Mercedes SLS AMG E-Cell: Flügeltürer unter Strom
Er ist grell, schnell und sauber. Kaum hat Mercedes AMG den SLS auf die Straße gebracht, schicken die Schwaben einen elektrischen Flügeltürer hinterer. Allerdings vorerst nur ein Einzelstück, erst 2013 soll es das Auto zu kaufen geben. Doch über den Preis wollen die Entwickler lieber noch nicht reden, weil der sich nach aktuellem Stand wahrscheinlich mindestens doppelt so hoch wie der des konventionell angetriebenen Sportwagens sein müsste, wenn Mercedes Geld mit dem Auto verdienen will. Doch nach dem Erfolg des Nischenmodells Tesla Roadster und dem Trara, das Audi um den Elektro-Prototyen E-tron veranstaltet, will Mercedes AMG nicht länger hinten anstehen und bat zur Testfahrt mit dem elektrischen Prototypen.
Lackiert in der fluoreszierenden Farbe “Lumilectric” und rasant wie es sich für einen Supersportwagen gehört, jagt der Flügeltürer wie ein Blitz im Gewitterhimmel durch den Nieselregen an der grauen norwegischen Atlantikküste und beweist mit jedem Meter, dass Autofahrern auch in der Zeit nach dem Ölverbrennen nach Spaß machen könnte.
Denn auf Faszination muss bei diesem E-Auto keiner verzichten. Projektleiter Jan Feustel: „Wir haben uns vorgenommen, mit diesem Auto das Thema Supersportwagen neu zu definieren.“ Dafür stehen vier Elektromotoren nahe den Rädern bereit, die zusammen auf 533 PS und 880 Nm kommen. Ebenso neue Möglichkeiten in Sachen Fahrdynamik, die mit dem Elektrokonzept einhergehen: Allradantrieb, variable Drehmomentverteilung für jedes Rad und eine Rekuperationsbremse, die sich wie Zurückschalten anfühlt – mit solchen Finessen wollen die Schwaben die bisherigen Erwartungen an ein elektrisch angetriebenes Fahrzeug neu definieren.
Das Fahrgefühl ist tatsächlich eindrucksvoll. Dass Elektroautos einen starken Antritt haben und schnell beschleunigen können, ist mittlerweile bekannt. Doch katapultiert der SLS den Fahrer in eine ganz andere Liga: Vier Sekunden für den Sprint auf Tempo 100, elf Sekunden bis 200 km/h und ein Limit von 250 Sachen – da bleiben die meisten anderen Stromer auf der Strecke.
Doch ist es ist nicht nur die Längsbeschleunigung, die den SLS E-Cell zum Faszinosum macht. Selbst wenn die Lenkung noch ungewohnt ist und sich die 300 Kilo Mehrgewicht vor allem in Kurven nicht wegdiskutieren lassen, ist der Batterie-Bolide ohne Zweifel der sportlichste und bislang ausgereifteste Stromer. Und so dauert die Testfahrt keine fünf Minuten, sondern mehr als eine Stunde. Und selbst nach 80 Kilometern auf einsamen Landstraßen zeigt die Ladeskala der Batterie noch eine Energiereserve von mehr als 50 Prozent.
Eindrucksvoll wie die Beschleunigung ist die das Bremsen. Die Keramikscheiben sind nicht sonderlich feinfühlig, und lange bevor man tatsächlich aufs Pedal tritt, kann man den Wagen mit Tasten am Lenkrad verzögern. Mit ihnen lässt sich der Grad der Rekuperation bestimmen. So wird der Motor zum Generator und produziert während der Fahrt Strom.
Neben dieser Art von Schaltwippen gibt es eine so genannte AMG Drive Unit auf dem Mitteltunnel. Die besteht aus drei einfachen Druckknöpfen für Parken, Vorwärts- und Rückwärtsfahren. Zudem können vier verschiedene Performance-Stufen vorgewählt werden. C steht für City und Comfort. Da wird der SLS zum Cruiser, rollt mit 40 Prozent der Leistung und fährt maximal 120 km/h – ist aber besonders sanft unterwegs und hat die größte Reichweite. Am anderen Ende der Skala gibt es einen Rennmodus, bei dem alles auf Volldampf programmiert ist.

Zisch und weg: Kaum fällt ein Schatten aufs Fahrpedal, jagt der SLS davon als würde Scotty ihn beamen.
Während diese Elemente schon aus dem konventionellen SLS vertraut sind, haben die Entwickler bei der Instrumentierung ihren Spieltrieb ausgelebt: Die Mittelkonsole sieht jetzt nach Zukunft aus, weil die billige Bedieneinheit aus der C-Klasse einem modernen Touchscreen im Stile eines Apple iPad gewichen ist. Und auch im Blickfeld des Fahrers sieht es anders aus. Wo beim normalen SLS noch echte Zeiger durch klassische Rundinstrumente rotieren, gibt es hier Bildschirme mit fast hypnotischer Wirkung. Denn im Tacho dreht sich die Skala kreisweise um einen festen Zeiger. Und dort, wo sonst der Drehzahlmesser ist, gibt es jetzt eine Leistungsanzeige für den Ladestand der Batterie und den Energiefluss beim Bremsen und Rekuperieren.
Statt eines Tanks hat der elektrische SLS mehrere hundert Lithium-Ionen-Zellen an Bord, die in sechs Paketen gebündelt sind. Je zwei davon sind vorn und hinten unter der Haube , zwei im Mitteltunnel untergebracht. So bleibt die Gewichtsverteilung in der Balance und die Karosseriestruktur muss nicht verändert werden.
Die Fahrleistungen liegen nahezu auf dem Niveau des 571 PS starken Benziners. Und den Sound bewertet Projektleiter Feustel als ähnlich extrem wie bei einem SL 63 „nur eben am anderen Ende der Skala“. Einzig bei der Reichweite kann es der Stromer mit den anderen AMGs noch nicht aufnehmen. Doch die insgesamt 324 Zellen mit 40 Amperestunden und 48 Kilowattstunden Kapazität haben immerhin genügend Saft für 150 bis 180 Kilometer. Danach muss der Flügeltürer für acht Stunden an die Steckdose.
Dass AMG kaum mehr als ein halbes Jahr nach der Ankündigung des Strom-Sportlers einen derart ausgereiften Prototypen vorzeigen kann, hat einen einfachen Grund. „Wir haben diese Variante von Anfang an mit eingeplant und den Flügeltürer entsprechend konzipiert“, sagt Feustel. Um so schwerer wird jetzt die Geduldsprobe für all jene AMG-Kunden, die gerne einen solchen Elektro-Sportwagen bewegen würden. Projektleiter Feustel vertröstet sie: „Für den Feinschliff brauchen wir noch zwei Jahre. Vor 2013 wird der SLS E-Cell nicht auf den Markt kommen.“

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