Renault Zoe: Schmucker Stromer von der Seine

Von der Vision zur Wirklichkeit: Viel fehlt nicht mehr, damit aus der Studie ein Serienmodell wird.

Da hat Petrus die perfekte Show inszeniert. Dicker Nebel liegt über dem Testgelände von Mortefontaine, es ist gespenstig ruhig, dann hört man ein leises Surren, sieht ein paar LED-Punkte aufblitzen, und wie von Geisterhand rollt ein eleganter Kleinwagen ins Bild, als käme er direkt aus der Zukunft. Der Auftritt ist spektakulär, aber völlig überflüssig. Denn was sich da wie eine Vision aus dem Nebel materialisiert, das ist kein Wunschtraum der Entwickler mehr, sondern das wird bald Wirklichkeit. „Sehr bald sogar“, sagt Designer Axel Breun, und bittet zur ersten Testfahrt im Renault Zoe. Letzten Herbst noch ein Studie auf dem Pariser Salon, soll er im Sommer 2012 als erstes originäres Elektroauto der Franzosen auf den Markt kommen und sich bis dorthin kaum mehr verändern, verspricht der Designer: „Zu 90 Prozent entspricht das Auto bereits dem Serienmodell.“

Das Rendezvous mit der nahen Zukunft beginnt mit einem kleinen Zaubertrick. Wo andere Autos einen Türgriff haben, leuchtet beim Zoe nur das Signet eines Schaltplans, in dem ein Berührungssensor integriert ist. Handauflegen genügt, schon springt die Tür auf und gibt den Zugang frei zu einem faszinierend gestalteten Innenraum, der so gar nicht zu einem Kleinwagen von 4,09 Metern passen will. Erstens hat man bei 2,92 Metern Radstand genügend Platz auf allen Plätzen und sogar noch 292 Liter Kofferraum. Und zweitens überrascht der Zoe mit seinem liebevollen Ambiente: Wo der aktuelle Clio eine enge, graue Höhle ist, gibt sein Bruder von Morgen den luftigen Luxusliner. Durchs große Glasdach fällt viel Licht auf die weißen Konsolen mit den blau funkelnden Chrom-Intarsien, die hellen Sitze machen sie verdammt dünne, und alle Oberflächen sehen so glatt und edel aus, als hätten Breun und seine Kollegen ein paar Mal zu oft mit ihrem iPod gespielt.

Garantierte Tiefenentspannung: Innen will der Zoe eine Wellnessoase auf Rädern sein.

„Und das ist noch nicht alles“, verrät der Designer. Denn inspiriert von den vielen Day-Spas, die in Paris gerade wie Pilze aus dem Boden schießen, hat er den Zoe zur Wellness-Oase auf Rädern gemacht. Gemeinsam mit L’Oreal entwickelt Renault beruhigende Düfte, über die durchleuchteten Konsolen läuft eine psychedelische Light-Show, alle störenden Gerüche der Großstadt werden von der intelligenten Klimaanlage gefiltert, und aus den Boxen surrt ein Entspannungssound, den Renault eigens bei  Musikwissenschaftlern in Auftrag gegeben hat. Stress, Hektik, Anspannung und Adrenalin – das passt für die Franzosen nicht mehr in die cleane Elektro-Welt.

Auch der Antrieb wird bei dieser Tiefenentspannung nicht stören: Im Prototypen bleibt der Puls noch unten, weil der Motor noch nicht die volle Leistung erreicht und man kaum mehr als Tempo 50 erreicht. Und in der Praxis, so verspricht ein Mechaniker auf dem Beifahrersitz, soll der Zoe so flink und flüsterleise fahren, als werde man von Scotty ans Ziel gebeamt. 82 PS leistet der Motor, kommt auf 222 Nm und schafft immerhin 135 km/h.

Dass man sogar beim Blick auf den Bordcomputer den entspannten Gleichmut wahrt, ist ein Verdienst der Lithium-Ionen-Akkus im Wagenboden. Sie haben eine Kapazität von 22 kWh und reichen damit für 160 Kilometer. Das ist mehr, als derzeit bei allen anderen Stromern aus der Serie. Außerdem geht das Laden hier viel schneller – vorausgesetzt, bis zur Markteinführung gibt es auch in Europa ein paar „Quickdrop-Station“, wie sie Shai Agassi mit seiner Firma „Betterplace“ gerade in Japan und Amerika installiert. Sie erinnern auf den ersten Blick an Autowaschanlagen und tauschen den leeren Akku binnen drei Minuten automatisch gegen einen vollen aus – schneller kann man ein Elektroauto nicht tanken. Da aber selbst Renault nicht mit einem flächendeckenden Netz an Wechselstationen rechnet, wurde vorn in die neue Raute natürlich trotzdem eine Stckerbuchse integriert. Über sie braucht der Zoe an der Haushaltssteckdose vier bis acht und an der Schnellladesäule etwa eine halbe Stunde zum Volltanken.

Kurz und knackig: Nur 4,09 Meter lang, bietet der Zoe überraschend viel Platz.

Obwohl der Zoe an diesem Tag wie ein großes Geheimnis aus dem Pariser Morgennebel fährt, geben sich die Franzosen bei ihrem vielleicht wichtigsten Auto der nächsten Jahre alles andere als nebulös. Selbst über den Preis spricht Axel Breun schon ziemlich offen: „In Frankreich soll das Auto so viel kosten wie ein Clio mit Dieselmotor“, sagt der Designer und stellt damit etwa 16 000 Euro in den Raum. Allerdings kommen dann noch die 5 000 Euro dazu, mit denen die Regierung in Paris die Stromer subventioniert. Weil es bei uns keinen Bonus für die Stromer gibt, müssten deutsche Kunden mit etwa 21 000 Euro kalkulieren. Angesichts der über 30 000 Euro für den sehr viel kleineren Mitusbishi i-Miev klingt das erst einmal verlockend. Doch hat die Sache einen kleinen Haken: Den Zoe gibt’s wie alle Elektromodelle von Renault nur ohne Akku. „Den muss man für etwa 70 Euro im Monat dazu mieten“, erläutert ein Renault-Sprecher. Aber auch dann kann man verdammt lange fahren und sparen, bevor sich das Strom-Schnäppchen als teurer Luxusliner für Hardcore-Ökos entpuppt.


Ein Kommentar für “Renault Zoe: Schmucker Stromer von der Seine”

  1. 1 Tanken Sie Adrenalin said at 12:53 on März 17th, 2011:

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