Let’s go west: Im 422-PS-Mercedes mit fünf Tankstopps quer durch die USA

Jetzt geht's los: Im Herzen von Chicago beginnt die fast 4000 Kilometer lange Route 66.

Amerika ist das Land der Achtzylindermotoren. Zwar folgen auch die wieder genesenen „Big Three“ aus Detroit dem Trend zum Downsizing, und zum ersten mal sind in diesem Jahr in den USA mehr Autos mit V6- als mit V8-Motoren verkauft worden. Doch wenn der gemeine Amerikaner ein Auto nicht nur fahren, sondern lieben soll, dann müssen es schon acht Brennkammern sein. Erst recht bei einem Sportwagen. Das weiß auch die schnelle Mercedes-Schwester AMG, die jenseits des Atlantiks noch immer mehr Autos verkauft als überall sonst auf der Welt. Doch auch AMG muss auf den Verbrauch der Modelle achten, selbst wenn es nur für die Sozialhygiene ist. Auch AMG baut auf kleinere Hubräume – und könnte sich eigentlich zwei Zylinder sparen. Doch nicht zuletzt wegen der US-Kundschaft lässt man in Affalterbach nichts auf den V8 kommen und denkt sich lieber einen Kunstgriff aus: Zylinderabschaltung heißt das Zauberwort, dass den Kunden einerseits den geliebten Achtzylinder lässt, den Motor aber de facto zum Vierzylinder macht. Obwohl die Leistung gegenüber dem Vorgänger um 60 auf 422 PS steigt, geht der Verbrauch um mehr als 30 Prozent zurück, so die Theorie des Datenblatts: Mit einem Normwert von 8,4 Litern wird der SLK 55 AMG zum Sparer unter den Sportlern.

Sparer und Sportler: Trotz 422 PS braucht der SLK 55 AMG nur 8,4 Liter - die Zylinderabschaltung macht's möglich.Doch hält die Praxis, was die Theorie verspricht? Was bringt die freiwillige Selbstbeschränkung? Heißt halber Motor auch halber Spaß? Und wie fährt ein Sportwagen, wenn ihm plötzlich vier Zylinder fehlen? Um all diese Fragen zu klären, war der Roadster jetzt, kurz vorm Verkaufsstart im Januar (ab 72.590 Euro), unterwegs auf einer exklusiven Sparfahrt. Und wo besser hätte er die absolvieren können, als in den USA – der heimlichen Heimat von AMG und Motoren mit acht Zylindern?

Deshalb stehen wir jetzt, morgens um Sieben im nassen, windigen Chicago an einem unscheinbaren braunen Schild, das uns die nächsten 3800 Kilometer begleiten wird: „Route 66“ heißt unsere Strecke und ist nichts weniger als die „Mutter aller Straßen“, die durch drei Zeitzonen und acht Bundesstaaten führt und den düsteren Osten mit dem Goldenen Westen verbindet. Kalifornien heißt das Ziel und im Navigationssystem ist die berühmte Pier von Santa Monica programmiert, wo „Amerikas Hauptstraße“ endet.

Nachtfahrt auf der Mother Road: Wer in einer Woche von Chicago nach Los Angeles will, muss früh aufstehen und lange am Steuer bleiben.

Bis die Fahrt beginnt, ist der Verkehr schon etwas dichter in der „Windy City“ am Lake Michigan. Die Schlangen vor den roten Ampeln werden länger, die Start-Stopp-Automatik hat ordentlich zu tun, und der Verbrauch klettert sogleich ins Zweistellige. Zehn, elf, kurzzeitig sogar mal zwölf Liter stehen auf dem Bordcomputer, als der Sears-Tower langsam im Rückspiegel verschwindet und der SLK über die Interstate 55 nach Westen rollt. Hier hat der Motor leichtes Spiel mit dem SLK. Das Tempo auf kaum mehr als 120 km/h limitiert und von scharfen Cops penibel überwacht, rollt der Roadster mit weniger als 2000 Touren Richtung St. Louis, wo ein stählerner Bogen von fast 200 Metern Höhe als größtes Monument der Welt das „Tor zum Westen“ markiert.

Flach, gerade und gleichmäßig – das sind Strecken, wie sie Mercedes-AMG-Motorenentwickler Olaf Schulte liebt. Immer wieder stöpselt er bei der Pause den Laptop an und liest aus dem Datensatz des Steuergeräts, wie oft der SLK in jenem Modus läuft, den die Ingenieure „Halbmotorbetrieb“ nennen. Und löst dann mit der Analyse beim Fahrer Staunen aus: Bis zu 87 Prozent der Interstate-Etappen läuft der SLK nur auf vier Töpfen. Kein Wunder, dass der Verbrauch schneller wieder unter zehn und dann unter neun Liter fällt. Klar, für eine Mittelklasse-Limousine oder einen normalen SLK wäre das heute nichts Besonderes mehr. Doch bei einem Sportwagen mit 422 PS…

Die Überraschung ist um so größer, weil man den Unterschied am Steuer zumindest auf dieser Tour kaum merkt. Klar gibt es eine Anzeige im Cockpit, und wahrscheinlich könnte man trotz der Schallklappen im Auspuff auch etwas hören, wenn der Asphalt nicht so rau und schartig wäre. Doch das Abschalten selbst funktioniert wie von Geisterhand. Nur wenn man vor einer Kuppe oder beim Überholen etwas mehr Gas gibt und sich in wenigen Sekundenbruchteilen alle Zylinder wieder zurückmelden, geht ein kleiner Ruck durchs Auto. Das fühlt sich an, als würde die Automatik einen Gang zurück schalten und ist durchaus stimmig. Denn danach geht es ja tatsächlich umso flotter voran.

Seltener Gast: Die Strecke nach Los Angeles schaffte der SLK mit fünf Tankstopps.

Natürlich wäre es für den Verbrauch das Beste, brav auf der Interstate zu bleiben. Und mit Blick auf den Luftwiderstand verbietet sich auch der Griff zum Verdeckschalter. „Das offene Dach kostet mindestens ein Zehntel“, warnen die Ingenieure. Doch der SLK ist nicht umsonst ein Roadster, den man bei passendem Wetter gefälligst offen genießt. Und die Route 66 ist kein Highway mehr, sondern ein Byway und inzwischen die vielleicht berühmteste Nebenstraße der Welt.

Wo immer es geht, führt unser Weg deshalb runter von der Interstate, die nicht nur die Route 66 geleert hat, sondern auch die vielen hundert kleinen Städte entlang der früheren Magistrale. Wie ein Pfadfinder bei der Schnitzeljagd sucht man sich den Weg über enge Sträßchen, pockennarbige Asphaltpisten und geisterhafte Siedlungen, in denen die Motels zerfallen und sich die Natur alte Tankstellen zurück erobert.

Schneller Sparer: In 4,6 Sekunden von 0 auf 100 und 250 km/h Spitze - das sind die Eckdaten für den SLK 55 AMG.

Je einsamer die Strecken und je länger später in New Mexiko, Arizona und in den Wüsten von Kalifornien die Geraden werden, desto größer ist die Versuchung, mal richtig aufs Gas zu treten und den Sportler im Sparer zu wecken. Immerhin schlummern da vorne unter der Haube acht Zylinder mit 5,5 Litern Hubraum, denen bis zu 540 Nm zu entlocken sind. Das würde für einen Sprintwert von 4,6 Sekunden und viel mehr als die 250 km/h reichen, bei denen AMG dem Motor einen Riegel vorschiebt. Aber das reicht in Amerika auch schon für ein paar Monate Knast. Und wer die morbiden Motels entlang der Route 66 gesehen hat, möchte sich eine Zelle gar nicht erst vorstellen. Außerdem heißt das Motto der Tour “reisen, nicht rasen” und der Blick auf den Bordcomputer ist ein schöner Trost. Seit mehr als tausend Kilometern stehen dort schon 8,8 und später sogar 8,7 Liter. Warum das so ist, erklärt AMG-Ingenieur Schulte mit einer weiteren Grafik auf dem Laptop. Selbst auf den kurvigen Straßen von New Mexiko, dem Landstraßenabstecher durch Kansas oder den Hügeln zwischen Arizona und Kalifornien macht sich die Zylinderabschaltung bezahlt und schickt den halben Motor überraschend oft in die Zwangspause. „Es gibt keinen Streckenabschnitt, auf dem nicht der Vierzylinderbetrieb überwiegt“, sagt Schulte und beziffert den V8-Anteil für die gesamte Route 66 auf weniger als 40 Prozent.

Zieleinlauf: Nach knapp 4000 Kilometern rollt der SLK in Santa Monica auf den Pier - mit einem Praxisverbrauch von 8,7 Litern.

Kein Wunder also, dass der SLK nur selten an einer Zapfsäule jener Kette steht, die sinnigerweise mit einem großen „Route 66“-Logo wirbt. An den meisten alten Tankstellen posiert er nur fürs Foto, und die vielen weiteren Pausen sind nur nötig, weil der Fahrer nicht ganz so genügsam ist wie sein Auto. Insgesamt reichen dem SLK fünf Tankstopps und 340 Liter Sprit für die fast 4000 Kilometer nach Los Angeles. Als der Wagen dort auf dem Santa Monica Pier einläuft, hat der Bordcomputer zwischendurch sogar mal kurz 8,6 Liter angezeigt, bevor er sich wieder bei 8,7 Litern einpendelt und den Normwert um lediglich drei Zehntel verfehlt. So können sich nicht nur die Amerikaner den Achtzylinder gefallen lassen.



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