Brutus: Der Höllenhund für Teufelskerle

Schwarzer Renner: Zwölf Zylinder mit zusammen mehr als 46 Litern Hubraum machen den Fahrer zum "Rocketman".

46 Liter Hubraum, 12 Zylinder, 750 PS und 10.000 Nm Drehmoment – dagegen sieht jeder moderne Sportwagen ziemlich alt aus. Dabei hat der brachiale Bolide mit diesen Leistungsdaten selbst schon mehr als 100 Jahre auf dem Buckel – zumindest in Einzelteilen. Denn der schwarze Star aus den Auto- und Technikmuseen in Sinsheim und Speyer basiert auf einem American-La-France-Chassis von 1908, in dem ein BMW-Flugzeugmotor aus dem Baujahr 1925 tobt.

Zusammengefunden haben die beiden Oldie-Teile allerdings erst vor ein paar Jahren. Als Museumschef Hermann Layher und seine Mechaniker den Zwölfzylindermotor zum ersten Mal wieder zum Laufen brachten,fiel auf Anhieb eine Entscheidung. „Die Maschine ist viel zu schade, um nur auf einem Gestell in die Ausstellung zu wandern. Die muss wieder ein Fahrzeug antreiben, und zwar am besten in einem Auto.“ Also wurde der alte Flugmotor – genau wie bei den kühnen Weltrekordfahrer aus der Zeit zwischen den Kriegen – in einen noch älteren Rennwagen montiert und so eine wahre Höllenmaschine geschaffen, die selbst Teufelskerle in ihre Schranken weist. Nicht umsonst hat Layher den Wagen respektvoll Brutus genannt. „Wie der römische Kaisersohn trachtet dieses Auto seinem Schöpfer nach dem Leben“, sagt er leicht schwülstig. Nur dass Layher und seine Mechaniker bislang etwas vorsichtiger waren als Cäsar.

Rennzigarre: Wie schnell der Brutus ist, weiß keiner so genau Bei 200 km/h hat die Mechaniker der Mut verlassen.

Obwohl erst im neuen Jahrtausend gebaut, sieht die schwarze Rennzigarre aus, als wäre sie schon in den zwanziger Jahren gegen Autos wie den Fiat Mefistofele oder den legendäre Blitzen-Benz angetreten. „Wir haben uns um so viel Originalität bemüht wie möglich“, sagt Mechaniker Jörg Holzwarth. Deshalb sind die verkleideten Räder aus Holz und tragen Reifen aus Vollgummi, die Karosserie wurde nach vergilbten Fotos aus Aluminiumblechen über einen Holzrahmen gedengelt, Schaltung und Handbremse ragen an dünnen Hebeln außen an der Karosse hoch und den Antrieb übernehmen zwei Ketten, die wie beim Fahrrad um die Hinterachse laufen. Selbst ein Typenschild wurde in der Museumswerkstatt gefräst und diese auf der Plakette zu den „Brutus Werken Eibensbach“ geadelt. Etwas versteckt sitzt im Innenraum noch ein Emaille-Schild mit der Aufschrift „Hubraum statt Wohnraum“.

Kraftwerk: Der Zwölfzylindermotor stammt aus einem Jadgflieger, der im spanischen Bürgerkrieg im Einsatz war.

Herzstück des über fünf Meter langen Zweisitzers ist der gewaltige Motor, bei dem jeder einzelne Zylinder mehr Hubraum hat als der Sechszylinder-Boxermotor eines Porsche 911: Ein Gebirge aus Stahl, das BMW ab 1925 für Kampfflieger wie die Messerschmitt Me 109 oder die Heinkel He 9 baute. Mehr als zwei Meter lang und wahrscheinlich schwerer als ein Smart, hat dieses Triebwerk Kraft ohne Ende. Während die Ventilhebel so langsam klacken, dass man ihnen in Ruhe zuschauen kann, schüttelt der Kraftprotz 500 PS aus dem Ärmel. Zum Start, also kurzzeitig, sind es sogar 750 PS und urgewaltige 10.000 Nm. Das ist fast die zehnfache Antrittskraft eines Bugatti Veyron. Kein Wunder, dass dem Motor 800 Touren reichen, um den Brutus auf Tempo 100 zu beschleunigen. Normale Vierzylinder würden dabei röchelnd verenden. Dafür jedoch schluckt der V12 in der Minute mehr Sprit als ein Smart im ganzen Monat. „Unter 60, eher 80 Litern auf 100 Kilometer geht nichts“, schätzt Mechaniker Holzwarth.

Noch imposanter als der urgewaltige Kraftakt ist allerdings der Höllenlärm, den der Eigenbau-Oldie Brutus veranstaltet: Beim Anlassen wackeln die Wände, beim Losfahren flattern den Zuschauern die Hosenbeine, der Asphalt beginnt beinahe zu kochen und durch das Ofenrohr der Auspuffanlage schießt die Luft so heiß, dass man im Abgasstrom sogar Würstchen grillen kann – auch das ist eine Art von Energierückgewinnung.

Heiße Sache: Wenn der Brutus läuft, kann man unter seinem Auspuff sogar Würstchen grillen.

Wer den Höllenhund zähmen will, der klettert auf den Fahrersitz, und zwar hinweg über die außen liegenden Zahnräder und die hohe Blechbrüstung. Vom Motor trennt einen dabei nur ein dünnes Gitter, durch das schon kurz nach dem Anlassen die Hitze glüht. Dabei sollte man extreme Vorsicht walten lassen: Denn Kupplung und Gas sind vertauscht. Eine Verwechslung könnte im Fiasko enden! Das riesige Lenkrad vor der Brust, die endlose Haube vor Augen, den Lärm in den Ohren und viele hundert Liter Sprit im Rücken, fühlt man sich fast wie beim Ritt auf einer Rakete.

Los geht die Fahrt sobald man den außen liegenden Knüppel in den ersten Gang drückt. Noch einmal hört man den Brutus brüllen, dann schwinden dem Fahrer im Rausch des Rasens fast die Sinne. Das Auto jagt davon, als wolle es abheben, schließlich bollert ja ein Flugzeugmotor unter der Haube.

So wird der Wagen schnell und immer schneller und die lange Gerade plötzlich viel zu kurz. Kurven werden zum Kraftakt, das Bremsen erfordert starke Beine, und am Ende weiß man nicht, ob es der Angstschweiß war oder die Tränen der Beigeisterung, was einem da das Gesicht benetzt. Dabei haben wir bei der Testfahrt kaum über Tempo 100 erreicht. Was bei Vollgas tatsächlich alles möglich wäre, wissen nicht mal die Mechaniker, die ihn gebaut haben: „Mehr als 200 km/h haben wir bislang noch nicht gewagt.“



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