kann sich sehen lassen.

Chevrolet_Tahoe_2014_1

My car is my castle: Am Steuer des Tahoe fühlt man sich wie in einer Burg auf Rädern.

Oft sollte man das Beschleunigungsvermögen allerdings nicht ausreizen. Sonst ist der riesige 100-Liter-Tank schneller leer als der Getränke-Vorrat an Bord, den man in knapp einem Dutzend Getränkehalter im Auto bunkern kann. Rollt man dagegen schön gemächlich mit ruhigem Puls und niedrigem Blutdruck dahin, ist der Tahoe fast schon ein sparsames Auto, weil er dann die meiste Zeit nur auf vier Töpfen brennt und so vielleicht doch mit weniger als zehn Litern auskommt.

Lässiges Cruisen, das ist nicht nur die kostengünstigste, sondern auch die komfortabelste Art der Fortbewegung. Dann schluckt die Magnetic Ride Federung wirklich jede Bodenwell, bettet einen wie auf Wolken und man hält den Kurs so entspannt wie ein Kapitän auf seinem Ozean-Dampfer. Ja, der Tahoe kann auch schneller. Aber dann wird’s am Steuer ziemlich anstrengend. Und in engen Ortsdurchfahrten fühlt man sich schnell wie in einem Gelenkbus. Fehlt nur noch, dass gleich jemand die Fahrscheine kontrolliert.

Dass unter der hohen Motorhaube ein riesiges Kraftwerk an der Arbeit ist, hört man im Innenraum nur von weitem. Und auch sonst fühlt man sich der Welt seltsam entrückt, sobald die schweren Türen ins Schloss gefallen sind. Man fährt gut gedämmt in einer Kabine, fast größer und geräumiger als das eigene Wohnzimmer. Man thront regelrecht auf molligen Sitzen und genießt mehr Annehmlichkeiten als in einer Hotelsuite: Jeder Handgriff wird elektrisch unterstützt, die Klimaanlage wechselt in Sekundenbruchteilen zwischen Arktis und Sahara, die Ablagen erreichen die Dimensionen kleiner Einbauschränke, es gibt ein Dutzend Steckdosen an Bord und eigentlich fehlt nur noch der Buttler, der auf Knopfdruck aus der Mittelkonsole klettert – Platz genug dafür wäre vorhanden.

Chevrolet_Tahoe_2014_5

Nach alter Väter Sitte: Von wegen Downsizing – unter der riesigen Haube arbeitet ein V8-Motor mit 5,3 Liter Hubraum.

Wie so oft bei US-amerikanischen Autos sind Glanz und Gloria des Tahoe ein wenig oberflächlich: Ja, es gibt überall Lack und Leder – aber eben auch billigstes Plastik. Da glänzt der Wagen mit einem riesigen Mutli-Media-Center mit Touchscreen, Appstore und Hot-Spot, oder mit Blue-Ray-Monitoren über den hinteren Sitzreihen, doch die Assistenzsysteme sind allenfalls Standard. Und wer zur Hölle hat die hässlichen Uhren genehmigt, die kein bisschen in das ansonsten richtig schmucke Cockpit passen.

Das ist schade. Aber irgendwie muss man das auch verstehen. Denn so groß, protzig und wuchtig der Tahoe auch erscheinen mag, er ist im Grunde ein spottbilliges Auto. Die Preise in den USA für die Basisversion mit Hinterradantrieb liegen bei 46.000 Dollar oder umgerechnet 33.000 Euro. Und selbst wenn da noch die lokale Steuer draufkommt und die Top-Version mit Allradantrieb und allen Extras schon 59.000 Dollar kostet, ist der Koloss ein Schnäppchen. Ein halbwegs vergleichbarer Mercedes GL kostet beim US-Händler zehn Prozent mehr.

Für europäische Verhältnisse hoffnungslos überdimensioniert, fast schon obszön motorisiert und irgendwie aus der Zeit gefallen, gibt es den Tahoe in Deutschland nur bei den freien Importeuren. Und die lassen sich den Exoten gut bezahlen und verlangen für das voll ausgestattete Top-Modell ab 60.000 Euro aufwärts. Doch selbst dann ist die Wuchtbrumme noch billiger als ein Mercedes GL oder ein Audi Q7, jene Typen, die dem Tahoe als einzige deutsche Geländewagen halbwegs das Wasser reichen können.

Allerdings hat General Motors mit dem neuen Tahoe das Pulver noch nicht verschossen. Denn es dauert nur noch ein paar Monate, dann gibt es das Modell auch im feinen Zwirn, mit noch mehr Leistung und noch mehr Luxus: es trägt dann den Namen Cadillac Escalade. Und dieses Auto gibt es dann nicht nur in den USA, sondern ganz offiziell auch in Europa.


Mercedes B-Klasse electric drive: Stern unter Strom

Elektrischer Tarnkappenbomber: Viel mehr als der blaue Stern weist bei der B-Klasse nicht auf den alternativen Antrieb hin.

Es hat ein bisschen gedauert, doch jetzt steht auch Mercedes endgültig unter Strom. Zwar hatte der Konzern mit dem Smart ed schon ziemlich früh ein Serienauto im Angebot, doch der Marke Mercedes fehlte so ein Modell. Und zuletzt stromerten auch noch Konkurrenzmodelle wie BMW i3 und VW E-Golf vorbei. Doch nun bringt Mercedes sozusagen als elektrische Retourkutsche die B-Klasse electric drive an den Start, das erste ernstzunehmende Akku-Auto von Mercedes, das im Sommer in den USA und zum Jahreswechsel auch hierzulande auf den Markt kommt und der Konkurrenz mit einer einfachen Formel die Schau stehlen will. „Emissionsfrei fahren ohne Kompromisse“, wiederholt Entwickler Jochen Strenkert das Marketing-Mantra und kündigt neben dem Fahrkomfort, dem Ambiente und dem Platzangebot einer normalen B-Klasse auch Fahrleistungen an, die sich hinter denen eines Verbrenners verstecken müssen.

Im Gegenteil. Im Stadtverkehr hat die elektrische B-Klasse sogar zumeist die Nase vorn – der Elektromotor leistet 180 PS und mobilisiert 340 Nm. Das reicht beim Kickdown für quietschende Reifen und bei Bedarf für einen Sprint von 0 auf 100 in 7,9 Sekunden. Und dass bei 160 km/h Schluss ist, liege nicht an mangelnder Kraft, sagt Entwickler Strenkert, sondern sei der Reichweite geschuldet. Sonst nämlich wären 200 Kilometer selbst in der Theorie nie zu schaffen – zumal der Aktionsradius laut Bordcomputer in der Praxis schon bei komfortablen Klimabedingungen und mäßigem Einsatz der elektrischen Zusatzverbraucher selten mehr als 130 Kilometer misst. Dann sind die mehr als 4000 Lithium-Ionen-Zellen im Wagenboden, die zusammen auf eine Kapazität von 28 kWh kommen, leer und die B-Klasse muss an die Steckdose – wahlweise drei Stunden an eine spezielle Wallbox oder eine Schnellladesäule oder über Nacht an eine 230-Volt-Buchse.

Alltagstauglicher Aktionsradius: Im besten Fall reichen die Akkus für 200 Kilometer.

Wie weit man mit der B-Klasse tatsächlich kommt und welche Ausschläge der punktgenau berechnete Aktionsradius auf dem Navi-Display zulässt, das kann der Fahrer gleich mehrfach selbst beeinflussen. Zum Beispiel mit der Eco-Taste. Sie limitiert die Leistung auf 132 PS und bremst den Stromer spürbar ein. Wer überholen möchte, braucht lediglich einmal beherzt aufs Fahrpedal zu treten, dann steht wieder die volle Kraft zur Verfügung und der Wagen schnellt beherzt nach vorn.

Die zweite große Stellschraube für die Reichweite ist der Grad der Rekuperation und damit der Widerstand des E-Motors, wenn er zum Generator wird und im Schubbetrieb Energie zurück gewinnt. Im Normalbetrieb ist dieser Zustand kaum spürbar und die B-Klasse fährt sich fast so wie ein konventionelles Auto. Erst mit einem Griff zu den Wippen am Lenkrad ändert sich das: Schaltet man hoch, lässt die Rekuperation nach und der Stromer segelt dahin, als hätte man in den Leerlauf gewechselt. Schaltet man dagegen runter, nimmt der Widerstand mit abnehmendem Pedaldruck deutlich zu und die B-Klasse verzögert sehr viel kräftiger. Allerdings ist das Auto selbst damit noch meilenweit entfernt vom so genannten „One-Pedal-Feeling“, das BMW proklamiert und das Bremspedal nahezu überflüssig macht.

Während man die unterschiedlich einstellbaren Rekuperationsstufen auch von der Konkurrenz kennt, hat sich Mercedes für die B-Klasse noch etwas Besonderes einfallen lassen. Zum ersten Mal wird die Rekuperation dort auch mit dem Abstandsradar gesteuert: Je größer die Lücke zum Vorausfahrenden, desto weiter lässt die Elektronik den Wagen rollen und je dichter man auffährt, desto stärker wird rekuperiert.

Kraftpaket: Die E-Maschine leistet bis zu 180 PS. Kein Schaden, bei 200 Kilo Mehrgewicht.

Zwar könnten Entwickler wie Jochen Strenkert stundenlang von den Fahr- und Rekuperationsmodi schwärmen und die Vorteile der einzelnen Betriebsstrategien abwägen. Und natürlich probiert man das bei der ersten Testfahrt alles auch mal durch. Doch wenn die erste Neugier gestillt und der Spieltrieb befriedigt ist, will man von all den vielen Möglichkeiten nichts mehr wissen, sondern einfach fahren. Und das ist vielleicht die größte Stärke dieser B-Klasse: Dass der Antrieb so spektakulär unspektakulär funktioniert; man vergisst spätestens nach einer Viertelstunde, dass man in einem Elektroauto sitzt.

Die elektrische B-Klasse fährt nicht nur völlig gewöhnlich, sie sieht leider auch so aus. Während der BMW i3 mit einer futuristischen Karosse alle Blicke fängt und so revolutionär aussieht wie seinerzeit das erste iPhone, wirkt die B-Klasse in etwa so innovativ wie ein Smartphone mit Wählscheibe. Denn auch die blauen Spiegelkappen, der blau eingefärbte Kühlergrill, die neuen Schürzen und die fast komplett geschlossenen Felgen machen den elektrischen Benz nicht gerade zum Blickfang. Alltag statt Avantgarde eben.

Auch wenn es die Entwickler immer wieder betonen – so ganz kompromisslos gelingt aber auch Mercedes die Elektrifizierung nicht. Denn das Fahrwerk zum Beispiel kann nicht verhehlen, dass der Wagen mit dem riesigen Akku-Pack rund 200 Kilo schwerer ist als das Serienmodell. Und während der Kofferraum mit einem Fassungsvermögen von 501 bis 1456 Litern tatsächlich unverändert ist und i3 und Konsorten plötzlich ganz klein aussehen lässt, zahlen die Hinterbänkler die Zeche für den so genannten Energy-Space im Wagenboden. Sie haben zwar reichlich Beinfreiheit. Aber der Fußraum wird durch die Akku-Pakete so flach, dass man die Knie ziemlich weit anwinkeln muss und nicht mehr ganz so bequem sitzt wie im Serienmodell.

Mäusekino: Bis auf die Anzeigen ändert sich nicht viel im Innenraum der B-Klasse.

Der größte Kompromiss jedoch ist beim Preis nötig. Denn auch wenn Mercedes noch nicht verraten will, wieviel genau die B-Klasse in Deutschland mal kosten wird: billig wird das Auto sicher nicht. Schon in den USA kostet der Wagen 41.450 Dollar, umgerechnet also rund 30.000 Euro. Hierzulande wird der Preis wohl bei knapp unter 40.000 Euro liegen. Damit das gelingt, wird die Aufpreispolitik vergleichsweise abenteuerlich. Statt das Hightech-Flaggschiff mit allem aufzurüsten, was die Forschungsabteilung hergibt, lässt sich Mercedes die meisten Extras auch extra bezahlen. Und das gilt nicht nur für konventionelle Positionen wie ansehnliche Reifen, Sitzheizung oder Xenonleuchten. Sondern auch spezielle E-Features wie die zusätzlichen Rekuperationsmodi oder die XL-Ladung, mit der sich die Kapazität der technisch unveränderten Batterien im Einzelfall um 15 Prozent steigern lässt, schlagen zusätzlich zu Buche. Und selbst das für die Reichweitenberechnung oder die Suche nach einer Ladesäule unerlässliche Navigationssystem kostet Aufpreis – wenn die Schwaben da mal nicht auf dem Irrweg sind.

So eindrucksvoll die elektrische B-Klasse fährt und so schnell man sich an den neuen Antrieb gewöhnen kann: Ihre Entstehungsgeschichte wirft ein paar Fragen auf. Denn obwohl Mercedes nicht nur jahrelange Entwicklungserfahrung mit Elektrofahrzeugen hat, sondern zum Konzern auch eine eigene Fabrik für Elektromotoren und ein Akku-Hersteller gehören, ist die B-Klasse eigentlich keine Eigenentwicklung. Sondern ausgerechnet der Erfinder des Automobils hat sich beim Antrieb Entwicklungshilfe geholt und wirbt jetzt stolz mit dem Slogan „Tesla Inside“: Sowohl die Akkus als auch der Motor stammen in direkter Linie vom Model S des amerikanischen Herstellers ab. Kein Problem, sagen die Mercedes-Leute, denn erstens ist das ja nicht die schlechteste Referenz. Und Entwickler Strenkert sagt: „Wir hatten ein fertiges Auto und die Kollegen einen fertigen Antrieb – so haben wir im Projekt glatt zwei Jahre gespart.“ Zudem ist Daimler an Tesla beteiligt, so dass die Entwicklungshilfe der Amerikaner im Prinzip nichts anderes ist als eine Dividende.


Caterham Seven 165: Im siebten Himmel

Die nackte Kanone: Der Caterham besteht aus nicht viel mehr als Rädern und Motor.

Vier Räder, zwei Sitze, ein Motor und ein paar Alu-Bleche – mehr Auto braucht kein Mensch. Zumindest nicht, wenn er damit sportlich und schnell um die Kurven fliegen will. Keiner hat das besser verstanden als Colin Chapman, der Gründer von Lotus. Lange bevor seine Ingenieure den Sportwagen Elise auf die Räder stellten, entwickelte er bereits 1957 nach diesem Prinzip das Modell Super Seven – eine rasende Zigarre für Straße und Rennstrecke, die es mit Blick auf ein paar Schlupflöcher in der britischen Steuergesetzgebung auch als Bausatz zu kaufen gab. Zwar verlor Chapman schon bald die Lust an diesem Auto, und bei Lotus wurde die Produktion in den siebziger Jahren eingestellt, doch Firmen wie Caterham sei dank, lebt die Legende weiter. Obwohl das Auto aussieht wie von gestern und sich – abgesehen von den stetig modernisierten Motoren – an der Grundkonstruktion nur wenig geändert hat, fährt man im Seven nach wie vor mit Vollgas in den siebten Himmel.

Dafür braucht es in dem offenen Zweisitzer gar nicht viel. Das aktuelle Einstiegsmodell Seven 165 kostet 23.795 Euro und leistet fast schon lächerliche 80 PS – dennoch stiehlt man damit jedem Porsche die Schau. Nicht nur, weil einem alle Blicke sicher sind. Sondern auch, weil sich kaum ein anderes Auto so direkt, so unmittelbar, so sportlich anfühlt wie der spartanische Feger aus England. Kein Wunder, bei einem rekordverdächtigen Leergewicht von 490 Kilo.

Klein aber gemein: Drei Zylinder und 660 Kubik reichen völlig, wenn das Auto nur 490 Kilo wiegt.

Das geringe Gewicht erreichen die Briten übrigens nicht durch Karbon oder andere Hightech-Materialien, sondern durch eine Karosserie aus Aluminium und Kunststoff über einem Rahmen aus Gitterrohren und vor allem eine ganz alte Tugend: Verzicht. Denn jedweden Luxus hat sich Caterham einfach gespart. Das beginnt bei Dingen wie Radio oder Airbags und reicht bis weit unter die Motorhabe – schließlich fährt der nach seinem Leistungsgewicht in „PS pro Tonne“ benannte Seven 165 mit einem vergleichsweise mickrigen Dreizylindermotor, der samt Hinterachse und Fünfganggetriebe von Suzuki stammt. Doch in einem Auto wie diesem fühlen sich selbst ein Bonsai-Motor mit 660 Kubikzentimeter, 80 PS und 107 Nm Drehmoment an wie eine Rennmaschine. Wer in 6,9 Sekunden von 0 auf 100 beschleunigt, fühlt sich wie am Steuer eines Supersportwagens und die 161 km/h Spitze kommen einem vor, als müsse man gleich durch die Schallmauer knallen.

Aber so schnell will man ohnehin nicht fahren, und das hat natürlich nichts mit dem Verbrauch zu tun. Der liegt auf dem Prüfstand bei 4,9 Litern und lässt sich in der Praxis selbst bei mutwilliger Raserei nicht in zweistellige Bereiche treiben. Auf Tempoeskapaden verzichtet man in diesem Auto, weil alles über 100 Sachen mangels jeglicher Elektronik und einer praktisch nicht vorhandenen Knautschzone einer unnötigen Mutprobe gleicht. Außerdem gehe es bei diesem Auto nicht um die Höchstgeschwindigkeit, sagt der Hersteller, sondern um das Gefühl für die Fahrbahn, den Spaß in den Kurven und die Verbindung zwischen Fahrer und Fahrzeug, die enger kaum sein könnte – kein Wunder, bei diesem Format.

Grüße von gestern: Der Seven sieht aus wie ein Oldtimer, ist aber fabrikneu.

Es braucht deshalb schon ein bisschen Mut und mehr noch Geschick für den Umgang mit dem Seven. Das beginnt schon beim Einsteigen: Über die niedrigen Seitenschweller läuft man einfach drüber, aber in die Sitze hilft einem bei diesem Einbaum auf Rädern nur die Schwerkraft. Der Weg zu den Pedalen erinnert an den Versuch, mit beiden Füßen gleichzeitig durch ein Hosenbein zu steigen. Und sitzt man endlich im Auto, ist man dem Wind und den Blicken der anderen Verkehrsteilnehmer fast schutzlos ausgeliefert.

Vor allem im Stadtverkehr ist es ein ungewohntes Gefühl, wenn man wie in einer Badewanne ohne Wasser im Autostrom mitschwimmt und sich geradezu nackt und schutzlos vorkommt. Doch sobald die Verkehrsdichte nachlässt, kann der Genuss beginnen: Dann lässt der Seven Mensch und Maschine eins werden und macht jede Landstraße zur Lustmeile. Als hätten die Reifen magnetische Kräfte, klebt der Caterham in der Kurve und erlaubt Geschwindigkeiten, von denen man diesseits des Motorrades nur träumen kann. Aber selbst wenn der Fahrtwind die Mundwinkel noch so weit nach hinten zerrt und die Endorphine bei Vollgas Rumba tanzen, sollte man sich ein bisschen zusammenreißen. Erstens sieht ein glückseliges Dauergrinsen einfach dämlich aus, und zweitens bekommt man auf diese Art vor allem an lauen Sommerabenden reichlich Fliegen zwischen die Zähne.